Interview "Die Arbeit mit dem Tod sollte gelernt sein"

Der Beruf des Bestatters ist vielfältig und anspruchsvoll. Dazu trägt auch die multikulturelle Gesellschaft im Land bei, sagt Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Im DHZ-Interview ärgert er sich über unqualifizierte Quereinsteiger, spricht über die Arbeit von TikTok-Star Luis Bauer und erklärt, wie eine Meisterpflicht dem Berufsstand helfen könnte.

Der Bundesverband Deutscher Bestatter setzt sich für eine Meisterpflicht im Bestattungswesen ein. - © Robert Hoetink - stock.adobe.com

Wie verändert die wachsende kulturelle Vielfalt in Deutschland den Beruf des Bestatters?

Stephan Neuser: Sehr stark, es spiegelt sich in neuen Grabformen und kulturellen Besonderheiten wider. Beispiel ist die muslimische Bestattung. Es ist mittlerweile flächendeckend möglich, sich im Tuch bestatten zu lassen. Es gibt auch spezielle Gräber, die nach Mekka ausgerichtet sind. Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft in Deutschland und das merkt man natürlich auch in unserem Handwerk. Viele Angehörige gehören auch nicht mehr der Kirche an. Erstmals haben in Deutschland weniger als die Hälfte den kirchlichen Beistand in Anspruch genommen. Der größte Trend ist allerdings die Feuerbestattung. 72 Prozent aller deutschen Bestattungen werden so vollzogen, dadurch ergeben sich ganz neue Orte an denen Trauerfeiern stattfinden können.

Ihr Verband berichtet von vielen Quereinsteigern. Aus welchen Bereichen kommen diese ins Bestattungswesen?

Es sind Menschen, die meinen "der Beruf ist krisensicher", frei unter der Plattitüde "gestorben wird immer". Sie wissen aber meistens gar nicht, auf was sie sich einlassen und welche Herausforderung der Beruf birgt. Ohne Vorkenntnisse kann es nicht funktionieren. Bevor der erste Auftrag angenommen wird, müssen die Aufgaben einmal durchgeführt, bzw. gelernt worden sein. Rechtlichen Vorlagen, Betreuung von Angehörigen, Versorgung und Überführung des Verstorbenen, Organisation und Durchführung der Trauerfeier, diese Sachen kann man nicht einfach mal für sich auszuprobieren. Bestatter arbeiten immer mit Trauernden zusammen, diese als Versuchsobjekt zu nutzen ist unakzeptabel. Aus diesen Gründen brechen auch viele der Quereinsteiger wieder ab.

Welche Missstände registrieren Sie bei Betrieben, die ohne Qualifikation als Bestatter tätig sind?

Es gibt immer schwarze Schafe, auch in unserer Branche. Mit Lockvogel-Angeboten werden die Angehörigen geködert. Nachdem der Auftrag erteilt wird, kommen daraufhin immer mehr Kosten, die davor nicht kommuniziert wurden, dazu. Außerdem kann es passieren, dass Fristen nicht eingehalten werden und die Organisation einige Punkte vernachlässigt. Oftmals werden die Aufgaben dann an die Trauernden übergeben, wobei es die klare Arbeit des Bestatters wäre.

Stephan Neuser: Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter e.V. 85 Prozent der Bestatter in Deutschland sind freiwilliges Mitglied des Verbandes
Stephan Neuser: Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. - © BDB Bundeverband Deutscher Bestatter e.V. (BDB).

Kein Quereinsteiger im klassischen Sinne, aber auch kein ausgebildeter Bestatter sind Thanatopraktiker. Diesen Hintergrund hat Social Media-Star Luis Bauer. Profitiert Ihre Branche von der Reichweite des TikTok- und Instagram-Influencers?

Wir finden es toll, wie Luis Bauer das Thema Tod und Trauer bei der jungen Zielgruppe anbringt. Er beantwortet gestellte Fragen und informiert mit einer gewissen Leichtigkeit und Offenheit. Er zeigt, dass der Tod ein natürlicher Teil unseres Lebens ist, deshalb sollte er auch nicht totgeschwiegen werden. Herr Bauer klärt auf und nimmt die Angst davor, das begrüßen wir sehr. Dadurch wird den Jugendlichen natürlich auch der Beruf nähergebracht.

Wie sehen Sie es als Bundesverband, dass ausgerechnet das bekannteste Gesicht der Branche keine abgeschlossene Ausbildung als Bestatter hat?

Mit seiner spezialisierten Ausbildung als Thanatopraktiker hat er ja bereits Fachwissen und eine Prüfung bei der Handwerkskammer abgelegt. Er ist mit seinen 17 Jahren noch sehr jung und im besten Ausbildungsalter. Wen es seine Arbeit zeitlich zulässt, würden wir uns sehr freuen, wenn er eine Ausbildung zum Bestatter startet. Es ist aber natürlich seine Entscheidung.

Was macht ein Thanatopraktiker?

Thanatopraktiker führen u.a. eine konservierende Behandlung des Verstorbenen durch und bereiten diesen für die Abschiedsname am offenen Sarg vor.

Momentan reicht die Beantragung eines Gewerbescheins aus, um als Bestatter tätig zu sein. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Ein qualifiziertes Fundament ist dringend notwendig. Es reicht nicht, wenn man gut mit Menschen umgehen kann und ihnen gerne hilft. Es benötigt ein Gerüst, auf welches in jeder Situation zurückgegriffen werden kann. Nicht immer stirbt ein 90-Jähriger mit einem erfüllten Leben. Es sterben auch Kinder, ganze Familien, Babys, Jugendliche – das muss man verkraften können.

