Ziel CO2-neutral produzieren Elektrobetrieb baut Stromversorgung eines Metallbauers um

Elektroinstallateur Martin Böhm begleitet Betriebe bei der Umstellung ihrer Energieversorgung – und erlebt, wie der unstetige Kurs der Bundesregierung Investitionsentscheidungen bremst. Deniz Keskin hat seinen Metallbaubetrieb trotzdem komplett neu aufgestellt, mit klarem Ziel: vollständig CO₂-neutral produzieren. Was beide antreibt – und warum sie an der Energiewende festhalten.

Neubau Keskin GmbH
360-Grad-Ansicht des Neubaus: So hat die Firma Keskin Fensterbau GmbH ihren Neubau möglichst energieautark aufgestellt. - © Keskin GmbH

Die Energiewende ist eingeleitet – doch sie verläuft alles andere als geradlinig. Zwar ist die Stimmung in der Wirtschaft stark vom Auf und Ab der politischen Unterstützung und der Förderbedingungen geprägt, doch der Weg hin zu einer weitgehend strombasierten Energieversorgung ist klar. Beides zeigt sich auch im Handwerk – die Unsicherheit und die Klarheit, dass die Energieversorgung der Zukunft anders aussehen muss.

Betriebe des Elektrohandwerks wie Böhm Elektrobau aus dem nordrhein-westfälischen Troisdorf sind eng in diesen Transformationsprozess eingebunden. Betriebsinhaber Martin Böhm begleitet dabei auch andere Handwerksbetriebe, die in die Energiewende investieren. Derzeit erlebt er, wie schwer es vielen fällt, sich für Investitionen zu entscheiden, die zwar in Zukunftstechnologien fließen, aber auch viel finanziellen Mut erfordern. "Die Stimmung ist gerade – und in den letzten Monaten verstärkt – außerordentlich angespannt. Viele sind verärgert über den Zickzack-Kurs der Bundesregierung", sagt er und weist darauf hin, dass die Elektrobranche dadurch aktuell stagniert.

Umstellung der Energieversorgung: Elektrifizierung als Ziel

Martin Böhm hat die Umstellung der Energieversorgung früh zum Schwerpunkt seiner Firma gemacht. Und er hält auch daran fest – obwohl er bei dem einen oder anderen Kunden Überzeugungsarbeit leisten muss.

Bei Deniz Keskin, für dessen Firma Böhm Elektrobau seit über 20 Jahren arbeitet, war das nicht nötig. Der stellvertretende Geschäftsführer des Metall- und Fensterbaubetriebs Keskin steckt gerade mitten in der Umstellung. Er hat den Familienbetrieb in den vergangenen Jahren komplett neu aufgestellt und verfolgt das Ziel, den Strom für die Produktion von Fenstern, Türen und Fassadenelementen künftig möglichst selbst zu erzeugen und dabei vollständig CO₂-neutral zu produzieren. Was ihm noch fehlt, sind Batteriespeicher – doch die sind ihm derzeit zu teuer.

Für den Neubau eines Bürogebäudes sowie mehrerer Produktionshallen und deren Ausstattung mit Photovoltaik und Wärmepumpen hat er bislang rund 15 Millionen Euro investiert. Die benötigten Batteriespeicher mit einer Kapazität von bis zu 750 kWh würden zusätzlich rund 500.000 Euro kosten. Mit dieser Investition will der Wirtschaftsingenieur, der künftig gemeinsam mit seinem Bruder die Nachfolge im Betrieb antreten wird, deshalb noch warten. Er hofft, dass die Kosten sinken. Denn: "Mit einem Speicher könnten wir zu allen Tageszeiten CO₂-neutral produzieren."

Stromtankstelle für sich und andere geplant

Dennoch hat er weitere konkrete Ausbaupläne. So würde er auf dem Grundstück seiner Firma gerne noch eine nicht öffentliche Stromtankstelle errichten. Dort möchte er nicht nur die eigenen Firmenfahrzeuge laden, sondern auch Partnerfirmen das Laden ihrer E-Fahrzeuge ermöglichen. Allerdings zögert er auch hier noch. "Der Förderantrag ist gestellt", sagt er. Mit der Umsetzung will er aber warten, bis der Bescheid tatsächlich vorliegt. Er stehe persönlich voll hinter der Energiewende und sei bereit, viele – auch gewagte – Schritte zu gehen, sagt er. Als Unternehmer müsse er aber rechnen und brauche Planungssicherheit – etwa bei Förderungen.

Energieverbrauch: "Oft unterschätzt, welch großen Anteil die Fassade hat"

Als sich die Firma Keskin entschied, nicht länger Gewerbemieter zu sein, sondern einen eigenen Standort aufzubauen, konnte sie schon beim ersten Neubau im Jahr 2011 auf eigenes Know-how zurückgreifen. Das galt auch für die Erweiterung, die in diesem Jahr fertiggestellt wurde. Für einige Investitionen konnte sie dabei noch die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) nutzen und das Gebäude mit der Energieeffizienzklasse EH40 bauen. Inzwischen ändern sich die Rahmenbedingungen jedoch ständig, es fehlt an Verlässlichkeit.

Die Firma ist darauf spezialisiert, Fensterrahmen und Türen zu bauen, die den höchsten Energiesparstandards entsprechen. Außerdem liefert sie Fassadenelemente aus Metall, die dazu beitragen, das Gebäude zu isolieren – gegen Kälte und gegen Hitze. "Es wird oft unterschätzt, welch großen Anteil die Fassade am Energieverbrauch hat. Sie ist ein Hebel, über den man viel bewirken kann", sagt Deniz Keskin. In die Fassadenelemente sind Lüftungen und Sonnenschutzsysteme integriert, die sich elektrisch steuern lassen.

