TV-Kritik: SWR – "Stadt+Land=Liebe" Der SWR macht aus "Bauer sucht Frau" "Handwerker sucht Frau"

Fünf Handwerker vom Land, ein Bus voller Frauen aus der Stadt – und ganz viel Klischee. In "Stadt+Land=Liebe" wärmt der SWR das gute alte Dating-Format auf die öffentlich-rechtliche Art und Weise auf – nicht ganz so trashig, und natürlich mit einer Message: die Liebe zum Handwerk, die Liebe zum Land und die Liebe zwischen zwei Menschen ergänzen sich perfekt. Prädikat: Na ja...

v.li.: Dominik, Elias, Sven, Collien Ulmen-Fernandes, Gero und Dominic. - © SWR/sagamedia

Was sagt ein Glasmacher, wenn ihn eine Fachabiturientin, die Sexualwissenschaften studieren will, um Sexualtherapeutin zu werden, beim ersten Date fragt, wie es bei ihm mit der Glasmacherei so läuft? Elias überlegt nicht lange: "Also, ich kann gut blasen." Okay, bitte jetzt nicht aufhören zu lesen, denn schlimmer wurde es bei "Stadt+Land=Liebe", einem Dating-Format des SWR, kaum. Hin und wieder sogar ganz interessant, aber insgesamt eben auch – wie bei einer solchen Sendung auch nicht anders zu erwarten – ein wenig flach.

Mischung aus "Bachelor" und "Bauer sucht Frau"

Im Rahmen der ARD-Themenwoche "Stadt. Land. Wandel" musste es offenbar auch ein unterhaltsames, in Teilen sogar trashiges Format geben, um eine gewisse Ausgewogenheit innerhalb der öffentlich-rechtlichen "Grundversorgung" herzustellen.

Diese Rolle übernahm "Stadt+Land=Liebe", das sich als eine Mischung aus "der Bachelor" und "Bauer sucht Frau" herausstellte, natürlich auf die nicht ganz so billige Art wie im Privatfernsehen, und mit einem gewissen Anspruch, die dargestellten Menschen auch in ihren unterschiedlichen Charakterzügen zu zeigen und nicht bloßzustellen. Das Grundkonzept: Handwerker vom Land lernen Frauen aus der Stadt kennen und vielleicht lieben – zumindest für die Dauer der Produktion – und zeigen ihnen, was sie so den lieben langen Tag handwerklich vollbringen.

Alles beginnt mit mehreren Runden Speed-Dating, in denen die Handwerker mit verschiedenen Frauen ins Gespräch kamen. Da ging es schlüpfrige um Dinge wie oben geschildert, um Sternzeichen, aber auch um gemeinsame Interessen – und ganz allgemein um ziemlich Banales. Inszeniert wie eine etwas anspruchsvollere Version von "Bauer sucht Frau" und "Der Bachelor", kommt es am Ende des Tages zur Entscheidung durch die Männer. Sie suchen sich jeweils drei der Frauen aus, um sie mit in ihre Dörfer zu nehmen, ihnen ihren Alltag zu zeigen und vielleicht die große Liebe zu finden.

Das Hirn schaltet auf Berieselung

Und so befassen sich die weiteren Folgen mit den Erlebnissen, die die Stadt-Frauen auf dem Land bei den Heimwerkern haben. Da zeigt der Glasbläser seine Künste und bei der Herstellung eines – wie sollte es auch anders sein – Glas-Herzens. Da lädt der Winzer zu einer – na klar – zünftigen Brotzeit mit – na logisch – selbst gekeltertem Wein ein. Und da versucht der motorverrückte Karosseriebauer mit – na, was wohl – einem flotten Motorrad bei den Frauen zu punkten.

Alles erwartbar, nett, aber auch nicht mehr. Insgesamt fliegen die Folgen nur so am Zuschauer vorbei, denn der Grad an Belanglosigkeit ist teils schon derart hoch, dass das Hirn in eine Art "Wetten, dass...?"-Modus schaltet und sich einfach nur wie einst vom Gottschalkschen Herrenwitz berieseln lässt.

Die Moderation von Collien Ulmen-Fernandes leistet derweil das, was ein solches Format erfordert. Dauerlächelnd, gut gelaunt, und immer wieder mal naheliegende Klischees bedienend, moderiert sich die sympathische Frau durch die sechs Folgen, die derzeit noch im Fernsehen laufen und in der ARD-Mediathek bereits komplett zu sehen sind. Was wäre ein No-Go für die Männer, wenn sie an die Frauen denken, fragt die Moderatorin in die Runde. Eine der Antworten: "Klar, wenn sie keine Handwerker mag." Ja, ähm, natürlich, das wäre in der Tat wenig zielführend.

