Interview mit Michael Herma "Der Energieverbrauchsausweis sollte abgeschafft werden"

Die von der Bundesregierung angepeilten Klimaziele für Gebäude hält Michael Herma vom Spitzenverband der Gebäudetechnik für ambitioniert. Er fordert eine Reform des Energiebedarfsausweis und einen Verzicht auf den -verbrauchsausweis. Eine Abwrackprämie für alte Heizungen hält er für falsch.

Steffen Guthardt

Michael Herma, Geschäftsführer des ­Spitzenverbandes der Gebäudetechnik und Sprecher des Bündnisses Energieausweis. - © Foto: VdZ

DH Z: Herr Herma, wie energiebewusst denken die Deutschen?

Herma: Es gibt hier noch viel Aufklärungsbedarf. Beim Kauf von Elektrogeräten haben die Verbraucher durch die Energielabel ein Bewusstsein entwickelt und kaufen stromsparende Modelle. Dass Heizung und Warmwasser jedoch 85 Prozent des Energiebedarfs in Gebäuden ausmachen, wissen die wenigsten. Über Energieeffizienz wird hier leider noch sehr wenig nachgedacht.

DH Z: Bis 2050 will die Regierung einen klimaneutralen Gebäudebestand erreichen. Ist das realistisch?

Herma: Das Ziel ist sehr ambitioniert. Derzeit haben wir in Gebäuden im Schnitt einen Verbrauch von 160 kWh pro Quadratmeter im Jahr. Nach einem Gutachten des Instituts für Wohnen und Umwelt müssten wir jedoch auf 27 kWh kommen. Es muss jetzt etwas passieren.

DH Z: Was halten Sie von einer Abwrackprämie für alte Heizungen?

Herma: Es sind unserer Meinung nach andere Maßnahmen erforderlich, wie eine Aufstockung der Fördermittel zur energetischen Sanierung. Wir haben nachgewiesen, dass für jeden investierten Euro wieder sieben Euro zurück in die Staats­kassen fließen würden. Neben den positiven Effekten für das Klima lohnt sich das am Ende für den Staat.

DH Z: Im Zuge der Reform der Energieeinsparverordnung wurden auch die Vorschriften für den Energieausweis von Gebäuden verschärft. Hilft das der Energieeffizienz?

Herma: Im Prinzip ist der Energieausweis ein gutes Instrument. Aber bisher ist er nur ein Papiertiger. In einer Stichprobe in Großstädten wurde trotz drohender Bußgelder in nur acht von 77 Wohnungen der Energieausweis unaufgefordert vorgezeigt.

DH Z: Wie muss die Politik reagieren?

Herma: Zuerst sollte der Dualismus beim Energieausweis beendet werden. Der Energieverbrauchsausweis sollte abgeschafft werden, weil er keine Angaben über den energetischen Zustand macht. Die Verbrauchsangaben im Ausweis lassen sich leicht manipulieren. Mit wenigen Angaben und ohne Kontrolle kann jeder für wenig Geld im Internet einen Energieverbrauchsausweis erstellen.

DH Z: Was bringt der Energiebedarfsausweis?

Herma: Er gibt den tatsächlichen energetischen Zustand eines Gebäudes an. Er sollte jedoch um eine Klassen­darstellung der Energieeffi­zienz erweitert werden wie bei Elektroge­räten. Das momentane Design ist nicht verbraucherfreundlich genug.

DH Z: Aber können diese Angaben nicht genauso manipuliert werden?

Herma: Der Energiebedarfsausweis wird nur nach einem Gutachten vor Ort erstellt. Wir brauchen dazu neutrale und kompetente Energieberater, damit die Ergebnisse verlässlich sind. Aus meiner Sicht macht es Sinn, dass auch ein gut qualifizierter Handwerker Energieausweise ausstellen darf.

DH Z: Ab dem 26. September 2015 gilt ein EU-Energielabel für Heizungen? Was heißt das für Handwerker?

Herma: Das Problem ist, dass sich sich die Energieklasse einer Heizung nicht wie bei einem Kühlschrank berechnen lässt, da es eine Verbundanlage ist. Um den Handwerkern Aufwand zu ersparen, entwickeln wir derzeit eine Datenbank für Heizungsprodukte. Handwerker werden diese über ihre kaufmännische Angebotssoftware nutzen können.