Alle Photovoltaik-Anlagen mit mehr als 10 kWp Leistung müssen bis Ende des Jahres umgerüstet werden, damit das Stromnetz stabil bleibt. Das Elektrohandwerk erwartet viele Aufträge. Für Anlagenbesitzer ist die Umrüstung trotzdem kostenlos.
Ulrich Steudel

Kurz nach 22 Uhr gehen am 4. November 2006 in halb Europa die Lichter aus. Von Deutschland bis Spanien sitzen plötzlich rund zwölf Millionen Menschen im Dunkeln. Nach Abschalten einer 380-kV-Leitung war damals das Stromnetz kollabiert, weil Energienachfrage und -angebot aus dem Gleichgewicht geraten waren. Das Szenario könnte sich wiederholen, wenn auch aus anderem Grund. Schuld daran ist die Energiewende. Damit sich ein ähnlicher Blackout wie 2006 nicht wiederholt, müssen bis Ende des Jahres rund 400.000 Photovoltaik-Anlagen umgerüstet werden.
An jenem Samstagabend war ein Kreuzfahrtschiff von der Meyer-Werft in Papenburg zu seiner Jungfernfahrt ausgelaufen. Über die Ems sollte die "Norwegian Pearl" zur Nordsee fahren. Zur Sicherheit hatte der Energiekonzern E.ON die 380-kV-Leitung abgeschaltet, die den Fluss überspannt. Die Frequenz im Netz begann daraufhin unter den Normwert von 50 Hertz zu sinken, was einen Dominoeffekt an Stromausfällen in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Spanien nach sich zog. Der großflächige Blackout im Jahr 2006 führte Europa vor Augen, wie dicht die Stromnetze inzwischen über Ländergrenzen hinweg verwoben sind.
Eine ähnliche Panne würde passieren, wenn die Frequenz deutlich ansteigt – etwa, wenn bei Sonnenschein besonders viel Energie aus Solaranlagen eingespeist, aber nur wenig Strom verbraucht wird. Deshalb schalten sich Photovoltaik-Anlagen bei einer Frequenz von 50,2 Hertz automatisch ab. Mit dem im Zuge der Energiewende steigenden Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen entsteht aber eine andere Gefahr: Würden wegen einer eigentlich beherrschbaren Schwankung der Frequenz im Stromnetz plötzlich alle PV-Anlagen gleichzeitig abschalten, käme es abrupt zum Ausfall von mehreren Gigawatt. Selbst die Notreserve von rund drei Gigawatt Primärregelleistung könnte das nicht auffangen, zumal sie auch nicht schnell genug bereitstehen würde.
Update für Wechselrichter
Deshalb werden die Solaranlagen nun auf verschiedene Abschaltfrequenzen umgerüstet, wie es die Systemstabilisierungsverordnung vom 26. Juli 2012 vorschreibt. Das geschieht durch ein Update der Wechselrichter, zum Beispiel indem neue Software aufgespielt wird oder einzelne Bauteile ausgetauscht werden.
Der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) geht von einem Auftragsvolumen von zwischen 180 und 340 Millionen Euro aus, die jeweils zur Hälfte aus Netzentgelten und der EEG-Umlage finanziert werden. Denn für die Eigentümer der PV-Anlagen bleibt die Nachrüstung kostenfrei. Außerdem erwartet der ZVEH, dass die Nachfrage nach Beratungsleistungen steigen wird, denn der bisherige Verlauf der Umrüstaktion hat bereits einige Probleme mit sich gebracht.
Zuständig für die Umrüstung sind die Verteilnetzbetreiber. Sie informieren die Eigentümer der PV-Anlagen, die dann einen Fragenbogen mit technischen Angaben zur Anlage fristgerecht zurückschicken müssen, ehe der Auftrag zur Umrüstung ausgelöst wird. Hier gab es bereits Schwierigkeiten, wie die Agentur für Erneuerbare Energien mitteilte. Geschäftsführer Philipp Vohrer befürchtet nun, dass es zu weiteren Verzögerungen kommen könnte, weil in den nächsten Monaten die Umrüstung der vielen kleineren Anlagen ansteht. "Je kleiner die Anlage, desto geringer ist in der Regel das technische Wissen der Besitzer über ihre Anlagendaten", sagt Vohrer.
Die Anlagenbetreiber dürfen sich eine Firma wünschen, die das Update am Wechselrichter vornimmt. "Wir empfehlen den Betrieb zu nehmen, der die Anlage installiert hat. Allerdings sollten die Betreiber darauf achten, dass nur geschultes Personal den Wechselrichter umstellt", sagt Alexander Neuhäuser, Geschäftsführer Recht und Wirtschaft beim ZVEH.
Handwerker geschult
Rund 550 Handwerker wurden vom Bundesverband Solarwirtschaft in Kooperation mit den ZVEH-Landesverbänden an Wechselrichtern der Firmen Danfoss, Fronius, Kaco, Kostal, Platinum und Sputnik geschult. Andere Wechselrichter-Hersteller, wie Marktführer SMA, haben selbst Schulungen angeboten. Genug Personal steht also bereit, um die vielen kleineren Anlagen umzurüsten. Kleinstanlagen mit einer Leistung von weniger als 10 kWp sind von der Umrüstaktion ohnehin befreit.
Die Strommasten der 380-kV-Leitung über die Ems sind nach dem Vorfall von 2006 im darauffolgenden Sommer von 84 auf 110 Meter erhöht worden. Seither muss die Leitung nicht mehr abgeschaltet werden, wenn unter ihr ein Luxusdampfer kreuzt. Und wenn nach den PV-Anlagen auch alle Wind- und Wasserkraftwerke umgerüstet wurden, sollte auch der Strom aus erneuerbaren Energien keine Gefahr mehr für einen Blackout sein.
Tipps vom ZVEH
Gewährleistungsrechte und Herstellergarantie: Die gesetzlichen Gewährleistungsrechte und -fristen bleiben erhalten. Anders verhält es sich bei der Errichter- oder Herstellergarantie. Hier können Rechte aus dem Vertrag erlöschen. Der ZVEH rät, sich an den Garantiegeber zu wenden. Mehrkosten für eine eventuelle Nachrüstung zum Erhalt der Herstellergarantie müssen die Betreiber selbst tragen.
Ertragsausfall: Der Ertragsausfall während der Umrüstung wird nicht vergütet. Damit es schnell geht, sollte im Vorfeld der Fragebogen des Verteilnetzbetreibers möglichst exakt beantwortet werden.