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"Das Ganze raubt mir den Schlaf" Ein Jahr Corona: So erleben Soloselbstständige die Pandemie

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres haben viele Betriebe ihre Läden geschlossen. War im Frühjahr 2020 noch Verständnis für die staatlichen Maßnahmen zu spüren, herrscht jetzt bei vielen Soloselbstständigen Frust und Zukunftsangst.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Ein Jahr Corona-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Stimmung in vielen Gewerken verschlechtert sich. Viele Handwerker sind in ihrer täglichen Arbeit stark eingeschränkt, manche dürfen ihren Beruf aktuell überhaupt nicht ausüben.

Die Soloselbstständigen trifft es besonders hart. Sie haben in der Krise mehr zu kämpfen als andere. Friseure, Kosmetiker oder Messebauer mussten und müssen über mehrere Wochen schließen, neue Konzepte entwickeln oder sich komplett umorientieren. Die aktuelle Perspektivlosigkeit zerrt an den Nerven.

Kosmetikerin Heidi Hofmann hat ihren kleinen Laden in der Innenstadt von Bamberg nun seit dem 2. November geschlossen. 2020 wollte sie eigentlich ihr 25. Jubiläum feiern. Doch anstatt eine Party zu organisieren, beschäftigte sich die Handwerkerin mit Hygienekonzepten für ihr Kosmetikstübchen. Auch privat habe sie sich stark eingeschränkt: kein Urlaub, keine großen sozialen Kontakte. Alles, um ihren Kunden größtmögliche Sicherheit zu garantieren. "Ich behandle immer nur einen Kunden in meinem Studio, lüfte gründlich und desinfiziere alles. Das Ansteckungsrisiko ist sehr gering. Ich kann einfach nicht verstehen, warum wir immer wieder von der Politik vergessen werden", sagt Hofmann.

Leeres Terminbuch, keine Kunden – ihr Alltag sieht momentan sehr trostlos aus. Ein Lichtblick sind die Stammkunden. Ein paar Kosmetikartikel verkauft sie über Instagram oder Kunden rufen direkt an und fragen nach bestimmten Produkten. Besonders viel sei es leider nicht. Ihre Haupttätigkeit – die kosmetische und medizinische Gesichtsbehandlung – ruht.

Selbstständige viel stärker von Ängsten betroffen

Soloselbstständige hatten bereits im ersten Lockdown größere Zukunftsängste als abhängig Beschäftigte. Dies zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Sommer 2020. Demnach hatte während des ersten Lockdowns jeder zweite Selbstständige Zukunftsangst. Vor Corona war es nur jeder fünfte. Bei den abhängig Beschäftigten hatte nur gut jeder Dritte diese Sorgen. Die Zahl ist in den vergangenen Wochen weiter gestiegen, zumindest gefühlt. Während im ersten Lockdown viele Selbstständige noch Verständnis für die staatlichen Maßnahmen zeigten, ist die Stimmungslage nun viel aufgeheizter. Immer mehr machen ihrem Unmut Luft in den sozialen Netzwerken, in Foren und Leserbriefen.

Auch für Hofmann ist die Situation mittlerweile ganz anders als im Frühjahr. "Im ersten Lockdown habe ich auch aus Selbstschutz schon einige Tage vor der verordneten Schließung meinen Laden zu gemacht. Damals wussten wir alle nicht, wie wir mit dem Virus umgehen müssen", sagt die Handwerkerin. Der zweite Lockdown kam für sie jedoch völlig überraschend und sei auch nicht nachvollziehbar. In der Branche seien umfassende Hygienekonzepte umgesetzt worden. Dass ihr Kosmetikstübchen trotzdem geschlossen ist, nimmt sie stark mit. "Für mich ist es eine psychische Belastung, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Das Ganze raubt mir den Schlaf."

Auch die Goldschmiedemeister Jens Fischer und seine Tochter Anna-Maria aus Weißenfels bei Halle sehen die aktuelle Lage zunehmend kritisch. "Die Stimmung ist ganz anders als noch im ersten Lockdown. Damals hatten wir zwar geschlossen, konnten aber bestehende Aufträge in der Werkstatt abarbeiten. Jetzt haben wir zwar noch genug zu tun, aber die Kunden sind viel vorsichtiger geworden", beschreiben sie ihre Situation.

Viele Aufträge zum Abarbeiten blieben Maßschneiderin Birgit Brodbeck aus Deizisau bei Stuttgart im vergangenen Jahr nicht. Wenn keine Hochzeiten stattfinden, kauft niemand Brautkleider oder maßgeschneiderte Anzüge. Während sie im Frühjahr 2020 kaum mit der Produktion von Stoffmasken hinterherkam – sie wurde regelrecht von Anfragen überrannt – herrscht seit Oktober Stille in ihrem Atelier. Ihr Auftragsbuch ist so gut wie leer. "Der Gesundheitsschutz ist sehr wichtig. Aber die aktuelle Ausweglosigkeit geht an die Substanz", beklagt die Handwerkerin.

