TV-Kritik: "Wie geht Wir? – Experiment am Berg" Handwerks-Chef, Klima-Aktivistin und AfD-Stadtrat auf Bergtour

Wie ist es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland bestellt? Mit dieser Frage beschäftigt sich die ARD-Themenwoche "Wir gesucht". Den Auftakt machte eine Doku, die sechs massiv unterschiedliche Menschen bei einer gemeinsamen Bergtour begleitete – unter ihnen auch der Chef eines Handwerksbetriebs. Der wusste mit seinen stets sachlich vorgetragenen Argumenten zu überzeugen. Die Doku an sich enttäuschte eher.

Die Doku "Wie geht Wir? – Experiment am Berg" markierte den Auftakt zur ARD-Themenwoche "Wir gesucht! - Was hält uns zusammen?". - © SWR/i&u

Kennen Sie den? Fahren eine Klima-Aktivistin, der Chef eines Elektrohandwerks-Betriebs, ein Fahrradhändler und AfD-Stadtrat, ein Fahrer und Betriebsrat bei einem Lieferdienst, eine Theaterregisseurin aus der "queeren Szene" und eine syrische Geflüchtete in die Schweizer Alpen, um dort fast ohne Bergerfahrung auf einen Viertausender zu steigen. Ein Witz? Unrealistisch? Klingt so, ist aber in der ARD im Rahmen der Themenwoche "Wir gesucht" genau so ausgestrahlt worden. Die Doku "Wie geht wir? Experiment am Berg" brachte genau diese Charaktere zusammen und stellte die Frage, wie aus ihnen ein Team werden könne, das es schafft, gemeinsam auf das 4.017 Meter hohe Weissmies zu steigen. Soviel vorab: sie haben es – auch wetterbedingt – nicht geschafft. Auch das als Ersatz herangezogene Lagginhorn konnten sie nicht ersteigen.

Plakative Auswahl der Charaktere und kaum Neues

Aber eigentlich handelte es sich auch nicht um eine Dokumentation über Alpinismus. Im Zentrum standen vielmehr die allabendlichen Gespräche in den Hütten. Dort sollten sich die Teilnehmer austauschen, über Gott und die Welt, besonders aber über die Lage der Gesellschaft in Deutschland. Dabei gab es allerdings gerade aufgrund der plakativen Auswahl der einzelnen Charaktere kaum Neues zu vernehmen. Die Klima-Aktivistin stellte die Dringlichkeit der Bekämpfung der Klimawandels heraus und berichtete, dass sie zu den Klebe-Aktivisten gehört und auch schon Kontakt mit der Polizei hatte. Außerdem forderte sie eines Abends die Abschaffung des Kapitalismus, weil der seinem Wesen nach einem gemeinsamen Wir – dem Thema der Sendung – entgegensteht. Da war sie sich mit der Theaterregisseurin einig.

Der Mittelständler bleibt sachlich

Das und die weiteren Einlassungen der beiden Frauen brachten David Zülow, Inhaber eines mittelständischen Unternehmens im Bereich Elektro- und Haustechnik, ein wenig auf die Palme. Er blieb aber stets sachlich und argumentierte recht stringent. "Wenn ich sage, ich dehne mal das Recht und hebe meine Interessen über die anderen Interessen, dann legitimiere ich irgendwann den Rechtsbruch", sagte er mit Blick auf die Aktionen der Klima-Kleber. Und als es darum ging, dass Menschen im Alltag "gestört" würden, wie es die Aktivistin ausdrückte, und sie ihm vorwarf, er glaube nicht an die Klimakrise, konterte Zülow: "Dann kleb‘ dich doch vors Bundeskanzleramt oder das Paul-Löbe-Haus. Da erreichst du die Leute, die an dir vorbei müssen. Du klebst dich denen in den Weg, die Steuern dafür bezahlen müssen, dass du dir diesen Luxus überhaupt leisten kannst." So ging es zwischen den beiden immer hin und her.

"Wie soll ein Wir entstehen mit leerem Magen?"

Die seinerzeit aus Syrien geflüchtete Frau schied indes auf eigenen Wunsch schon nach einem Tag aus der Sendung aus, weil sie erfahren hatte, dass der Fahrradhändler aus Sachsen Mitglied der AfD ist. Sie wolle deshalb nicht mit ihm reden. Der Betriebsrat des Lieferdiensts geriet mit "Mr. Wirtschaft", wie er Zülow nannte, auch noch ein wenig aneinander, als es um Inflation und Preise ging. "Wie soll denn ein Wir entstehen mit leerem Magen?", fragte er. Es sei ein Klassiker des kapitalistischen Systems, dass "die Oberschicht" das System so gestalte, dass es ihnen besser gehe. Das war teils schon ziemlich kalter Kaffee und wurde von Zülow meist gut pariert. "Armut bekämpfst du nicht, indem du Reichtum bekämpfst", sagte er trocken.

ARD-Ansatz nicht von Erfolg gekrönt

Der Fahrradhändler und AfD-Stadtrat aus Oelsnitz indes machte im Verlauf der 45 Minuten eine Wandlung durch, die Stimme aus dem Off sprach sogar bedeutungsschwer davon, dass er "sein Weltbild infrage stellen" würde. Nach der Woche mit den fünf anderen und Gesprächen über seine Parteizugehörigkeit verkündete er jedenfalls kurz vor Ende des Films, dass er aus der AfD austreten werde.

Der Betriebsrat beim Lieferdienst kritisierte, dass es zu oft darum gehe, dem anderen zu zeigen, dass man selbst im Recht sei. Zülow sprach davon, dass es ja bei allen Diskussionen eben nicht darum gehen solle, den anderen mit seiner Meinung auf die eigene Seite zu ziehen, und die junge Aktivistin plädierte dafür, dass Respekt und Wertschätzung die Gesellschaft zusammenhielten. Da konnte man zustimmen oder auch nicht, es handelte sich meist um Allgemeinplätze und Stanzen, die nicht zu einem gesteigerten Erkenntnisgewinn führten.

Der Ansatz der ARD, hier mit Gesellschaftskritik und vermeintlich progressiven Ideen zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt zu punkten, war insofern auch nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Das, was es bei der Abschlussrunde an Erkenntnissen gab, hatte man im Prinzip alles schon mal gehört.

Auch alpinistische Ziele verfehlt

Und auch die alpinistischen Ziele der Sendung wurden verfehlt. Eigentlich hatte die ARD den Film im Vorfeld eher als eine Art tiefenpsychologisch angehauchtes Bergsteiger-Experiment verkauft. Dann aber gab es ein bisschen betreutes Abseilen, eher überschaubare Klettereinlagen sowie ein wenig Steigeisengehen zu sehen.

In die Nähe des angestrebten Weissmies-Gipfels kam die Gruppe nie, denn es schneite immer stärker. Da waren die bergunerfahrenen Teilnehmer wohl schlicht überfordert, und auch die betreuenden Bergführer hatten nichts dagegen, als auch das als Ersatz gewählte Lagginhorn am Ende nicht vollends bestiegen wurde. Da hätte der zynische Zuschauer sich denken können, dass auch ein immer wieder hochtrabend beteuertes Wir einfach nicht hilft, wenn das Können nicht reicht – und dass nicht jeder alles schaffen kann, nur weil er es sich stark wünscht und die ARD es so geplant hat. Aber das, wie gesagt, wäre dann schon sehr zynisch gewesen.

>>> Hier geht es zur vollständigen ARD-Dokumentation "Wie geht Wir? – Experiment am Berg"