TV-Kritik: "Der Preis-Schock – wie wir für die Krise zahlen" Eine Chronik des Krisenjahrs 2022 – mit viel Mittelstand

Bäcker, Elektriker, Metallbauer, Häuslebauer: Für viele Handwerker, aber auch Verbraucher, war 2022 frustrierend – und obendrein extrem teuer. Der SWR warf nun in einer groß angelegten Reportage einen Blick zurück auf das Krisenjahr, und zeigte ein breitgefächertes Bild eines Landes, in dem viele Menschen berechtigte Sorgen haben. 

2022 – für viele Selbstständige und Unternehmer ein Jahr zum Vergessen. - © Stepan Popov - stock.adobe.com

Wer erinnert sich noch an den Stau im Suezkanal? Als das Containerschiff "Ever Given" in dem Kanal querstand und ihn blockierte, war eine der Lebensadern des Welthandels verstopft, Lieferketten fielen in sich zusammen. Das war aus heutiger Sicht angesichts des Krieges in der Ukraine und der hohen Inflation zwar allenfalls ein Vorgeschmack auf das, was 2022 noch folgen sollte, aber schon damals konnte manch einer die dunklen Wolken am wirtschaftlichen Horizont erahnen.

Für Nadine Willing aus Meschede in Nordrhein-Westfalen jedenfalls bedeutete die Blockade des Kanals, dass die Arbeiten am groß geplanten Umbau ihres 2018 erworbenen Hauses ins Stocken gerieten. Baustoffe fehlten, die Preise begannen zu steigen. Schon damals waren die SWR-Redakteure mit der Kamera vor Ort dabei, und als sie am Ende ihrer Einleitung in die Reportage "Der Preis-Schock – wie wir für die Krise zahlen" die Stimme aus dem Off sagen lassen: "Doch auch das Jahr 2022 wird noch viele Überraschungen bereit halten" – da meinten sie sicher keine von der angenehmen Sorte. Durch das Krisenjahr 2022 haben die Journalisten nicht nur Willing begleitet, sondern mitunter auch einen Bäckermeister sowie den Chef eines Metallbau-Unternehmens, in dem Leitern und Gerüste hergestellt werden.

Lieferketten durchbrochen 

Was der eher abstrakte Begriff "unterbrochene Lieferketten" bedeutet, führt Unternehmer Ferdinand Munk anhand eines Gummischuhs für eine Leiter vor. Der werde zwar in Europa hergestellt, doch darin seien Weichmacher enthalten, die aus China kämen. Seien diese Weichmacher nicht vorhanden, "dann ist die komplette Lieferkette durchbrochen". Und das Problem zieht sich durch: Ohne Weichmacher kein Schuh, ohne Schuh keiner Leiter, ohne Leiter kein Umsatz. Was im weit entfernten China angesichts der harten Lockdowns begann, endet schließlich bei einem Unternehmen mit 400 Arbeitsplätzen im schwäbischen Günzburg. Und auch das, wohlgemerkt, war eine Szene aus dem Jahr 2021. 

Energie verteuert 

2022 kam dann noch der Ukraine-Krieg hinzu, und mit ihm weitere Probleme. Der Energieversorger von Munks Unternehmen kündigt an, im Zweifel das Gas abzudrehen. "Die Produktion abschalten heißt, wir könnten unsere Verträge nicht mehr erfüllen und müssten Strafen zahlen, und das könnten wir uns einfach nicht mehr leisten", sagt Munk in die SWR-Kamera.

Auf den Punkt bringt die deutsche Energie-Misere Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: "Deutschland ist durch diese Energiekrise stärker betroffen als die meisten anderen Volkswirtschaften der Welt, weil wir eine sehr energieintensive Industrie haben und extrem viel handeln. Die Wirtschaftsstruktur könnte sich dadurch verändern, wenn die Politik nicht gegensteuert, wenn die Unternehmen sich nicht anpassen können, um eben mit diesen permanent hohen Energiepreisen umzugehen", sagt er im SWR-Interview.

Wie eine solche Anpassung aussieht, demonstriert derweil Munk. Er will auf einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien umstellen, eine Hackschnitzel- und eine Photovoltaikanlage installieren, um unabhängiger vom Gas zu werden. Aber die Inflation frisst auch an den Ersparnissen der Mitarbeiter. "Ich zahle gerne fünf Prozent mehr Brutto, aber die Mitarbeiter müssen davon mindestens vier Prozent behalten dürfen", sagt Munk bei einem Treffen mit Politikern. Aus dem Off erwähnt der Sprecher, dass kurz darauf eine steuerfreie Sonderzahlung von bis zu 3.000 Euro von der Politik beschlossen wurde. Doch Munk wollte eigentlich nicht auf Sonderzahlungen, sondern eher auf dauerhafte Erhöhungen hinaus, von denen die Kalte Progression einen erheblichen Anteil auffrisst. 