Höhere Einkommenseinbußen bei Selbstständigen

Zum Unverständnis und den Sorgen vieler Selbstständigen addieren sich finanzielle Probleme. Die Altersvorsorge, die viele im Frühjahr schon angetastet haben, wird immer kleiner. Und die staatlichen Coronahilfen fließen wesentlich langsamer als noch im ersten Lockdown. Bereits damals waren Selbstständige viel stärker wirtschaftlich betroffen als Angestellte. Laut DIW mussten drei von fünf Selbstständigen mit Einkommenseinbußen zurechtkommen. Bei den abhängig Beschäftigten waren es nur 15 Prozent – vor allem aufgrund der Absicherung durch das ausgeweitete Kurzarbeitergeld. Das gibt es in der Form für Selbstständige nicht. Die Hälfte von ihnen beklagte Umsatzrückgänge zwischen 67 und 100 Prozent.

Die beiden Goldschmiedemeister Fischer hatten Glück, dass sie Anfang 2020 noch viele Aufträge hatten. Der zweite Lockdown hat sie wirtschaftlich stärker getroffen. Gerade die Vorweihnachtszeit ist für sie die umsatzstärkste Zeit des Jahres. Auch der derzeitig in Sachsen-Anhalt erlaubte Liefer- und Abholservice werde zwar von den Kunden gut angenommen, könne aber leider keinen zufriedenstellenden Ersatz für normale Öffnungszeiten darstellen.

"Ich bin froh, dass ich mir die Anträge auf finanzielle Hilfe bisher nicht anschauen musste. Wenn es aber noch eine Weile so weiter geht, muss ich wahrscheinlich doch einen Blick darauf werfen", sagt Jens Fischer. Insgesamt sei das Jahr 2020 trotzdem nicht wesentlich schlechter gelaufen als die Vorjahre.

Soforthilfen kamen noch an, danach kaum noch was

Anders sieht es bei vielen anderen Selbstständigen aus. Rund 13 Milliarden Euro Soforthilfe wurden beantragt. Auch Maßschneiderin Brodbeck war auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Sie hatte Glück. Neben der Soforthilfe wurde ihr auch Überbrückungshilfe II bewilligt. Da sie sparsam mit den Zuschüssen umgegangen ist, blieben ihre Reserven bisher unangetastet. Sie weiß aber von Kolleginnen, die auf die Altersvorsorge zurückgreifen mussten. Denn selbst, wer sich keinen Lohn auszahlt, hat trotzdem laufende Kosten für Miete, Nebenkosten, Krankenkasse, freiwillige Rente, Versicherungen, Telefon, Kammerbeiträge und den Rundfunkbeitrag.

Hofmann hat auch Geld bekommen, die Hälfte der Soforthilfe vom Frühjahr aber freiwillig wieder zurückgezahlt. Erst im Nachhinein wurde bekannt, dass in Bayern die Soforthilfe keinen Unternehmerlohn abdeckt. Seitdem ist keine staatliche Hilfe mehr auf ihrem Konto gelandet. Der Anträge auf Überbrückungshilfe sowie November- und Dezemberhilfe liegen beim Steuerberater. Selbst, wenn das Online-Portal schneller funktioniert hätte, hätte sie keine Papiere einreichen können. Ihr Steuerexperte habe in den letzten Wochen alle Hände voll zu tun, berichtet sie.

Selbst Steuerberater wissen oft nicht weiter

Branko Trebsche kümmert sich beim Verband der Selbstständigen um die Corona-Hilfen. Er bekommt täglich mit, wie viele Probleme es bei der Antragsstellung der Überbrückungshilfe gibt: "Die Soforthilfe im Frühjahr war ein guter Start. Danach ist es aber immer schlechter geworden." Bestimmte Berufsgruppen wurden ausgeschlossen und immer wieder die Voraussetzungen für die Hilfe im Kleingedruckten geändert, bemängelt er. Kleine Änderungen, die aber große Auswirkungen hatten. Bisher hätten viel weniger Selbstständige Überbrückungshilfe beantragt als Soforthilfe. Nicht, weil sie keine Hilfe brauchen, sondern weil die Antragswege so undurchsichtig sind.

Für Trebsche liegt ein zentrales Problem darin, dass selbst die Steuerberater – über die die Anträge gestellt werden müssen – oft nicht durchblicken. "Außerdem verweigern viele Steuerberater grundsätzlich die Anträge zu stellen. Verständlicherweise. Schließlich müssen die ja für die Angaben ihrer Mandanten bürgen", sagt Trebsche. Gerade, wenn Soloselbstständige keinen festen, langjährigen Steuerberater haben, sei das ein Problem. Denn dieser muss für den Antrag auf Überbrückungshilfe alle Angaben der vergangenen zwei Jahre prüfen.

Außerdem ist nicht gewiss, ob die Hilfe auch gewährt wird. Falls nicht, bleiben die Selbstständigen auf den Kosten für den Steuerberater sitzen, die bei einem positiven Bescheid zum Teil übernommen werden. Laut Trebsche können ein paar hundert aber auch über tausend Euro anfallen. Ein Grund, warum viele Selbstständige es sich zwei Mal überlegen, einen Antrag einzureichen.

Am liebsten wäre es Maßschneiderin Brodbeck, den Goldschmieden Fischer und Kosmetikerin Hofmann, wenn sie gar keine finanzielle Hilfe mehr benötigen würden. Sie wünschen sich alle bald wieder Kunden begrüßen zu dürfen und endlich ihren Beruf ausüben zu können.

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