TV-Kritik: ARD – "neuneinhalb" über Berufe im Wandel So kommt das Handwerk in Kinder- und Jugendsendungen weg

Seit jeher haben die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auch ein Angebot für Kinder und Jugendliche im Programm. Und auch dort werden Themen aufgegriffen, die das Thema Handwerk behandeln. Die Sendung "neuneinhalb" widmet sich aussterbenden oder im Wandel begriffenen Berufen, und behandelt das Thema mit erfrischender Klarheit und Verständlichkeit – nicht nur für das junge Publikum.

Schwebende bunte Schirme: Handwerksberufe wie der Schirmmacher sterben aus. Die Redaktion der Sendung "neuneinhalb" ging den Gründen dafür auf die Spur. - © salita2010 - stock.adobe.com

Bei den Kinder- und Jugendsendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist es nicht anders als bei den Anderen. Auch dort ist die Spanne zwischen Unterhaltung und Information groß, gibt es bessere und schlechtere Formate. Die Sendung "neuneinhalb" greift in Reportagen ernsthafte Themen auf und bereitet sie für Jugendliche auf. Was dort gesendet wird, erreicht also eine relevante Zahl an jungen Menschen und prägt deren Bild von der Welt durchaus mit. Doch wie kommt eigentlich das Handwerk in solchen Formaten weg? Das zeigte sich beispielhaft in der Episode, in der es um aussterbende Berufe und solche im Wandel ging, und die am Wochenende ausgestrahlt wird.

Warum sterben Berufe aus? Unter dieser Leitfrage hatte die Redaktion den Beitrag gestellt. Und man muss sagen, dass sie diese Fragestellung konsequent verfolgte. Zum Beispiel, indem sie Till Finger, seines Zeichens Schirmmacher, besuchte. Sein Urgroßvater hatte einst damit begonnen, Schirme herzustellen, nachdem er zuvor als Seefahrer auf den Weltmeeren unterwegs gewesen war. Was seinerzeit begann, weil Fingers Urgroßmutter den Ehemann öfter zu Hause haben wollte, hat sich in den folgenden Generationen zu einer Familientradition entwickelt. Der Höhepunkt des Geschäfts waren die 1980er-Jahre. Da hatte das Unternehmen elf Filialen und 90 Mitarbeiter – und es gab noch nicht so viele Billigschirme aus China. Das, so erläutert es die Reporterin, sei heute das größte Problem: die Konkurrenz, Schirme für Preise zwischen drei und fünf Euro aus Fernost.

Der Schirmmacher: Verlagerung aufs Luxus-Segment

Früher seien Schirme von Hand hergestellt worden, heute gebe es viele billige Schirme mit schlechter Qualität. Zu diesen Preisen kann Till Finger aus verständlichen Gründen nicht bauen. Jetzt hätte er natürlich hinschmeißen können, versucht es aber stattdessen mit einer Fixierung auf das Luxus-Segment. Er stellt nur noch hochpreisige, handgefertigte Schirme her, die bis zu 200 Euro kosten – "und dafür richtig viel aushalten", wie es die Reporterin formuliert. Das tun sie sicher, aber bei solchen Produkten spielt natürlich stets auch die Exklusivität eine Rolle, die Besonderheit des Einzelstücks, das sich nicht jeder leisten kann.

Mit dem Geschäftsmodell scheint Finger ganz gut zu fahren, aber mit Blick auf die Zukunft seines gesamten Gewerks stimmt er nachdenklichere Töne an. "Aktive Schirmmacher gibt es um die fünf", sagt Finger. Und es sieht nicht so aus, als ob es in absehbarer Zeit mehr würden. Offiziell könne man den Beruf nicht mehr lernen, da man keine Berufsschule und keine Innung mehr habe, erklärt der Schirmmacher. "Du kannst keine Prüfung mehr ablegen", sagt Finger, und die Reporterin entgegnet: "Das heißt ja schon, dass der Beruf gerade dabei ist, auszusterben?" Finger: "Wenn ich damit aufhöre, und mir ist kein Jüngerer bekannt, dann ist es zu Ende." Das ist eine Aussage, die genauso deprimierend wie eindeutig daherkommt. Beim Blick auf den Schirmmacher und seine Arbeit haben es die "neuneinhalb"-Redakteure jedenfalls geschafft, binnen weniger Minuten aufzuzeigen, wie und warum ein Beruf im Laufe der Zeit verschwinden kann.

