Autohäuser erkennen im Verkauf von E-Bikes ein Geschäftsmodell für sich. Der Bundesinnungsverband Zweirad-Handwerk ist über die Konkurrenz aus dem Kfz-Gewerbe nicht erfreut. Auch handwerksrechtliche Fragen stellen sich.
Versuche von Autohäusern und Automobilherstellern, im E-Bike-Geschäft Fuß zu fassen, hat es schon oft gegeben, stellt Felix Lindhorst, technischer Berater des Bundesinnungsverbands für das Zweirad-Handwerk (BIV) fest. "Zur Pandemie und in einer Zeit, in der sich Autos in wachsender Kritik befinden, ist es verständlich, dass Autohäuser versuchen, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Sie dürfen dabei aber nicht vergessen, dass es nicht damit getan ist, sich einfach Fahrräder in die Ausstellungsräume zu stellen", unterstreicht er. Der BIV organisiert Zweiradfachbetriebe mit angeschlossener Werkstatt sowie reine Reparaturbetriebe.
Autohäuser können nur mit marktkonformem Verhalten langfristig im Fahrradbusiness bestehen. Davon ist Kai Nüchter, Geschäftsführer des Bikestores "VeloCulTour", überzeugt. Er beobachtet: "Die meisten Autohäuser gehen beim Fahrradgeschäft ohne Konzept vor und versuchen, ihre Prozesse auf den Fahrradhandel zu übertragen. Es muss jedoch komplett umgedacht werden, sonst geht es schief."
Wechselhafte Marktsituation
Dass sich das Geschäft mit den E-Bikes lohnt, beweisen aktuelle Zahlen des ZIV Zweirad-Industrie-Verband. In Deutschland wurden im letzten Jahr insgesamt 2,2 Millionen E-Bikes und 2,4 Millionen konventionelle Fahrräder verkauft. Es zeigt sich ein Marktwachstum, das über dem Niveau vor der Pandemiezeit liegt. Der ZIV stellt für das erste Quartal 2023 eine Normalisierung des Markts ohne Lieferkettenprobleme fest. Die Lager der Hersteller und Händler sind voll und alle Fahrradtypen sind wieder in Wunschausstattung verfügbar. Die Marktsituation, wie sie vor der Krise herrschte, scheint zurückzukehren und der ZIV prognostiziert ein mittel- bis langfristiges stabiles Wachstum.
"Der stark saisonabhängige Zweiradhandel konnte dem vorhergehenden Konjunktureinbruch weitgehend trotzen und die hohe Nachfrage nach Fahrrädern befindet sich noch immer auf Rekordniveau. Aktuell verfügten die Fahrradhändler zudem über Ware, die sie bereits in 2020 geordert hatten", erklärt Lindhorst. Nüchter befürchtet, dass sich Autohändler, die sich auf das Fahrradgeschäft fokussieren, durch die temporären Überbestände dazu verleiten lassen, Rabattschlachten zu führen. Er sagt: "Das Geld muss in den acht bis zehn Monaten der Saison verdient werden. Das Saisongeschäft verursacht hohe Schwankungen bei den Personalkosten, die sich nur durch eine Mix-Kalkulation kompensieren lassen."
Bevor jedoch Autohäuser im Fahrradgeschäft aktiv werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, wie Lindhorst erklärt.
Dürfen Autohäuser Fahrradreparatur und -service anbieten?
"Wer das eine darf, darf nicht automatisch auch das andere, nur weil beides Räder hat", sagt er und beruft sich auf die Handwerksordnung (HwO), die zwischen Zweiradmechanikern und Kraftfahrzeugtechnikern differenziert. Das Fachwissen der Mitarbeiter und die Werkstattausstattung beider Gewerke unterscheiden sich, seiner Meinung nach, grundlegend und Autohäuser, die handwerkliche Arbeiten an Fahrrädern vornehmen, müssen einen Eintrag in die Handwerksrolle besitzen. Lindhorst warnt: "Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, könnte möglicherweise ein Fall von Schwarzarbeit vorliegen. Hier sind die Kammern gefordert."
