Interview mit Jürgen Schmid "Ein Energiewende-Koordinator fehlt"

Im DHZ-Interview kritisiert der Energie-Experte Prof. Jürgen Schmid die fehlende Abstimmung von Politik und Energieträgern beim Ausbau von Photovoltaik und Windenergie. Er fordert deshalb einen "Energiewende-Koordinator" und plädiert für eine rasche Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Karin Birk

Schmid vermisst ein klaren Weg bei der Energiewende - © N-Media-Images - Fotolia

DHZ: Herr Professor Schmid, der Strom soll trotz Energiewende bezahlbar sein und sicher fließen. Das verspricht die Bundesregierung. Kein Grund zur Sorge also?

Schmid: Ganz im Gegenteil. Die neuen Energiequellen Photovoltaik und Biogas laufen aus dem Ruder, was zu deutlichen Kostensteigerungen führt. Auch für die Windenergie gibt es keine Ausbaupläne, ganz zu schweigen von einer Abstimmung der einzelnen Energieträger untereinander. Völlig ungeplant ist auch die regionale Verteilung. Wir haben auf Bundesebene eine handvoll Ministerien, in denen jeder Minister irgendetwas zur Energiewende macht. Auch die Abstimmung zwischen Bund und Ländern kommt nur langsam voran.

DHZ: Woran hapert es?

Schmid: Was fehlt, ist ein Koordinator für die Energiewende. Würde sie richtig organisiert, würden die Zusatzkosten in einem bezahlbaren Rahmen bleiben und nicht mehr als acht Prozent der üblichen Kosten ausmachen. Davon sind wir aber weit entfernt.

Jürgen Schmid ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel. - © IWES
Schmid

DHZ: Mit welchem Preisanstieg rechnen Sie für die Bürger und die Wirtschaft?

Schmid: Ich hoffe, dass es gelingt, die Zusatzkosten auf dem Niveau zu halten, wie wir sie jetzt haben. Selbst wenn die Umlage jetzt kurzfristig mal über das Ziel hinausschießt, muss es gelingen, die Zusatzkosten deutlich unter fünf Cent pro Kilowattstunde zu halten. Mehr wäre den Verbrauchern auch kaum zu vermitteln. Abgesehen davon, ist es auch nicht notwendig.

DHZ: Wie müsste die Energiewende also aussehen?

Schmid: Wir müssen die drei wichtigs­ten erneuerbaren Energien, Wind, Sonne, Biogas, wieder in eine vernünftige Balance bringen. Parallel dazu muss die Netzplanung erfolgen. Dazu gehört auch, dass man die regionale Verteilung der einzelnen Energieträger anschaut. Wenn man etwa für mehr Windenergie in Süddeutschland sorgt, dann braucht man weniger Transportkapazitäten der elektrischen Netze von Norden nach Süden. Auch das hilft, Kosten zu sparen. Im Moment kann jeder die Anlage bauen, die er möchte, und bekommt den eingespeisten Strom vergütet.

DHZ: Es wird also höchste Zeit, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz abgeschafft wird?

Schmid: Ganz abschaffen würde ich es nicht. Es muss aber möglichst schnell geändert werden. Das EEG hatte seine Berechtigung, als die erneuerbaren Energien noch ganz am Anfang waren. Heute übernehmen sie aber rund ein Viertel der deutschen Energieproduktion. Mindestens jetzt muss man den Wildwuchs beenden.

DHZ: Zurück zum Netz. Als Hemmschuh der Energiewende wird immer wieder der zögerliche Ausbau der Netze genannt. Woran mangelt es?

Schmid: Wir überlegen zu wenig, wo überhaupt die optimalen Standorte für erneuerbare Energien im Verhältnis zu den Verbrauchszentren sind. Was nutzt ein großes Photovoltaikkraftwerk in Süddeutschland, wenn die Stromspitzen im Winter in den Abendstunden liegen. Dazu gehören auch schnell reagierende konventionelle Kraftwerke wie Pumpspeicher oder Gaskraftwerke sowie der Ausbau der Kraft-Wärme-Koppelung. Wir brauchen eine Gesamtschau. Erst dann sollte man an den Ausbau der Netze gehen.

DHZ: Derzeit werden große Stromverbraucher begünstigt. Den Preis dafür bezahlen Kleinbetriebe und Verbraucher. Wie kann man diese Schieflage ändern, ohne dass es zum Exodus ganzer Wirtschaftszweige kommt?

Schmid: Zuerst einmal sollte jedem klar sein, dass die Begünstigung der Großunternehmen höher ist als der Wegfall der EEG-Umlage und die Befreiung von der Ökosteuer. Das hängt damit zusammen, dass durch die Einspeisung der erneuerbaren Energien der Strompreis an der Strombörse sinkt. Man könnte den großen Unternehmen also zumindest diese Kosteneinsparung in Rechnung stellen und die Umlage entsprechend kürzen.