Interview mit Ingolf Jakobi Elektrohandwerke: "Politik muss Blick auf das Gebäude richten"

ZVEH-Chef Ingolf Jakobi über Chancen mit der Ampel-Koalition, ein zeitgemäßes Image durch neue Berufe sowie den Stellenwert von Datenökonomie und moderner Bausubstanz.

Ingolf Jakobi
Ingolf Jakobi, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke - © ZVEH

Herr Jakobi, wie glücklich sind Sie mit der neuen Regierung?

Ingolf Jakobi: Fragen Sie mich das nochmal in vier Jahren. Grundsätzlich bin ich aber zufrieden mit dem Koalitionsvertrag, weil die Zeichen darin auf Digitalisierung und Klimaschutz stehen. Für diese Themen steht unsere Organisation. Sie haben unseren Betrieben die gute Auftragslage der letzten Jahre beschert und werden es weiterhin.

Was erwarten Sie abseits vom Inhaltlichen?

Gerade in Zeiten des Wandels muss die Bundesregierung uns Klarheit über die Energiepfade verschaffen. Die E-Handwerksbetriebe brauchen langfristig gültige Vorgaben und Planungssicherheit. Die Art und Weise, wie die Koalition ihren Vertrag ausgehandelt hat, gibt mir eine gewisse Hoffnung, dass ein verlässlicher politischer Partner am Regierungsruder steht. Ein gutes Signal sehe ich auch darin, dass Klimaschutz und Wirtschaft in einem Ministerium und unter einem Dach vereint sind.

Die SPD will sich mehr der Sozialpolitik widmen. Rechnen Sie mit unternehmensfeindlicher Politik?

Ich hatte nicht den Eindruck, dass die alte Regierung der Sozialpolitik zu wenig Gewicht beigemessen hat. Natürlich wird die Ampelkoalition die Schwerpunktsetzung modifizieren. Eine Überbetonung der Sozialpolitik sollte es aber nicht geben. Fortschritte bei Klimaschutz und Digitalisierung werden nur erreicht, wenn das Regierungshandeln ausgewogen ist und möglichst viele Bürger diese Themen als Chance begreifen. Die Energiewende gelingt nur, wenn breite Teile der Bevölkerung sie unterstützen. Sie misslingt, wenn die Ziele mit ständig steigenden Energiepreisen in Verbindung gebracht werden und die Digitalisierung als Bedrohung für die Arbeitsplätze betrachtet wird. Von daher ist der Ansatz der Ampelkoalition richtig, die Bürgerinnen und Bürger von diesen Zukunftsthemen zu überzeugen.

"Bei den Grünen habe ich in den vergangenen Jahrzehnten oft gespürt, dass sie gerade für die Interessen der E-Handwerker ein guter Gesprächspartner sein können."

Sind FDP und sogar die Grünen wirtschaftsnäher?

Die FDP setzt erfreulicherweise eher auf marktwirtschaftliche Mechanismen. In der Zusammenarbeit mit den Grünen habe ich in den vergangenen Jahrzehnten oft gespürt, dass sie gerade für die Interessen der E-Handwerke mit ihrer Klimaschutzorientierung ein guter Gesprächspartner sein können. Die Partei steht für die Unterstützung regionaler, überschaubar großer Wirtschaftseinheiten, wie sie typisch für das Handwerk sind. Wenn man seinen Gesprächspartnern erläutert, was elektrohandwerkliche Unternehmen für den Klimaschutz und die Digitalisierung leisten können, dann trifft man auf offene Ohren. Wenn sich die Zielvorgaben der Grünen stärker mit den ökonomischen Ansätzen der FDP verbinden lassen, kann hier eine gute politische Leitidee entstehen.

Das klingt alles sehr einverstanden. Fehlt Ihnen was?

Was mir fehlt, ist eine Würdigung der modernen Gebäudetechnik. Die Politik muss den Blick darauf richten, dass das elektrische, digitalisierte Gebäude einen wichtigen Knotenpunkt für die Energiewende darstellt. Im Neubau hat die Politik eine höherwertige technische Ausstattung bereits als notwendig erkannt. Aber auch der Gebäudebestand muss dringend ertüchtigt werden, weil viele Anlagen den Anforderungen an moderne Elektro- und Informationstechnik nicht mehr genügen. Darüber hinaus gibt es einen weiteren entscheidenden Handlungsauftrag.

Und der wäre?