Lieferzeiten ungewiss 

Doch nicht nur die lahme Politik macht dem Mittelstand 2022 das Leben schwer. Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach von Munks Betrieb installiert der örtliche Elektriker. Auch dessen Kosten steigen. "Versprochene Preise, die man vor einem halben Jahr abgegeben hat, kann man eigentlich nicht mehr halten", sagt der Elektriker im Sommer 2022. Machen kann auch er nichts. Man müsse mit dem Kunden reden, dass das Bauteil zu dem angebotenen Preis vor einem halben Jahr so nicht mehr liefern könne, weil man dann draufzahle. Für Munk wiederum wird es aber nicht nur teurer, er muss auch hoffen, dass die Anlage aufgrund der Lieferengpässe überhaupt schnell aufs Dach kommt. 

Brotpreise gestiegen: Gaskosten jetzt sechsmal so hoch

Schnell wie immer wird bei Reiner Stolzenberger in der Nähe des schwäbischen Ludwigsburg gebacken – nur eben bald wohl weniger. Ob es außer Stollen Weihnachtsgebäck geben werde, sei unsicher, sagt der Bäckermeister schon während des Jahres. Denn: ""er kauft schon ein Päckchen Kekse, das sechs Euro kostet?" Die Energiepreise sind auch bei ihm stark gestiegen, anstatt 1.000 zahlt er jetzt 6.000 Euro pro Monat fürs Gas. "Da können Sie noch so viel Euro aufs Brot draufschlagen, so viel verkaufen wir gar nicht", sagt er resigniert. Trotz dreier Preiserhöhungen macht er weniger Umsatz.

Die Kunden zeigen durchaus Verständnis für die Nöte des Bäckers, und auch eine Mitarbeiterin sagt ganz klar: "Wir kriegen schon immer mit, dass die Leute sagen, jetzt kostet die Brezel ja schon 95 Cent, aber da denke ich mir, hallo, wenn man sieht, was in der Brezel an Arbeit steckt oder in einem Käsekuchen, wenn man da den Stundenlohn von einem Bäcker noch drauf rechnen würde, dann müsste man fast so ein Stückchen noch teurer verkaufen." Da schwingt auch ein wenig die Kritik an mangelnder Wertschätzung für den Beruf mit.

Es kommt einfach vieles zusammen in diesem Krisenjahr, und auch Ökonom Fratzscher macht wenig Hoffnung: "Die Preise steigen weiter und steigen stärker als die Löhne und Einkommen. Das heißt, Verbraucher werden am Ende des Jahres wieder weniger Kaufkraft in der Tasche haben und wir werden daher den Gürtel enger schnallen müssen." Und so hat auch die eingangs erwähnte Nadine Willing den Umbau des Hauses spätestens nach einem teuren Heizungsschaden auf Eis gelegt – alles zu teuer, alles zu unsicher. 

Hilfen mit wenig Wirkung 

"Ein Jahr, wie es keines jemals zuvor gab" sei es für das Unternehmen von Ferdinand Munk gewesen, sagt die Stimme aus dem Off, doch das trifft sicherlich auf zahlreiche Unternehmen gerade im deutschen Mittelstand zu. Die SWR-Reportage zeigte auf gut nachvollziehbare und anschauliche Weise, wie nicht nur der Krieg in der Ukraine, sondern auch energiepolitische Fehlentscheidungen und globale Krisen wie die Lieferketten-Problematik aufgrund der lange Zeit ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen verhängten Lockdowns schon seit 2021, aber in voller Härte 2022, dazu beigetragen haben, dass viele Betriebe derzeit um ihre Existenz bangen. Es war eine eindringliche Chronik eines Krisenjahrs.

Die Hilfen der Bundesregierung, die in der Reportage immer wieder thematisiert werden, sind mittlerweile angelaufen – aber ob sie dauerhaft helfen, das kann noch kaum jemand sagen. Vieles blieb in diesem schwierigen Jahr in politischer Hinsicht Stückwerk, die grundlegenden Probleme des Landes, etwa bei der Energiesicherheit, wurden nicht angegangen oder deren Lösung verwässerte im Kleinklein der Regierungspolitik. 2023 könnte noch härter werden, sagen manche Experten – und das will man sich, da der Winter kalt zu werden droht, lieber gar nicht erst vorstellen. 

>>> Hier geht es zur vollständigen SWR-Reportage "Der Preis-Schock - wie wir für die Krise zahlen"