Twitch-Streamerin und Friseurin Azubi-Abbrüche vermeiden: Was eine Ex-Handwerkerin Betrieben rät

Ronja hat eine Friseurlehre abgeschlossen, ein Tischler-Vorbereitungsjahr absolviert und ist heute als "LostKittn" auf Twitch selbstständig. Ihre eigene Ausbildung war kein geradliniger Weg – und sie weiß deshalb genau, wo Betriebe junge Menschen verlieren. Ihre vier Ratschläge sind unbequem, aber konkret.

Was macht eine gelernte Friseurin während Corona? Streamen. Was daraus wurde? Ein Vollzeitjob. - © twitch.tv/lostkittn

Wer wissen will, warum Azubis im Handwerk abbrechen, sollte Ronja zuhören. Die 33-Jährige hat eine Friseurlehre, ein Tischler-Vorbereitungsjahr und eine Ausbildung im Einzelhandel hinter sich – und schildert aus eigener Erfahrung, wie belastend ein schlechter Ausbildungsbetrieb sein kann. Während der Corona-Pandemie begann sie mit Streaming. Heute ist sie als "LostKittn" auf der Plattform Twitch selbstständig und erreicht dort eine junge, digitale Community.

Ihre Ratschläge an Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber sind direkt – und basieren auf dem, was sie selbst erlebt hat. Und sie weiß genauso gut, wie man junge Menschen dort abholt, wo sie sich tatsächlich aufhalten.

Handwerk trifft Fortnite: Spielerisch auf Ausbildungschancen aufmerksam machen

Am 22. August 2026 ging die Imagekampagne "Das Handwerk" einen ungewöhnlichen Weg. Gemeinsam mit vier Content Creatoren – darunter Ronja – wurde die Fortnite-Map "Handwerk Heroes: ONLY UP – Zum Monument" gelauncht. Die Map zeigt vier Themenwelten rund um Handwerksberufe – darunter Bäcker, Maler und Schreiner. Gespielt wird im Jump-and-Run-Modus: Wer am schnellsten oben ankommt, gewinnt.

Ronja streamte den Launch live auf Twitch, gemeinsam mit den Streamern Varion, Faister und KaddiTV. Die Community konnte selbst mitspielen und Bestzeiten einreichen. "Die waren teilweise richtig schnell", sagt Ronja. Die schnellsten Spielerinnen und Spieler aus allen 16 Bundesländern qualifizieren sich für das Finale am 19. September – dem offiziellen Tag des Handwerks.

Das Feedback im Chat war durchweg positiv. Nicht nur bei jungen Zuschauern. "Es kamen viele Leute in den Chat, die gesagt haben: Ich bin seit 30 Jahren im Handwerk und das jetzt so mitzubekommen, ist so schön, weil ich mein Handwerk liebe", berichtet Ronja. Die Kampagne setzt damit auf einen einfachen Gedanken: junge Menschen dort erreichen, wo sie ihre Zeit verbringen – in digitalen Spielwelten.

Zwei Betriebe, zwei Welten

Ronjas eigene Ausbildungserfahrung war zweigeteilt. Der erste Friseur-Betrieb war, in ihren Worten, "ganz schlimm". Ohne Anleitung, überfordert, mit Ängsten zur Arbeit. Sie sollte gefühlt am zweiten Tag bereits Haare schneiden – und wechselte den Betrieb.

Der zweite Betrieb war das Gegenteil. "Ich hatte Aufgaben, die ich selber in die Hand nehmen konnte, aber gleichzeitig wurde ich an die Hand genommen. Das war echt toll. Das hat mir meine Ausbildung damals tatsächlich gerettet."

Aus diesen Erfahrungen leitet Ronja vier Ratschläge für Betriebe ab.

  • 1. Begeisterung zeigen, nicht nur Drecksarbeit verteilen. Natürlich gehört Putzen, Aufräumen und Haare fegen zum Beruf – das bestreitet Ronja nicht. Aber wenn Azubis monatelang ausschließlich unattraktive Aufgaben erledigen, verlieren sie die Motivation. "Ich glaube, das ist oft ein Problem in der Ausbildung, warum viele vielleicht auch nach einem Jahr abbrechen – dass sie die ganze Zeit die Drecksarbeit machen müssen und sich fragen: Lerne ich den Beruf oder bin ich hier die ganze Zeit ein Praktikant?"
  • 2. Regelmäßig zuhören. Ronja wünscht sich, dass Chefs sich regelmäßig mit ihren Azubis zusammensetzen – nicht nur beim Pflichtgespräch einmal im Jahr, sondern als festen Bestandteil des Alltags. "Ich finde, Chefs sollten sich allgemein einfach auch mal ein bisschen Feedback anhören. Einfach mal zuhören, wie es überhaupt ist."
  • 3. Den richtigen Mittelweg finden. Azubis komplett allein zu lassen ist falsch. Azubis drei Jahre lang nur Lockenwickler anreichen zu lassen, ist es auch. Betriebe, die ausbilden, tragen Verantwortung dafür, dieses Gleichgewicht aktiv herzustellen. "Wenn man ausbildet, ist man einfach, finde ich persönlich, in der Verpflichtung, die Zeit und Energie auch zu geben."
  • 4. Berufsblindheit erkennen. Wer seit zwanzig Jahren im selben Gewerk arbeitet, vergisst leicht, wie es sich anfühlt, am Anfang zu stehen. Ronja nennt das Berufsblindheit: "Man vergisst das manchmal ein bisschen, wenn man schon so lange im Beruf ist. Und dann erwartet man, dass Leute – gerade frisch aus der Schule – das Gleiche leisten können." Die Ausbildung existiert genau dafür: um einen Beruf zu lernen, nicht um ihn schon zu können. Wer sich regelmäßig in die Perspektive seiner Azubis versetzt, vermeidet Frust auf beiden Seiten.

