Rund 55.000 Ausbildungsverträge wurden 2025 vorzeitig gelöst – gut ein Drittel davon in der Probezeit. Ende September ist der richtige Moment, um zu prüfen, ob neue Azubis wirklich angekommen sind. Was Betriebe jetzt konkret tun können, damit die Ausbildung hält.

Zehntausende Auszubildende haben im August und September 2026 ihre Ausbildung im Handwerk begonnen. Viele Handwerkskammern verzeichnen mehr neu abgeschlossene Ausbildungsverträge als im Vorjahr. Wie viele dieser Ausbildungsverhältnisse Bestand haben werden, ist noch offen. Ein Blick auf das Vorjahr zeigt, warum sich ein guter Start lohnt: Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) wurden 2025 rund 55.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst – etwa jeder dritte davon innerhalb der ersten vier Monate. Eine Vertragslösung bedeutet allerdings nicht zwangsläufig einen Ausbildungsabbruch: Dahinter kann auch ein Wechsel des Betriebs oder des Berufs stehen.
Die Gründe für Vertragslösungen sind vielfältig. Auch die große Auswahl an Ausbildungsberufen und die vielen unbesetzten Stellen dürften eine Rolle spielen: Wer unzufrieden ist, kann vergleichsweise schnell nach einer Alternative suchen.
Für Betriebe ist Ende September ein guter Zeitpunkt, die ersten Wochen gemeinsam mit ihren Azubis zu betrachten: Sind sie im Team angekommen? Wissen sie, an wen sie sich wenden können? Passen die Aufgaben zu ihrem Kenntnisstand? Ein gut begleiteter Start kann helfen, Schwierigkeiten früh zu erkennen. "Die ersten 100 Tage sind entscheidend", erklärt Alexander Thieme, Geschäftsführer von A&M Unternehmerberatung. Er berät seit fast zehn Jahren Handwerksbetriebe und beobachtet dabei immer wieder, dass Chefs und Azubis mit unterschiedlichen Erwartungen starten: "Auch wenn die meisten Inhaber sich denken: Macht einfach euren Job – das funktioniert leider nicht immer so." Ein durchdachter Einführungsplan könne Betrieben helfen, ihre Azubis in den ersten Monaten gut einzuarbeiten und langfristig zu halten.
Wie Betriebe die Anfangszeit meistern
Einarbeitung überprüfen
Alexander Thieme empfiehlt, den Einstieg mit einem klar strukturierten Tagesablauf zu gestalten und dem Azubi feste Ansprechpartner zur Seite zu stellen. An sie kann er sich mit Fragen wenden und lernt zugleich das Team kennen. Häufig fehle es in den Betrieben jedoch schon an der Vorbereitung, beobachtet Thieme: "Der Azubi kommt an: Dann fehlen Sachen, dann fehlt Kleidung, dann fehlt Arbeitsmaterial, dann fehlt irgendetwas anderes und er ist die Hälfte der Zeit damit beschäftigt, einen Standard aufzubauen, mit dem er arbeiten kann, anstatt sich ins Team zu integrieren." Auch wenn die Ausbildung bereits läuft, lohnt sich deshalb die Nachfrage: Hat der Azubi alles, was er für seine Arbeit braucht, und weiß er, wer ihm bei Fragen hilft?
Aufgabenplan an den Lernfortschritt anpassen
Ein Aufgabenplan zeigt dem Azubi von Anfang an, welche Tätigkeiten er übernehmen darf und was er im Betrieb lernen soll. Zunächst beginnt er mit einfachen Aufgaben, später kommen anspruchsvollere hinzu. Wenn der Betrieb diese Entwicklungsschritte sichtbar macht, kann der Azubi seine Fortschritte besser einordnen – und fühlt sich nicht gleich zu Beginn unter Druck gesetzt. Nach den ersten Wochen lässt sich gemeinsam prüfen, welche Aufgaben bereits gut funktionieren und was als Nächstes hinzukommen kann.