Datenökonomie. Der Umbau der Energieversorgung wird nur gelingen, wenn die Daten, die in intelligenten Gebäuden generiert werden, dem E-Handwerk zur Verfügung gestellt werden. Natürlich immer in Absprache mit den Kunden. Bleiben die Informationen in der Hand mächtiger Konzerne, wird der Umbau der Energieversorgung im Interesse dieser Unternehmen ablaufen und sich nicht an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Zudem käme das einem Marktausschluss handwerklicher Energiedienstleister gleich. Im Koalitionsvertrag gibt es dazu einen vorsichtigen Ansatz: Es soll ein „Dateninstitut“ eingerichtet werden, eine neutrale Institution, über die Informationen so verteilt werden, dass auch handwerklich-mittelständische Unternehmen neue Dienstleistungen entwickeln können.

"Klimaschutz und Energiewende sind seit vielen Jahren Garanten für eine erfolgreiche Entwicklung der E-Handwerke."

Klimaschutz ist bestimmendes Thema der Regierung. Was ergibt sich daraus für die Branche?

Klimaschutz und Energiewende sind seit vielen Jahren Garanten für eine erfolgreiche Entwicklung der E-Handwerke. Sie werden auch in den nächsten Jahren für eine gute Auftragslage sorgen. Photovoltaik, Energiemanagement und Energieeffizienzdienstleistungen tragen maßgeblich zu der erfreulichen Umsatzentwicklungen in unserer Branche bei. Der aktuelle Jahresumsatz beläuft sich auf 68,4 Mrd. Euro. Und trotz Fachkräfteknappheit konnte die Zahl der Beschäftigten auf über 520.000 gesteigert werden. Seit einigen Monaten springt auch das Thema Elektromobilität hervorragend an. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur ist ein Kernthema der E-Handwerke. Was im Koalitionsvertrag vernachlässigt wird: Ladevorgänge finden zu 80 Prozent daheim oder am Arbeitsplatz statt. Angesprochen im Koalitionsvertrag wird aber in erster Linie der Ausbau der Ladeinfrastruktur im öffentlichen Bereich. Das ist ein Fehler. Denn gerade, wenn Sie Ihr Auto zu Hause mit dem durch die eigene PV-Anlage erzeugten Strom laden, verhalten Sie sich umweltpolitisch sinnvoll. Wenn Ihr intelligentes Haus über ein Energiemanagementsystem verfügt, sorgt dieses dafür, dass der eigenerzeugte Strom immer optimal genutzt wird. Hier wird deutlich, wie die Kopplung von Energie und Verkehr künftig – auch im privaten Bereich – funktionieren kann.

Die Auftragslage ist schon jetzt gut. Aber wie sehr wird sie behindert durch Lieferschwierigkeiten bei Material und Produkten?

Die Corona-Pandemie hat der E-Branche bislang nicht geschadet. Die Lieferengpässe stellen uns allerdings vor ernsthafte Probleme. So kommt kaum ein elektronisches Gerät ohne Chips aus. Deren Preis hat sich jedoch innerhalb von zwölf Monaten mehr als verfünfzigfacht. Die E-Handwerksbetriebe haben auf die Lieferengpässe sehr flexibel reagiert und zunächst die Aufträge abgearbeitet, für die Material vorhanden war. Diese Flexibilität wird auch weiterhin gefragt sein, denn die Lieferengpässe werden noch bis mindestens Mitte 2022 anhalten.

Anscheinend akzeptieren nicht alle Kunden die gestiegenen Preise?!

Das ist leider zutreffend. Während industriell/gewerbliche und private Kunden bereit waren, höhere Preise zu akzeptieren, haben öffentliche Auftraggeber auf den vor längerer Zeit ausgehandelten, teilweise jahrealten, Preisen bestanden. Dieses Verhalten hat Unternehmen, die sehr stark von öffentlichen Aufträgen abhängig sind, in arge Bedrängnis gebracht. Leider haben auch unsere Vorschläge an das Bundeswirtschaftsministerium, wie man die Situation mit mittel-, kurz- und langfristigen Maßnahmen entschärfen kann, keine Beachtung gefunden.

"Mit den Techniken und Lösungen, für die die E-Branche steht, kann man Ökonomie und Ökologie versöhnen."

Wie groß ist die Gefahr, dass die Energiewende angesichts fehlender Haushaltsmittel wieder wie seit Jahren abgewürgt wird?

Die Ampelkoalition wird die ambitionierten Ziele beim Klimaschutz nicht als erstes dem Rotstift zum Opfer fallen lassen. Ich gehe davon aus, dass sie – trotz des Gegenwindes in Sachen regenerative Energien auf europäischer Ebene – ihre Klimaschutzziele mit großer Energie weiterverfolgen wird.