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" – ein Satz, der weg muss

Kaum ein Satz bringt Ronja so in Fahrt wie dieser alte Klassiker. "Ich möchte gerne, dass der Spruch endlich mal gestrichen wird. Wir wollen doch die jungen Leute dazu animieren, dass sie auch Bock auf den Beruf haben."

Ihr Argument: Die Wünsche, die junge Menschen heute an Arbeitgeber stellen, sind nicht neu. Frühere Generationen hatten dieselben Wünsche – sie haben sie nur nicht ausgesprochen. "Die jungen Leute sprechen endlich Dinge an, die eigentlich schon hätten längst angesprochen werden müssen." Ronja sieht darin kein Anspruchsdenken, sondern eine überfällige Korrektur. Wer den Spruch weiter pflegt, transportiert eine Haltung, die potenzielle Azubis abschreckt, bevor sie überhaupt den Betrieb betreten.

Dazu kommt ein Muster, das sie aus eigener Beobachtung kennt: "Wir tragen ja oft das weiter, was uns mitgegeben wird. Das sieht man auch in Familien." Wer selbst eine harte Ausbildung durchgemacht hat, neigt dazu, das als Normalzustand weiterzugeben. Aber nur weil etwas immer so war, heißt das nicht, dass es gut war. Motivation schlägt Demotivation – so simpel ist die Rechnung.

Warum Social Media kein Bonus mehr ist, sondern Pflicht

Für Betriebe, die Nachwuchs suchen, hat Ronja eine klare Botschaft: Social Media ignorieren ist keine Option mehr. "Damals standen Anzeigen in der Zeitung, aber wir müssen mit der Zeit gehen. Und da ist Social Media halt wirklich richtig gut."

Viele Handwerksbetriebe liefern auf Instagram und TikTok bereits starke Inhalte: Arbeitsalltag, Teamzusammenhalt, Spaß auf der Baustelle. Das wirkt. "Beim Handwerk merkt man, dass es sehr familiär ist. Und alleine das macht es so nahbar." Genau diese Nahbarkeit suchen junge Menschen, wenn sie sich über mögliche Berufe informieren. Der erste Schritt ist heute nicht mehr der Anruf beim Betrieb – es ist der Blick aufs Smartphone.

Auch für die Azubi-Suche selbst eignen sich die Plattformen. Stellenanzeigen, kurze Videos aus dem Arbeitsalltag, Aufrufe an die Community – all das erreicht genau die Zielgruppe, die Betriebe dringend brauchen. Wer bei Google nach bestimmten Berufen sucht, bekommt Shorts und Videos vorgeschlagen. Wer dort nicht auftaucht, existiert für viele junge Menschen schlicht nicht.

Was das Handwerk kann, was kein Bürojob kann

Am Ende spricht Ronja über das, was sie am Handwerk vermisst. Eine Kundin, die ihr während der Friseurlehre komplett vertraute. Spiegel abhängen, einfach machen. Das Ergebnis: Tränen vor Freude. "Das ist etwas, was einem wirklich sehr, sehr viel mitgibt. Und ich glaube, das kann man nicht so einfach anders bekommen."

Aus ihrem Tischler-Jahr hat sie noch Werkstücke im Keller. Etwas Handfestes geschaffen zu haben, das vorher nicht da war – das ist für sie der Kern des Handwerks. Ein Gefühl, das keine Excel-Tabelle ersetzt.

Und dann ist da noch etwas, das Ronja an ihrer eigenen Geschichte auffällt: Im Handwerk sind ihr immer wieder Menschen begegnet, die ihr eine Tür aufgemacht haben. Der Schulkollege, der sie zum Tischler-Vorbereitungsjahr mitnahm. Der Lehrer, der sie ein Praktikum beim Friseur machen ließ – und selbst im Salon vorbeischaute. Der zweite Ausbildungsbetrieb, der sie auffing, als der erste sie fast aus dem Handwerk vertrieben hätte. "Da hat man diesen Zusammenhalt im Handwerk einfach gesehen", sagt sie.

Dieses Netz aus Menschen, die einander weiterhelfen – das ist ein Argument, das kein Recruiting-Video ersetzen kann. Aber es funktioniert nur, wenn Betriebe es auch leben.

Für Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber steckt in Ronjas Geschichte eine einfache Wahrheit: Junge Menschen wollen lernen, sie wollen gefordert werden, und sie wollen ernst genommen werden. Wer das bietet, bekommt loyale Fachkräfte. Wer es nicht bietet, verliert sie – an den Betrieb nebenan oder an eine ganz andere Branche. Und manchmal eben auch an Twitch.