TV-Kritik: ZDF - "Teuerland" Das ZDF berichtet sehenswert über ein marodes Deutschland

Im Rahmen der Themenwoche "Energiekrise" sezierte das Magazin "ZDFzeit" eindrücklich ein bräsig gewordenes Deutschland auf dem absteigenden Ast. Das Handwerk kam dabei an mehreren Stellen zu Wort, ebenso wie Politiker und Experten. Zu hören waren interessante Aussagen, die allerdings auf nichts Gutes hoffen lassen.

Was bedeutet die Inflation, was bedeutet die Energiekrise für die Verbraucher und die Wirtschaft? Das Magazin "ZDFzeit" machte sich auf Spurensuche. - © ink drop - stock.adobe.com

Nicht nur Betriebsinhaber im Handwerk stehen vor schwierigen Zeiten. Auch angestellte Gesellen müssen angesichts der Teuerung verzichten. Im Rahmen der ZDF-Sendung "Teuerland" zeigen die Redakteure ein Ehepaar aus Berlin, das sich außerhalb der Stadt in Brandenburg ein Häuschen für die Familie kaufen wollte. Wollte, wohlgemerkt, denn die steigenden Zinsen bringen dieses Vorhaben ins Wanken. Das Ehepaar – er ist Maler – arbeitet nach eigener Aussage viel, verdienen mehr als 4.500 Euro netto im Monat, aber es reicht einfach nicht für frühere Selbstverständlichkeiten wie das eigene Häuschen. Sogar mit einem Limit von maximal 2.000 Euro Rate – was bei dem Verdienst und einem Kind an der Grenze des gerade noch Vertretbaren liegt –, dürfte es nicht reichen, denn das Haus würde etwa 2.800 bis 3.000 Euro Rate pro Monat kosten, wie ein Makler vorrechnet. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt – "wir sind ja noch jung", sagt der Malergeselle.

Politiker und Experten: Plötzlich schlau

Im Gegenschnitt zu den Schicksalen der Bürger und Unternehmen zeigte die Dokumentation Aussagen von Experten, Politikern und Verantwortlichen für die derzeitige Situation. Das bot neue Einsichten und war aufschlussreich, vor allem auch im Fall der Familie auf Eigenheim-Suche.

Denn zu Wort kam Isabel Schnabel, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, die sich seit Herbst 2021 immer wieder sehr unterschiedlich zu den Inflationsaussichten geäußert hatte und zunächst, als die EZB noch rechtzeitige Maßnahmen gegen die Teuerung hätte ergreifen können, beschwichtigt hatte, die Inflation werde nicht so stark ausfallen. Mittlerweile hat sie diese Meinung revidiert und verkündet, die Inflation bekämpfen zu wollen. Die dämpfende Auswirkung gestiegener Immobilienkredite auf die Nachfrage und damit die Inflation führt sie nun in der Dokumentation als positiven Aspekt an, der aber Zeit brauche, um zu wirken – und sie redet dabei so professoral wie die meisten der gezeigten Experten. Der Gegenschnitt zu den Schicksalen vor Ort, die oft keine Zeit mehr haben, könnte krasser kaum sein.

Den Praktikern läuft die Zeit davon

Wenig Zeit zum Beispiel hat eine Firma aus Nordrhein-Westfalen, die unter anderem Dichtungen produziert und einiges an Energie dafür verbraucht. Dort geht die Angst vor dem Jobverlust um. Jens Trust, Verfahrensmechaniker und seit mehr als 30 Jahren im Betrieb, bringt das Missverhältnis auf den Punkt: Wenn man in eine Rezession gehe, "werden wir zwei oder drei Jahre mit den Entscheidungen zu tun haben, die heute getroffen werden", sagt er. "Und wir müssen gucken, wie können wir es sicherstellen, dass unsere Versorgung – Energie, Strom, Gas – auch wirklich da ist, um kein Sterben der ganzen kleinen und mittelständischen Unternehmen zu haben." Das saß und stellte die theoretischen Aussagen klar in den Schatten. Auch die Aussagen von Geschäftsführer Ralf Stoffels waren von großer Praxisnähe geprägt: "Wir sind von unseren Kunden abhängig, ich kann nicht sagen, ich fertige nur 80 Prozent, weil ich sparen möchte, sondern ich muss das liefern, was meine Kunden mir vorgeben." Er könne nur in Prozessen sparen, "und das hat Grenzen".

"Das Gespenst der Deindustrialisierung"

Und dann sagte die Stimme aus dem Off einen Satz, wie er treffender nicht hätte sein können: "Das Gespenst der Deindustrialisierung geht um." Ein Wort, das in der Debatte immer wieder vorkommt, und von so manchem in Anbetracht des Klimawandels sogar als erstrebenswert erachtet wird – hier wurde es vom ZDF als Dystopie gezeigt. Und auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) stimmte in den Chor der Pessimisten ein, als er sagte, man müsse aufpassen, dass nicht die Industrie noch stärker ins Ausland abwandern würde. Wirtschaftsminister Robert Habeck wird indes bei einer Veranstaltung der deutschen Maschinenbaus gezeigt, bei der es auch um erschwinglichere Energiekosten ging. Der Grüne war in der Energiekrise nach anfänglich guten Leistungen vor allem durch die gescheiterte Gasumlage aufgefallen, die das Bild vom umsichtigen Krisenmanager arg ins Wanken brachte. In den ZDF-Interviews macht er einen gequälten Eindruck, benutzt wieder hochtrabendes Vokabular wie "intendiert", sagt aber auch klar, dass man keine Zeit habe, in Expertenrunden die Maßnahmen gegen die Energiekrise zu diskutieren. Und dann der entscheidende Satz: "Die Testphase ist die Wirklichkeit im Moment." Das dürfte angesichts der Regierungs-Performance so manchem Betriebsinhaber eher den Angstschweiß auf die Stirn treiben – aber es ist wohl was dran.

