Interview mit Michael Wippler Bäcker-Präsident zum Mindestlohn: "Es entsteht eine vergiftete Atmosphäre"

Bäcker-Präsident Michael Wippler hält nichts von dem Vorhaben der SPD, den Mindestlohn auf 12 Euro zu erhöhen, wie er im Interview erklärt. Auch dürften die Betriebsvermögen nicht durch neue Steuern beschnitten werden. Zudem fordert er fairen Wettbewerb bei den Arbeitszeiten.

Präsident Michael Wippler vertritt mit seinem Verband die Interessen von mehr als 10.000 Betrieben und 250.000 Beschäftigten im Bäckerhandwerk. - © Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks/Darius Ramazani

DHZ: Herr Wippler, eine spannende Bundestagswahl liegt hinter uns. Wie bewerten Sie das Wahlergebnis?

Michael Wippler: Es gibt keine klaren Mehrheiten mehr in unserem Land. Jeder Beteiligte muss deshalb eine hohe Kompromissbereitschaft zeigen und die eigenen Positionen einschränken. Für die Bürger ist das eine schwierige Zeit. Denn es gibt wenig Verlässlichkeit, ob man am Ende das bekommt, was man gewählt hat. Die Union muss sich an die eigene Nase fassen, was sie in den vergangenen Jahren versäumt hat. Das erfreuliche dieser Wahl ist jedoch, dass die radikalen Positionen an Zustimmung verloren haben.

Wer soll das Land künftig regieren? Eine "Ampel"-Koalition oder lieber ein "Jamaika"-Bündnis?

Wir wünschen uns vor allem eine starke Stimme für ein florierendes Handwerk. Nur eine funktionierende Wirtschaft lässt soziale Leistung zu und erwirtschaftet die Mittel, um den Umweltschutz voranzutreiben.

Und wer ist diese starke Stimme?

Eigentlich die Union. Aber ich finde es schwer nachvollziehbar, wenn man offensichtlich Wahlverlierer ist, es so umzudeuten, dass man Regierungsverantwortung hat. Ich denke, die Union braucht eine Phase der Erneuerung. Auch bei den anderen Parteien gibt es viele wirtschafts- und mittelstandsfreundliche Positionen.

"Eine gesetzliche Vorgabe für den Mindestlohn ist völlig daneben. Der derzeitige Fachkräftemangel hat mehr für den Stundenlohn bewirkt als jeder gesetzliche Mindestlohn.“

Olaf Scholz möchte mit der SPD einen Mindestlohn von zwölf Euro durchsetzen. Können sich die Bäckereien das leisten?

Eine gesetzliche Vorgabe für den Mindestlohn ist völlig daneben. Der derzeitige Fachkräftemangel hat mehr für den Stundenlohn bewirkt als jeder gesetzliche Mindestlohn. Wo bleibt die unternehmerische Freiheit, seinen Betrieb nach den eigenen Vorstellungen zu führen, wenn der Gesetzgeber bei solch einem wichtigen Punkt etwas vorschreibt? Konsequent wäre dann auch ein Mindestpreis für Brot- und Backwaren. Aber dann kommen wir ganz schnell in eine Planwirtschaft. Und die Geschichte hat genügend Beispiele geliefert, dass das nicht funktioniert.

Aber manche Löhne reichen doch kaum zum Leben.

Wer als Handwerksbetrieb in der aktuellen Situation Mitarbeiter halten und gewinnen will, muss ordentlich zahlen. Aber durch die gesetzliche Festlegung entsteht eine vergiftete Atmosphäre unter jenen Mitarbeitern, die nur Mindestlohn oder etwas mehr bekommen. Das führt zu gesellschaftlicher Abwertung. Deshalb sind gesetzliche Vorgaben überhaupt nicht hilfreich und man sollte es den Tarifparteien überlassen, die Löhne zu regeln.

SPD und Grüne haben sich für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer ausgesprochen. Sorgen Sie sich um die Betriebsvermögen?

Diese Substanz wurde in den Betrieben teilweise über Jahrzehnte mit harter Arbeit aufgebaut und ist ein wichtiger Schutz in der Krise, wie es zuletzt die Pandemie gezeigt hat. Wenn dann eine Steuer an diese Substanz geht, dann ist das nicht nur gefährlich für die Betriebe, sondern auch ein verheerendes Signal. Die Geschichte zeigt, dass durch staatliche Gleichmacherei jede unternehmerische Initiative gelähmt wird. Deshalb wäre das zu 100 Prozent ein Schritt in die falsche Richtung. Der beste Schutz für das Fortbestehen der Betriebe ist eine solide Eigenkapitalbasis. Wenn der Staat mehr Steuern einnehmen will, sollte er besser die Rahmenbedingungen für eine florierende Wirtschaft schaffen.

Die Grünen wollen ab 2030 Neuwagen mit Verbrennungsmotoren verbieten. Ist das Teil der Lösung, um die Klimaschutzziele zu erreichen?

Beim Hype um die E-Mobilität wird oft vergessen, dass wir auch die entsprechenden Ressourcen an erneuerbaren Energien brauchen. Wir müssen aufpassen, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu gehen. Die Klimakrise ist nicht wegzudiskutieren. Ob man diese mit Verboten heilt, dahinter setze ich ein großes Fragezeichen. Wir sollten den Umweltschutz nicht ideologisch angehen, sondern auf wissenschaftlicher Grundlage die Belastungen und Folgewirkungen anschauen. Dabei kann man die Frage stellen, warum heute alles sofort verfügbar sein muss. Mit einer Rückbesinnung auf regionale Warenströme und zugleich höhere Transportkosten könnte man in dieser Hinsicht viel bewirken.