Wie vielfältig die Aufgaben sind, hängt laut Thieme auch von der Betriebsgröße ab: In kleineren Betrieben seien sie oft abwechslungsreicher, in größeren dagegen stärker spezialisiert. Wichtig sei in jedem Fall, Azubis weder zu unter- noch zu überfordern. "Laut Studien fühlt sich ein Mensch bei seiner Arbeit besonders wohl, wenn er bei 80 Prozent seiner Schaffenskraft ist. 100 Prozent ist zu viel, 110 Prozent ist Überforderung", erklärt er.
Klare Regeln statt Unsicherheit
Besonders wichtig sind laut Thieme klare Regeln. "Unsicherheit ist immer ein großer Nährboden für Probleme", sagt er. Wenn der Chef die Regeln von Anfang an verständlich vermittelt und bei Bedarf noch einmal erläutert, schafft das Orientierung und kann zu einem besseren Arbeitsklima beitragen. Erfahrene Mitarbeitende sollten den Azubis die Betriebsregeln erklären und sie im Arbeitsalltag vorleben.
Erfahrenere Azubis kümmern sich um die Neuen
Beschäftigt ein Betrieb mehrere Auszubildende, kann sich ein Buddy-Programm lohnen: Neue Azubis bekommen einen Lehrling aus einem höheren Jahrgang zur Seite gestellt. Dieser hilft bei Fragen zur Berufsschule und zum Arbeitsalltag. Davon profitieren beide: Der erfahrenere Azubi übernimmt Verantwortung, während es dem Neuling leichter fallen kann, Fragen an einen etwa gleichaltrigen Kollegen zu richten. Zugleich stärkt der Austausch das Teamgefühl über die Jahrgänge hinweg. Gibt es dafür nicht genügend Auszubildende im Betrieb, kann auch ein erfahrener Mitarbeiter die Rolle des Ansprechpartners übernehmen. Ein solcher Ansprechpartner lässt sich auch noch nach Ausbildungsbeginn benennen.
Mit dem Azubi Ziele für die nächsten Monate setzen
"Die Vorgesetzten können am Anfang der Ausbildung mit dem Azubi ein Win-Win-Gespräch führen", erzählt Thieme. Darin stellen sich beide folgende Fragen: "Wo willst du hin? Was sind deine Ziele in der Ausbildung?" Falls ein solches Gespräch zum Start nicht stattgefunden hat, können Betrieb und Azubi es jetzt nachholen. Dabei lässt sich auch besprechen, wie die ersten Wochen gelaufen sind und welche Ziele als Nächstes anstehen. Diese Gespräche sollten laut Thieme in regelmäßigen Abständen stattfinden und können dem Azubi Orientierung geben.
Informationen bündeln
Eine Infomappe kann zudem helfen, die wichtigsten Informationen für die neuen Auszubildenden an einem Ort zusammenzutragen. Besteht sie bereits, können Betriebe jetzt prüfen, ob nach den ersten Wochen noch Fragen offen sind. In dieser Mappe stehen Informationen wie:
- Wer sind die Ansprechpartner im Betrieb mit Kontaktdaten und Zuständigkeiten?
- Was muss der Azubi im Notfall tun inklusive Notfallnummern?
- Wie schreibt er sich richtig krank?
- Wie und wann muss man Urlaub beantragen?
Checkliste als eigene Überprüfung
Eine Checkliste kann Betrieben helfen, die bisherige Einarbeitung zu überprüfen. Der Chef notiert sich anhand festgelegter Kriterien, was beim aktuellen Ausbildungsstart gut und nicht so gut gelaufen ist. So kann er Probleme möglichst noch für die neuen Azubis beheben – und den Start der nächsten Generation besser vorbereiten.
Ein gut organisierter Einstieg kann die Grundlage für eine gelingende Ausbildung legen. Entscheidend ist laut Thieme, dass neue Azubis Orientierung finden, feste Ansprechpartner haben und Schritt für Schritt dazulernen: "Wenn die ersten 100 Tage so laufen: Ich werde gut eingeführt, ich habe einen Ansprechpartner, ich fühle mich nicht orientierungslos und ich lerne jeden Tag, jede Woche ein bisschen was dazu, dann werde ich im Regelfall happy sein."