Merz zwischen Jovialität und Herrenwitz

Die Doku begleitet auch CDU-Chef und Oppositionsführer Friedrich Merz. Der beschreitet in manchen Szenen den schmalen Grat zwischen Jovialität und Herrenwitz, etwa als er Umweltministerin Steffi Lemke in einem launigen Wortgefecht im Aufzug erklärt, mit ihr werde "der Aufzug etwas schwerer". Seine zutreffenden Aussagen, wonach die Regierung zu viel Zeit haben verstreichen lassen, um etwas gegen die Energiekrise zu unternehmen, verblassen gegenüber solchen Szenen ein wenig.

Und natürlich kommt auch Bundeskanzler Olaf Scholz zu Wort, zum Beispiel bei einem Besuch der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Dort erzählen ihm Vertreter einer Heizungsbau-Firma, dass sie mehr Leuten brauchten, um all die Aufträge zu erledigen, die anstehen. Scholz hört zu, grinst so wie immer und wird zum nächsten Stand geführt. "Wir brauchen mehr, die das tun, gerade in unseren Berufen, die für die Energiewende wichtig sind. Wenn wir Solarpaneele auf Dächern installieren wollen, muss irgendjemand aufs Dach und die fachliche Kompetenz haben, das gut und richtig zu machen", sagt Scholz schließlich noch im Interview zum Fachkräftemangel.

Fachkräftemangel als zentrales Problem

Der nimmt ebenfalls einen erklecklichen Teil der Dokumentation ein. Die hohe Zahl der offenen Stellen im Handwerk wird erwähnt, und wie dieser Umstand die Wirtschaft ausbremst. Ökonom Gunther Schnabl ergänzt, dass es mittlerweile nicht nur ein Fachkräfteproblem sei, sondern "an allen Ecken und Enden Arbeitskräfte fehlen". Als Beispiel bringt das ZDF Heizungsbauer Herbert Soppart aus dem Bayerischen Wald, der trotz Expansionskurs mit 60 Angestellten nicht die anvisierte Zahl an Azubis bekommt, und schon gar nicht alle Aufträge zeitnah bearbeiten kann. "Wichtig ist für uns, dass es in die Breite getragen wird, dass der Handwerker viele Möglichkeiten hat und nicht mehr nur den akademischen Grad einschlägt", sagt er, und verstärkt den pessimistischen Grundton der Doku, als er sagt: "Ich glaube, wir werden Zeiten erleben, da fällt eine Heizungsanlage aus, und der Kunde bekommt keinen Handwerker." Auch hier gibt es Ergänzungen durch Politiker und Experten, die vor allem mehr Zuwanderung fordern, und der Zuschauer kann sich erneut fragen, wer eigentlich die Grundlagen für ein System geschaffen hat, in dem Studium und Akademisierung gegenüber der Ausbildung eine derart übergroße Bedeutung bekommen haben, und ob es nicht auch eine Möglichkeit wäre, eben jene Ausbildungsberufe auch wieder attraktiver für junge Menschen zu machen.

Marode Infrastruktur: Gift für Unternehmen

Da passt es zur Abrundung der Sendung gut, dass die Autoren auch noch auf die marode Infrastruktur im Land eingehen. Am Beispiel der seit Dezember 2021 gesperrten Rahmede-Brücke der A45 bei Lüdenscheid erläutert das ZDF anschaulich, wie sich solche Versäumnisse bei Straßen und Brücken auf die Wirtschaft auswirken. Nach Sperrung der Brücke wegen akuter Schäden quält sich nicht nur der Verkehr durch die Stadt Lüdenscheid, was die Anwohner ärgert, sondern auch Unternehmen vor Ort sind in ihrer Existenz gefährdet. Das Märkische Federwerk hat schlichtweg Probleme, seine Waren ohne die Autobahnbrücke noch rechtzeitig an die Kunden zu liefern. So gehen Aufträge verloren, Artikel werden "rausverlagert" in andere Werke oder nach Polen, sagt ein Mitglied der Geschäftsleitung. Für die Arbeitsplätze vor Ort ist das keine gute Nachricht – und die neue Brücke soll erst in fünf Jahren fertig sein. "Deutschland 2022, ein träges Bürokratiemonster", heißt es schließlich aus dem Off.

Das Bild eines gesättigten Landes stringent gezeichnet

Das Bild von einem gesättigten Land, das es sich zu lange mit möglichst wenig Anstrengung im Wohlstand hat gut gehen lassen und nun aufgrund der lange eingeübten Pomadigkeit den Herausforderungen der Gegenwart unvorbereitet gegenübersteht – es wurde im Fernsehen selten mit solcher Vehemenz, Faktenfestigkeit, Klarheit und einer derartig stringenten Ausrichtung auf Wirtschaft und Mittelstand gezeichnet. Die Journalisten ließen alle relevanten Stimmen zu Wort kommen, gingen ohne "Haltung", dafür aber mit Neugier an die Fragen heran, die Deutschland umtreiben – und schon wird eine Sendung richtig gut. Die oft gestanzten Politiker-Aussagen machten allerdings wenig Hoffnung auf baldige Besserung. So weh die Erkenntnisse, die sie bringt, deshalb auch tun: die Doku "Teuerland" verdient das Prädikat sehenswert.

>>> Hier geht es zur vollständigen ZDF-Sendung "Teuerland - Abschied vom deutschen Wohlstand?"