Das Bäckerhandwerk braucht viel Energie für seine Produkte. Wird Ihnen beim Blick auf die steigenden Preise nicht angst und bange?

Wir brauchen dringend Entlastung bei den Energiekosten und dafür muss absolute Wettbewerbsgleichheit hergestellt werden. Dies betrifft insbesondere die EEG-Umlage. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen aus der gleichen Branche, nur weil es mehr als eine Gigawattstunde Strom verbraucht, von der EEG-Umlage befreit wird und die kleinere Bäckerei nicht. Das hat nichts mit Wettbewerbsgerechtigkeit zu tun. Die Kosten müssen gleichmäßig geschultert werden.

Ein anderes Thema, das die Unternehmer zunehmend sorgt, ist die überbordende Bürokratie. Was ist zu tun?

Trotz einiger Versuche, Bürokratie abzubauen, kommt jedes Jahr neue Bürokratie für die Betriebe dazu. Ein Beispiel ist die Bonpflicht, die nicht nur Müllberge geschaffen, sondern auch zu viel Mehraufwand in den Betrieben geführt hat. Viele kleine Einzelmaßnahmen führen am Ende zu einer großen Gesamtbelastung, bei der kaum noch Zeit fürs das Kerngeschäft bleibt: das Backen und Verkaufen. Es ist alles viel zu sehr im Klein-Klein geregelt. Für alles gibt es eine eigene Vorschrift, das schafft keine Entlastung. Die Betriebe brauchen endlich eine spürbare Endbürokratisierung und einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen mit mehr Spielraum, in dem sie sich frei bewegen können und nicht bei jeder Betriebsprüfung Angst vor Sanktionen oder Zuschätzungen durch das Finanzamt haben müssen.

"Der beste Schutz der Betriebe ist Eigenkapital. Eine neue Vermögenssteuer wäre deshalb zu 100 Prozent ein Schritt in die falsche Richtung.“

Wichtig ist Ihnen auch eine Ausweitung der Arbeitszeiten an Sonn- und Feiertagen. Ist der ­Konkurrenzdruck so groß?

In der Tat stehen wir in einem harten Wettbewerb. Wenn die Tankstelle an Sonn- und Feiertagen zwölf Stunden am Tag ihren gefrorenen Produkten einen "Wärmekick" geben darf, um diese zu verkaufen, und ich als Bäcker nur drei Stunden backen kann, ist das kein fairer Wettbewerb. Uns geht es dabei nicht um die Öffnungszeiten, sondern die Ausweitung der Arbeitszeiten für die Herstellung von Brot- und Backwaren.

Aber brauchen die Mitarbeiter nicht auch ihre Ruhetage?

Letztendlich kann jeder Bäckermeister selbst entscheiden, ob er die zusätzliche Zeit nutzen will. Die Gesetze sehen schon jetzt einen Ersatzruhetag vor. Das soll auch so bleiben. Zudem bietet die Sonn- und Feiertagsarbeit den Vorteil von steuerfreien Lohnzuschlägen.

Im Programm der künftigen Bundesregierung könnte auch die Einführung einer Bürgerversicherung stehen. Was halten Sie davon?

Das einzig Nette an der Bürgerversicherung ist ihr Name. Die Geschichte hat doch gezeigt, dass Einheitsversicherungen teuer für die Träger und schlechter in der Leistung für die Versicherungsnehmer sind. Ich warne davor, am bestehenden System etwas zu ändern. Das ist ausgeklügelt, ausgewogen und bietet viele Vorteile.

Die Digitalisierung zählt zu den großen Zukunftsthemen. Auch für das Bäckerhandwerk?

Mit der Digitalisierung löst ein Betrieb nicht alle seine Probleme, aber sie ist trotzdem unverzichtbar. Es geht vor allem um die Prozesse und die Steuerung des Betriebs. Ob Kennzeichnungspflichten von Brot- und Backwaren, Bezahlsysteme, die Kontaktnachverfolgung in der Pandemie oder in der Produktion die Steuerung von Kälteanlagen und Back­öfen – das alles ist ohne digitale Lösungen kaum mehr zu bewerkstelligen. Es geht aber ausdrücklich nicht darum, die Handwerkskunst zu ersetzen. Wir wollen keine Brot­fabriken, die finden Sie in der ­Industrie.

Profitiert das Bäckerhandwerk von den aktuellen Ernährungstrends?

Zweifellos. Ernährung ist die neue Religion. Die Kunden interessieren sich viel stärker für Herkunft und Herstellung der Produkte als früher, was sich an den Nachfragen in den Ladengeschäften zeigt. Der Kunde verlangt, dass wir verantwortungsvoll mit Rohstoffen umgehen und transparent kommunizieren. Hier können wir mit unseren regionalen Kreisläufen punkten und aktuelle Ernährungstrends bedienen, wie etwa glutenfrei oder vegan. Die sich verändernden Ernährungsgewohnheiten sind in jedem Fall eine große Chance für das Bäckerhandwerk.