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Plusminus zu Stickstoffoxid-Messungen Drohende Diesel-Fahrverbote beruhen auf zweifelhaften Messmethoden

Weil die Ergebnisse von Stickoxid-Messungen in einigen deutschen Städten teils deutlich über den vorgegebenen Grenzwerten liegen, drohen schon bald Fahrverbote - als erstes wohl auf einzelnen Straßenabschnitten in Hamburg. Doch wie wird eigentlich gemessen, wo und in welcher Höhe? Und wie sieht es im europaweiten Vergleich aus? Das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus ging diesen Fragen nach - mit ernüchternden Erkenntnissen.

In Griechenland messen sie anders. Als die Redakteure des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus während der Produktion ihrer Beitrags über die Tücken der Stickoxid-Messungen in Europas Südosten reisen, um zu überprüfen, wie dort der Stickoxid-Gehalt der Luft festgestellt wird, staunen sie nicht schlecht. Nicht nur, dass es in Griechenland gerade einmal neun solcher Messstationen gibt, im Gegensatz zu deren 250 in Deutschland. Nein, die inspizierten Stationen in Thessaloniki und Athen befinden sich auch noch teils in luftigen Höhen von 40 Metern. Und sogar dort, wo die Luft in aller Regel ungleich reiner ist als direkt über den Erdboden, wird der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gerade so eingehalten.

Der Trip nach Griechenland, wo die EU-Vorgaben zur Messung der Stickoxide offenbar munter ignoriert werden, war der absurde Höhepunkt dieser kurzen Reportage, die vor allem eines klar machte: Bei den Stickoxid-Messungen, der Grundlage für mögliche Diesel-Fahrverbote, die wiederum Gift für das Handwerk und den Mittelstand wären, geht es nicht mit rechten Dingen zu - und zwar nicht nur europaweit, sondern auch in Deutschland.

Je niedriger, desto dreckiger

Hierzulande hält man sich nämlich zwar an die Vorgaben aus Brüssel, was die Messungen angeht, doch die Spielräume sind trotzdem enorm. Zwischen 1,5 und vier Metern über dem Boden darf gemessen werden - und dieser vermeintlich kleine Unterschied kann große Auswirkungen haben. Das Plusminus-Team ließ Studenten der Universität München an der dortigen Landshuter Allee messen, einem der Hotspots der Stickoxid-Belastung in Deutschland. Normalerweise misst die Station dort in vier Metern Höhe und überschreitet schon so den Grenzwert im Jahresschnitt. In 1,5 Metern Höhe, wo die Studenten maßen, waren die Werte indes noch höher. Es gilt offenbar die Faustregel: Je niedriger die Messstation, desto dreckiger die Luft.

Doch es gibt auch den anderen Fall: In Baden-Württemberg etwa wird auf 2,5 Metern gemessen, in Hamburg, wo bald schon erste Fahrverbote auf einzelnen Straßenabschnitten kommen dürften - die Schilder dafür sind schon montiert - sogar auf nur 1,5 Metern. Alles nur Zufall? Während ein Wissenschaftler vom Meteorologischen Institut der Universität München dem Zuschauer erklärt, dass die Messhöhe in der Tat eine entscheidende Rolle für die Messergebnisse spielt, ordnet Wolfgang Durner, Jurist von der Universität Bonn, das Mess-Wirrwarr auch politisch ein. Diese Mess-Unterschiede könnten zumindest in Grenzfällen den Ausschlag für oder gegen Fahrverbote geben, betont Durner, und: "Es ist durchaus denkbar, dass je nach politischer Couleur, diese Spielräume auch politisch ein Stückweit ausgenutzt werden."

Dünne Grundlagen

Es mutet schon bizarr an, mit welch einfachen Mitteln Messungen, die derart große Auswirkungen haben, beeinflusst werden können, und dass angesichts dieser Auswirkungen keine Vereinheitlichung der Messungen angestrebt wird. Die Griechenland-Episode rundet schließlich das Bild vom totalen Durcheinander perfekt ab. Beim Umweltbundesamt (UBA) schüttelt man deshalb nur noch den Kopf, denn eigentlich sollte die EU-Richtlinie, die den Rahmen der Messungen vorgibt, für europaweite Vergleichbarkeit sorgen. Als die interviewte Expertin des UBA von eben jenen Messstationen in 40 Metern Höhe und auf Dächern von Verwaltungsgebäuden hört, kann sie das zunächst nicht glauben und spricht davon, dass auch eine fehlerhafte Datenübermittlung schuld sein könne. Das widerlegen aber die Recherchen - und lassen den Zuschauer erstaunt und ratlos zurück.

Eine gelungene Kurzreportage, in der aber zur Abrundung des interessant dargestellten Themas noch  der Gesamtblick auf die derzeitige Debatte fehlte. Denn darin spielen neben der Messhöhe auch die Orte eine Rolle, an denen gemessen wird - also etwa, wie wohnort- oder verkehrsnah sie sein sollten - sowie die Sinnhaftigkeit der geltenden Grenzwerte - sie sind in der Außenluft, die alle einatmen müssen, deutlich niedriger als an Arbeitsplätzen in Industrie und Gewerbe, wo sich Menschen zeitlich begrenzt aufhalten. Von den angeblich Tausenden Stickoxid-Toten jährlich, die die Deutsche Umwelthilfe reichlich unwissenschaftlich aufführt und der damit verbundenen Skandalisierung der Debatte ganz zu schweigen. Wer all dies noch berücksichtigt, kommt zu dem Schluss, dass die Grundlagen für mögliche Fahrverbote am Ende doch sehr dünn sein könnten - in 40 Metern Höhe in Griechenland ohnehin, aber hierzulande eben auch.

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