Tränenreiche Abschiede

Interviewausschnitte mit den Handwerkern wechseln sich in jeder Folge mit Moderations-Einsprengseln ab, doch den größten Teil nimmt natürlich die Schilderung der Erlebnisse ein, die die Handwerker mit "ihren" Frauen verbringen. Ob der Aufstieg auf eine Skisprungschanze oder das gemeinsame Bad in einem Pool – der SWR hat sich einiges einfallen lassen, um die einsamen Herzen zusammenzubringen. Zwischendurch kommt es dann immer wieder zur Entscheidung, welche der Damen den Hof – nein, pardon, das war Jargon aus "Bauer sucht Frau" –, vielmehr die Werkstatt verlassen muss.

Das geht dann hin und wieder tränenreich vonstatten, meistens sind die Kandidatinnen aber ganz gefasst. Etwa die eine, bei der von vornherein klar war, dass sie mit einer Dame konkurriert, die der Handwerker schon beim Speed-Dating favorisiert hatte. Denn wie immer ist natürlich auch hier einiges von den Produzenten vorab zumindest in die Wege geleitet, ist die gegenseitige Zuneigung mancher Protagonisten zu offensichtlich, als dass sie der SWR nicht schon vorab mit einkalkuliert haben könnte.

Zum Glück gestaltet das Öffentlich-Rechtliche die Abschiede meist kurz und schmerzlos und ergeht sich im Gegensatz zu den privaten Originalsendungen nicht in der schwer verdaulichen Zurschaustellung der Gefühle der Ausgebooteten.

Der SWR bleibt den Protagonisten gegenüber fair

Ganz grundsätzlich muss man dem Sender bei aller Oberflächlichkeit des Formats zugutehalten, dass er darauf verzichtet, wie die private Konkurrenz auch schon mal erkennbar Menschen in die Show zu holen, die dem Geschehen nicht ganz folgen und schon gar nicht einschätzen können, wie all das dann auf den Zuschauer wirkt.

Die dargestellten Handwerker sind nach allem, was aus während der sechs Folge zu erkennen ist, sympathische Kerle, ganz normale, ordentlich aussehende, fleißige Typen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Dominik etwa, Elektromeister, arbeitet von 6 bis 22 Uhr, am Wochenende teilweise auch. Das will er jetzt ändern, denn sein "größter Traum ist, eine Familie zu gründen." Elias, Glasmacher, sieht beim Speed-Dating "wenig praktischen Nutzen hinter langen Nägeln", fährt eine alte Ente, mag generell alte Sachen. Gero, Winzer aus Bacharach, lässt es gern gemütlich angehen, Dominic, Schreiner, scheint der Hingucker unter den Männern zu sein, 14 von 16 Frauen wollen ihn kennenlernen. Und Sven, erfolgreicher Karosseriebauer und Abschleppunternehmer, fährt gern Motorrad und joggt gerne. Alles also ganz normal.

Und weil die Frauen ebenso aus der Mitte der Gesellschaft gegriffen sind, wenn auch die eine oder andere einen gewissen Spleen zu haben scheint – aber wer hat den nicht –, könnte sich der Zuschauer auch fragen, warum denn sowohl die Männer als auch die Frauen es nicht auf normalem Wege schaffen, einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben zu ergattern.

Die wichtigen Fragen der Branche spielen keine Rolle

Aber auf solche Fragen geht eine solche Show natürlich nicht ein. Vielmehr bewundern die Frauen die Handwerker, wenn diese ihr Handwerk zeigen. Und sie begleiten sie beim Standup-Paddling, beim Weintrinken und bei "romantischen Einzeldates". Am Ende hat es – zumindest solange die Kameras noch da waren – auch bei dem einen oder der anderen "gefunkt", wie in der letzten Folge klar wird.

All das ist schön nebenbei anzusehen, etwa beim Bügeln oder Staubsaugen nach einem langen Arbeitstag, nett gemacht, und wer diese Art von Sendung mag, der ist angesichts der respektvolleren Aufmachung als bei den Privatsendungen bei "Stadt+Land=Liebe" wahrscheinlich gar nicht schlecht aufgehoben. Echte Themen aus dem Handwerk passen indes naturgemäß nicht so recht in so ein Format – und wer erwartet hatte, dass auch der Fachkräftemangel, Nachwuchssorgen oder die Akademisierung von Lehrberufen eine Rolle spielen würden, der dürfte sich enttäuscht sehen.

Natürlich wird hin und wieder mal der Stress des selbstständigen Handwerkers erwähnt, der auch deshalb bislang noch oder wieder Single ist, aber diese Aspekte werden auch von der Moderation nie vertieft. Das wäre auch der falsche Platz für diese Themen, die in anderen Formaten viel besser aufgehoben sind.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Unterhaltung – das bleibt eine schwierige Beziehung zwischen ausreichendem Trash-Faktor und einigermaßen anständigen Niveau. Die Balance ist beim Format "Stadt+Land=Liebe" gar nicht schlecht geglückt, wenn auch am Ende ein leichtes Seufzen überwiegt – und sich die Frage stellt: "Warum genau musste das jetzt noch mal sein?"

>>> Hier können Sie sich "Stadt+Land=Liebe" in der ARD-Mediathek ansehen