Warum Berufe aussterben

Dass Berufe aussterben, ist normal und kommt immer wieder mal vor, heißt es schließlich aus dem Off, und es folgen recht anschauliche Beispiele in Form von Animationen. Ein anderer ausgestorbener sei die Abtrittsanbieterin gewesen. Wer unterwegs auf die Toilette musste, konnte sich unter dem Schutz des ausgebreiteten, weiten Mantels dieser Frauen in einen Eimer erleichtern. Als mehr und mehr öffentliche Toiletten entstanden, starb der Beruf  – sicher auch aus Gründen, die nahe liegen, aus. Ähnlich erging es auch den Lichtputzern. Sie waren für die Beleuchtung in Theatern zuständig, als diese noch von Kerzen gemacht wurde. Mit Erfindung der Öllampe wurde dieser Beruf schließlich überflüssig. Auch dieser kleine Exkurs war recht lehrreich, nicht nur für Kinder. Die Quintessenz: es ist nicht selten der technische Fortschritt, der Berufe aussterben lässt.

Und um der Sendung noch eine weitere inhaltliche Ebene zu verpassen, beschäftigte sich die Reporterin schließlich noch mit einem Beruf, der zwar keineswegs ausgestorben ist, aber einen starken Wandel erfahren hat. Und auch hier nimmt der technische Fortschritt bei der Entwicklung des Berufsbilds eine ganz zentrale Rolle ein. Der Kraftfahrzeug-Mechaniker wurde in den vergangenen Jahren zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker. Lara, die von den ARD-Journalisten in einer Werkstatt besucht wird, hat den Beruf gelernt und wartet und repariert Autos. Direkt kommt die Sprache darauf, welche Veränderungen sind in jüngster Vergangenheit ergeben hätten. Viel mehr Elektrik sei in den Autos verbaut, verrät Lara, Computer helfen bei der Fehlersuche. Die Fortschritte bei der Entwicklung der Autos brachte die Veränderung im Berufsbild mit sich. Dafür wird anschaulich ein Auto aus 2003 wird verglichen mit modernem Auto. Beim alten Modell sind etwa Batterie, Motor und Sicherungskasten unter der Motorhaube klar zu erkennen. Beim moderneren ist alles unübersichtlicher, gibt es mehr Bauteile, sind überall Leitungen. Bei Problemen kann allerdings heute auch elektronisch nach dem Fehler gesucht werden. Und der Beruf wird sich noch weiter verändern, im Zuge des weiteren Ausbaus der Elektromobilität. Das wiederum bedeutet auch, dass die Mechatroniker weitere Zusatzqualifikationen benötigen.

Fazit: So klar wünscht man sich auch manche Sendung für Erwachsene

Klare Struktur, klare Antworten auf klare Fragen, keine politischen Implikationen, keine unterschwelligen Botschaften: Das, was die ARD-Journalisten in der Kinder- und Jugendsendung "neuneinhalb" zu Berufen im Wandel hingelegt haben, hob sich auch von so manchem Programm für Erwachsene wohltuend ab. In zehn Minuten erfuhren die Nachwuchs-Zuschauer die relevanten Fakten rund um das Thema, und so sollte es ja eigentlich auch bei den etwas größeren Fernseh-Konsumenten sein.

Der Beitrag läuft am Samstag, 24. Juli, um 8:15 Uhr in der ARD. Er ist aber jetzt schon in der ARD-Mediathek aufrufbar: Aussterbende Berufe – Wie sich unsere Arbeitswelt verändert