Besonders lohnend ist das Zusammenspiel dann, wenn man große Flächen nutzen kann. Genau das bieten die vier Produktionshallen des Metallbauers mit insgesamt 5.000 m² sowie das Bürogebäude mit rund 4.000 m², von denen die Firma selbst 1.200 m² nutzt und den Rest vermietet. Hinzu kommen 5.000 m² Logistikflächen. Auf den Flachdächern ist eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 722 kWp installiert. Die Anlage erzeugt jährlich rund 650.000 kWh Strom, von denen Keskin 150.000 kWh selbst in der Produktion verbraucht. Der Rest entfällt auf die Mieter. Der Eigenverbrauch der gesamten Immobilie liegt bei rund 300.000 kWh, der Überschuss wird eingespeist.

Stromversorgung: So sieht das Konzept aus

Den Aufbau dieser Stromversorgung und Stromverteilung hat die Firma Böhm Elektrobau von Anfang an schrittweise begleitet und umgesetzt. "Wir arbeiten seit über 20 Jahren für die Firma Keskin, bis 2011 noch in Bestandsgebäuden, wo wir überwiegend kleinere Installationen und Reparaturen ausgeführt haben", berichtet Martin Böhm. Dann folgten die Neubauten, in denen Böhm Elektrobau neben einer PV-Anlage auch ein komplettes LED-Beleuchtungskonzept umsetzte und Gebäudesystemtechnik installierte. Für Martin Böhm war das ein besonderes Projekt, obwohl er bereits bei anderen Firmen eine komplette Umstellung der Energieversorgung begleitet hatte. "Besonders macht dieses jüngste und größte Projekt für uns vor allem die umfangreiche Elektrifizierung und die konsequente Integration von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz", erklärt er.

Die folgenden elektrotechnischen Leistungen zeigen, welchen Umfang das Projekt hatte:

  • komplette Projektierung, Entwurfs- und Ausführungsplanung der gesamten gebäude- und elektrotechnischen Anlage in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden
  • Aufbau einer Mittelspannungs-Trafostation 11 kV / 1,6 MVA auf speziellen Kundenwunsch im Gebäude
  • Niederspannungshauptverteilung 2.500 A für sämtliche Gebäude und technischen Anlagen
  • 20 Unterverteilungen von 1.600 A bis 63 A zur Versorgung von 4 Hallenteilen mit Licht und Maschinenversorgung, 10 Büroeinheiten, Allgemeinbereichen, PV-Anlage, Heizung/Wärmepumpen/Klima/Lüftung, Druckluft
  • komplette, energieeffiziente, tageslichtabhängig regelbare LED-Beleuchtung innen und außen mit ca. 1.200 Leuchten
  • Energieerfassung mittels vernetzter Messeinrichtungen sämtlicher Gebäude- und Anlageteile wie auch aller Wärmepumpen, Klima- und Lüftungsgeräte und sonstiger Medien
  • komplettes Datennetzwerk mit redundantem LWL-Backbone, 20 Datenverteilern und ca. 1.800 CAT-6A-Datenanschlüssen
  • AC-Ladeinfrastruktur für ca. 20 Pkw und DC-Ladeinfrastruktur für 5 Lkw
  • energietechnische Projektierung und Erstellung der Versorgungsabgänge für: PV-Anlage 722 kWp mit kompletter Anlagenzertifizierung, Kälte-, Klima-, Lüftungs- und Wärmepumpensysteme mit ca. 200 kVA el, Druckluftanlagen, elektrische Maschinen

Martin Böhm betont, dass ein solcher Neubau optimale Bedingungen bietet – vor allem dann, wenn der Unternehmer klare Ziele hat und diese auch kommuniziert. "Nicht jeder zeigt heutzutage so viel Mut, langfristig zu planen und zu investieren", sagt Böhm. Er lobt die Entschlossenheit Keskins, weiterhin am Ziel zu arbeiten, nicht nur energieautark zu sein, sondern auch CO₂-neutral zu produzieren.

Energieeffiziente Betriebsgebäude sind auch für Fachkräfte attraktiv

Deniz Keskin möchte sich mit seiner Firma aktiv an der Energiewende beteiligen und diesen Anspruch auch selbst vorleben. Deshalb hat er die Bauelemente aus eigener Produktion in den eigenen Gebäuden verbaut. Zudem sieht er die Investitionen als wichtigen Schritt, um sein Unternehmen für Fachkräfte attraktiv zu machen. "Mit diesen Räumlichkeiten muss man sich nicht verstecken", sagt er. Damit kann er Vorbild sein, denn sein Unternehmen zeigt auch nach außen, dass es Nachhaltigkeit im Alltag umsetzt – und dass dies auch einem Metallbaubetrieb gelingen kann, zumindest in Teilen oder gemeinsam mit anderen Handwerksbetrieben.

Und er ist sich sicher: "Auch wenn die Politik und die Förderlandschaft gerade Unsicherheit ausstrahlen, haben viele Unternehmen und diejenigen, die jetzt neu bauen und sanieren, verstanden, dass wir an der Energiewende festhalten müssen", sagt er. Seine Firma arbeitet vielfach für den öffentlichen Bereich – im Ausbau von Schulen und Verwaltungsgebäuden – und da gäbe es nicht derart viele Zögerer wie im Einfamilienhausbau.