Wir haben den bundeseinheitlichen Ausbildungsberuf installiert. Bestattungsfachkräfte oder geprüfte Bestatter können als Weiterbildung den Meister machen. Momentan ist das aber alles freiwillig. Wir setzen uns dafür ein, dass wir nach der nächsten Evaluierung der Handwerksordnung zum zulassungspflichtigen Handwerk der Anlage A gehören. Dann wird für die Gründung und Übernahme ein Meisterbrief benötigt. Es kann nicht sein, dass der Beruf ohne jegliche Zulassungsbeschränkung ergriffen werden kann. Natürlich muss es aber Bestandsschutz geben für diejenigen, die den Beruf seit Generationen ausüben. Bei unseren Mitgliedsunternehmen ist der Trend zur Weiterbildung gut ersichtlich, das bestätigt die Zustimmung für unser Vorhaben.

Schon 2019 setzen Sie sich für eine Meisterpflicht im Bestatter-Handwerk ein. In zwölf Gewerken wurde die Meisterpflicht damals wieder eingeführt, in Ihrem nicht. Woran scheiterte das Vorhaben?

Wir waren handwerksähnlich, also in der Anlage B2. Unser damaliger Schritt war es erstmal in das Vollhandwerk (B1) zu kommen. Für die Einführung einer Meisterpflicht müssen verschiedene Kriterien als Argumente angeführt werden. Ein wesentlicher Faktor für die Verschiebung in die Anlage B1 ist die Arbeit mit infektiösen Verstorbenen. Dadurch ist unser Handwerk eine gefahrgeneigte Tätigkeit. Damals wurde es von der Politik nicht so gesehen. Durch die Corona-Pandemie weiß nun jeder, wie wichtig es ist, den Infektionsschutz umzusetzen. Die Infektionsgefahr endet nicht mit dem Tod, das gilt nicht nur für Corona, sondern auch für andere Krankheiten.

Was spricht neben der Qualitätssicherung für die Einführung der Meisterpflicht?

Aufgrund von vielfältigen Veränderungen in unserer Branche müssen Bestatter sich immer weiter informieren und fortbilden. Das sehen sogar die Betriebe, die seit vielen Generationen sehr gute Arbeit leisten, so. Daher wünschen sich auch unsere Mitglieder die Einführung einer Meisterpflicht. Dieser Wunsch kommt von den Bestatter-Betrieben, nicht von unserem Verband. Deshalb setzten wir uns dafür ein und kämpfen für die Pflicht.

Wie viele Bestatter machen aktuell den Meister? 

Momentan haben wir mehr Nachfragen als Plätze. Auf der Warteliste stehen 100 Betriebe, wir planen deshalb den Ausbau unseres Bundesausbildungszentrums. Im Jahr 2022 gab es 19 Bestatter, die ihren Meister gemacht haben. In den letzten fünf Jahren wurden insgesamt 124 Meister ausgebildet.

Sprechen wir noch kurz über die Ausbildung: Welche Stationen besuchen Bestattungslehrlinge während ihrer dreijährigen Ausbildung?

Die Besonderheit der Ausbildung ist, dass es nicht nur blockweise Unterricht in der Berufsschule, sondern auch im Bundesausbildungszentrum gibt. In der Schule wird die nötige Fachkunde unterrichtet. Im Ausbildungszentrum, welches im unterfränkischen Münnerstadt liegt, werden die Praxisaufgaben geübt. Dazu zählen zum Beispiel das Ausheben eines Grabes oder das richtige Ausschlagen und Verlöten des Sarges. Die restliche Zeit wird ganz normal im Ausbildungsbetrieb gearbeitet.

Die psychologische Betreuung ist eine wesentliche Aufgabe des Bestatters. Wie lehrt man das nötige Einfühlungsvermögen?

Im Bundesausbildungszentrum gibt es praxisbezogene Übungen mit erfahrenen Psychologen und Bestatter-Meistern. Im Unterricht lernt man, wie ein Gespräch am besten aufgebaut wird. Der Trauernde sollte richtig angesprochen werden, gleichzeitig müssen die Notwendigkeiten geklärt und auf den Weg gebracht werden. Es benötigt eine gewisse Balance zwischen Empathievermögen für die Trauersituation und voranbringen der zu erledigenden Aufgaben. Zusätzlich wird das Führen von Beratungsgespräche geübt, sie sind der Kern der späteren beruflichen Tätigkeit. Man lernt den Angehörigen in der Trauersituation emotional aufzufangen und seine Wünsche für die Trauerfeier einzuplanen. Dabei ist wichtig, was der Verstorbene und die Angehörigen sich individuell wünschen. Diese Sachen werden vereint und in die Bestattung mit eingearbeitet. Dabei gibt es viele Vorgaben, die zu beachten sind. Nicht jeder Wunsch ist aufgrund der Gesetzgebung realisierbar.

Welche Menschen sind für den Beruf ungeeignet?

Jeder kann das schnell für sich herausfinden. Unsere Empfehlung ist immer zuerst ein Praktikum zu absolvieren. In diesen zwei bis drei Wochen sieht der Praktikant, ob es etwas für ihn ist und ob er mit der Trauer und den Verstorbenen zurechtkommt. Es ist ein besonderer Beruf, aber wer sich für die Ausbildung entscheidet, zieht es fast immer erfolgreich durch. Die Durchfallquote der Lehrlinge ist sehr gering.

Anzahl der Auszubildenden zur Bestattungsfachkraft in allen Lehrjahren:

  • 2018: 473
  • 2019: 511
  • 2020: 539
  • 2021: 620
  • 2022: 777