Interview "Die Strompreise werden weiter steigen"

Bei den Strompreiserhöhungen ist aus Sicht von Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln vorerst kein Ende in Sicht. Im DHZ-Interview spricht er über die Gründe und die Folgen für die Wirtschaft. "Wir brauchen wieder eine stärker marktgesteuerte Stromversorgung", fordert der Wirtschaftsexperte.

Karin Birk

Dr. Hubertus Bardt ist Leiter des Kompetenzfeldes Umwelt, Energie, Ressourcen beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. - © Foto: IW Köln

D HZ: Herr Bardt, zum Jahresanfang sind die Strompreise kräftig gestiegen. Ist ein Ende der Preissteigerungen für Verbraucher und kleine Unternehmen in Sicht?

Bardt: Eher nicht. Perspektivisch werden die Strompreise weiter steigen. Zum einen wächst die globale Nachfrage nach Kohle, Gas und Öl. Das macht sich über kurz oder lang bei den Strompreisen bemerkbar. Zum anderen spüren wir in Deutschland die Kostensteigerungen durch die Förderung der erneuerbaren Energien. Auch hier ist vorerst kein Ende in Sicht.

"Hauptkostentreiber ist die EEG-Umlage"

D HZ: Was treibt die Kosten für Strom hierzulande so in die Höhe?

Bardt: Hauptkostentreiber ist die erhöhte Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Sie ist jetzt von ­3,6 Cent auf 5,3 Cent gestiegen. Inklusive Mehrwertsteuer macht das rund zwei Cent pro Kilowattstunde aus. Hinzu kommen Mehrkosten für den Netzausbau und damit höhere Netzentgelte. Daneben gibt es weitere kleinere Ab­gaben wie die Umlage für die Kraft-Wärme-Koppelung oder eine Sonderumlage für den Ausbau von Offshore-Windanlagen. Insgesamt sind die Stromkosten seit 2009 für einen mittelständischen Betrieb mit einem Verbrauch von 100 Megawattstunden um rund ein Viertel gestiegen.

D HZ: Werden damit Arbeitsplätze gefährdet?

Bardt: Die Frage ist, inwieweit sich Unternehmen gegen Kostensteigerungen schützen können. Sehr große Stromverbraucher wie Aluminiumhütten sind von der EEG-Umlage und anderen Abgaben weitgehend befreit. Sie fürchten allerdings um ihre Vergünstigungen. Andere Branchen sind voll betroffen. Die Textilindustrie geht deshalb gegen die EEG-Umlage gerichtlich vor. Auch für einzelne Handwerksbetriebe können höhere Strompreise das Fass zum Überlaufen bringen. Sie werden weder im Ausland produzieren, noch höhere Kosten ganz an die Kunden weitergeben können. Sie können nur versuchen, anderswo zu sparen, die Strom-Effizienz zu erhöhen und den Anbieter beziehungsweise den Tarif zu wechseln.

"Lage bei der Versorgungssicherheit ist kritisch"

D HZ: Können nicht Unternehmen durch Eigenproduktion der Strompreisfalle entkommen?

Bardt: Tatsächlich beschäftigen sich mehr und mehr Unternehmen konkret damit, erneuerbare oder konventionelle Energie selbst herzustellen. Eine Lösung für die Probleme der Energieversorgung kann das aber auch nicht sein.

D HZ: Ein Grund dürfte auch die Sorge um die Versorgungssicherheit sein. Wie steht es damit?

Bardt: Im vergangenen Jahr ist die Lage eher kritischer geworden ist. Die Schwankungen und die Notwendigkeit, in die Netze einzugreifen, haben zugenommen. Immer mehr Unternehmen versuchen, sich dagegen abzusichern. Sie installieren Notstromaggregate und Sicherungstechnologien, die es erlauben, die Anlagen behutsam herunterzufahren, um sie dann auch schnell wieder nutzen zu können.

"Eine echte Reform des EEG erst ab dem Jahr 2015"

D HZ: Wie hoch ist die Chance, dass sich Umweltminister Altmaier und Wirtschaftsminister Rösler vor der Bundestagswahl auf eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes einigen?

Bardt: Einen großen Wurf wird es nicht mehr geben, allenfalls kleine Korrekturen. Eine echte Reform erwarte ich erst ab dem Jahr 2015. Unter dem Strich verlieren wir zwei Jahre. Das birgt die Gefahr weiterer Kostensteigerungen.

D HZ: Ist das EEG denn überhaupt reformierbar oder bräuchte man nicht einen ganz anderen Ansatz?

Bardt: In jedem Fall brauchen wir wieder eine stärker marktgesteuerte Stromversorgung. Derzeit werden Preis und Absatz für erneuerbare Energien garantiert. Das muss aufhören. Auch sie müssen dem Wettbewerb ausgesetzt werden. Die erneuerbaren Energien müssen das Preis- und Absatzrisiko tragen und sich im Wettbewerb beweisen. Nur so bekommen wir die notwendige Effizienz und Innovation.