Joachim Syha, technischer Referent des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) sagt: "Autohäuser sind meist, ebenso wie Zweiradfachbetriebe mit angeschlossener Werkstatt, zweigleisig unterwegs und sowohl im IHK-Handelsregister als auch in die Kfz-Techniker-Handwerksrolle eingetragen." Er erklärt: "Sofern ein Autohaus nicht nur Autos verkauft, sondern auch repariert, darf es im Zuge einer Geschäftserweiterung auch Fahrräder eines bestimmten Herstellers, mit dem er einen Vertrag geschlossen hat, anbieten und reparieren." Ein vom Autohaus ermächtigter Kfz-Mechatroniker ist aufgrund seiner Ausbildung und durch die üblicherweise vom Fahrradhersteller geforderten Produktschulungen in der Lage, ein Bike in einen verkehrs- und betriebssicheren Zustand zu versetzen, so Syha, der sich auf §5 der HwO beruft:
Wer ein Handwerk nach §1 Abs. 1 betreibt, kann hierbei auch Arbeiten in anderen Handwerken nach § 1 Abs. 1 ausführen, wenn sie mit dem Leistungsangebot seines Gewerbes technisch oder fachlich zusammenhängen oder es wirtschaftlich ergänzen.
Autohäuser sollten sich rechtlich absichern
Ein eingetragener Handwerker ist also berechtigt, im Rahmen seiner Aufgaben bis zu 20 Prozent rollenfremde Handwerkstätigkeiten auszuführen, so Syha. Dies bedarf keiner offiziellen Meldung oder Eintragung und somit auch nicht der Anmeldung eines zweiten Gewerbes – also eines Fahrradhandels – am selben Standort des Autohauses. Auch die Beschäftigung eines Zweiradmechaniker-Meisters ist nicht notwendig. Er rät jedoch, Reparaturanfragen von Fremdfahrradmarken konsequent abzulehnen und sagt: "Nur die in einem Autohaus verkauften Fahrräder sollten auch repariert werden. Und reine Autoreparaturwerkstätten sollten generell keine Fahrräder reparieren und schon gar nicht damit werben. Dies ist ein Graubereich, der eine Abmahnung zur Folge haben könnte."
Anders sieht die Lage aus, wenn ein neuer Standort eröffnet und die Reparatur von Fremdfahrrädern angeboten werden soll. Hier muss ein Eintrag ins Zweiradmechanikerhandwerk beantragt werden. "Das Autohaus sollte eine Ausübungsberechtigung gemäß §7a der Handwerksordnung erlangen. Das ist keine große Sache. Hierbei unterzieht sich beispielsweise ein Kfz-Techniker-Meister einer Fach- und Sachkundeprüfung nach der Zweiradmechanikermeisterverordnung, um ein weiteres Gewerk bedienen zu dürfen", erklärt er.
Mobilitätswende bringt neue Dienstleister hervor
Nüchter und Lindhorst stimmen überein, dass das Fahrradgeschäft gegenüber der vermeintlich stärkeren Konkurrenz aus dem Autohaus bestehen kann, sofern es besonderes Augenmerk auf Beratung, Zubehör, Service und Wartung legt und sich innovativ zeigt. "Der Markt ist groß genug für alle. Kunden sollen sich gut aufgehoben fühlen und sie werden dann den Fahrradladen dem Autohaus vorziehen", sagt Nüchter.
Klar ist, dass sich Mobilität verändern wird und nicht mehr in erster Linie auf das Auto abhebt. Fahrräder, insbesondere E-Bikes, werden künftig eine der Hauptrollen spielen. Syha rät den Autohäusern, sich künftig als Mobilitätsdienstleister zu positionieren und sich mit neuen Geschäftsmodellen zum Thema Mobilität zu beschäftigen. Denkbar ist, dass sich Fahrrad- und Automobilbranche bei der Findung innovativer Lösungen gegenseitig antreiben.
Der Bundesinnungsverband für das Zweirad-Handwerk appelliert an seine Mitglieder, ihren Fokus auf die Bereiche Ausbildung und Modernisierung zu lenken. "Der Zeitpunkt hierfür ist günstig, da das Produkt Zweirad ein wichtiger Bestandteil der Mobilitätswende ist", erklärt Lindhorst. Seiner Meinung nach spielt dem Handwerk das in der EU diskutierte "Recht auf Reparatur" in die Hände, das Verbraucher sowohl innerhalb als auch außerhalb der gesetzlichen Garantie nutzen sollen. Er sagt: "Mittelfristig wollen Politiker und Organisationen weg von der Wegwerfgesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Was nach Zukunft klingt, ist im Handwerk schon seit Jahrhunderten so und diesen Umstand müssen wir bewahren und ausbauen."