Für eine Konsolidierung könnten aber doch Steuererhöhungen fällig werden.

Hier setze ich auf die FDP. Dort ist das Wissen vorhanden, dass es dem Staat wirtschaftlich nie besser geht als dann, wenn es den Unternehmen gutgeht. Ist die Ertragssituation der Unternehmen günstig, zahlen diese einen entsprechend hohen Betrag an Steuern. Mit den Techniken und Lösungen, für die die E-Branche steht, kann man Ökonomie und Ökologie versöhnen. Das heißt: Wenn die Politik die Weichen richtig stellt, wird sich die E-Branche weiter positiv entwickeln und für ein nennenswertes Steueraufkommen sorgen.

Stichwort Azubis. Das Angebot an Lehrlingen wächst nicht. Wie sichern Sie trotzdem Nachwuchs?

In den E-Handwerken wächst die Zahl der Azubis mittlerweile im sechsten Jahr in Folge. Den trotz Corona anhaltenden Anstieg führe ich auf unsere langjährige Nachwuchskampagne "E-Zubis" zurück. Aber auch darauf, dass wir unsere Ausbildungsberufe immer aktuell und die Inhalte attraktiv gehalten haben. Die Berufe sind auf die Bedürfnisse des Marktes und die Herausforderungen der Digitalisierung ausgerichtet. Gerade im Zuge der jüngsten Ausbildungsordnungsnovelle haben wir einen ganz neuen Beruf entwickelt: den Elektroniker für Gebäudesystemintegration. Indem der neue Beruf sich nicht mehr an Gewerkegrenzen orientiert, sondern die Schnittstellen zu Nachbargewerken sowie die vollständig vernetzte Gebäudetechnik in den Mittelpunkt der Ausbildung stellt, beschreiten wir für das Handwerk ganz neue Wege. Der neue Beruf trägt dazu bei, Gebäude netzdienlich und fit für die Energiewende zu machen. Kunden bietet er zudem ein hohes Maß an Leistungen aus einer Hand, weil er die verschiedenen Aufgaben, die ein Gebäude zu leisten hat, zusammenführt – von der Energieerzeugung über die -speicherung und die -verteilung bis hin zur Sektorkopplung.

"Den Anteil der Abiturienten an den Azubis wollen wir mit dem neuen Beruf des 'Gebäudesystemintegrators' weiter steigern."

Mit Hightech-Berufen sprechen Sie aber nur eine bestimmte Gruppe an.

Die E-Zubis-Kampagne des ZVEH unterscheidet sich etwas von der Nachwuchskampagne des ZDH. Wir setzen stärker auf gut vorqualifizierte junge Menschen und sprechen vor allem Schulabgänger mit Abitur und Fachhochschulreife oder Studienumsteiger an. Den Anteil an Abiturienten wollen wir mit dem neuen Beruf des "Gebäudesystemintegrators" weiter steigern. Die Ausbildung in den E-Handwerken gehört zu den anspruchsvollsten handwerklichen Ausbildungsgängen. Mit den Inhalten unserer Ausbildungsberufe zeigen wir, dass das Niveau handwerklicher Ausbildung eine echte Alternative zu einem Studium darstellt.

Haben denn die Berufe die gewünschte Wahrnehmung?

Die Zuwachsraten, die wir bei der Zahl der Lehrverträge in den letzten Jahren verzeichnen konnten, sind ein großer Schritt in die richtige Richtung. Mittlerweile werden in den innovativen Ausbildungsberufen der E-Handwerke über 45.000 junge Menschen qualifiziert. Es hat sich herumgesprochen, dass in der E-Branche interessante Tätigkeiten mit adäquater Bezahlung angeboten werden. An der einen oder anderen Stelle kommt allerdings noch einiges an Informationsarbeit auf uns zu. So kennt z. B. noch lange nicht jeder Berater der Bundesagentur für Arbeit die Chancen, die sich auch jungen Frauen in den elektrohandwerklichen Ausbildungsberufen bieten. Hier versuchen wir, mit einer Fülle an attraktiven modernen Kommunikationsmaterialien Abhilfe zu schaffen.

Vielfach wird kritisiert, dass vor allem Berufsschulen dieser Modernisierung hinterherhinken.

Das ist ein Thema, über das es regelmäßig Beschwerden gibt. Zwar sind die verbandsgetragenen Bildungsstätten der E-Branche – die sechs "Elkonet"-Schulen – auf dem neuesten technischen und fachlichen Stand. Oftmals können jedoch die Lehrenden an beruflichen Schulen sowie deren technische Ausstattung nicht mit der rasanten Entwicklung in der E-Branche Schritt halten.