Tarifverhandlungen Neuer Tarifvertrag: Dachdecker erhalten rund 8,2 Prozent mehr

Nachdem ein Tarifabschluss im September 2022 noch an der Arbeitgeberseite scheiterte, wurde zwischenzeitlich ein neuer Kompromiss erzielt. In zwei Schritten erhalten die rund 100.000 Beschäftigten im Dachdeckerhandwerk mehr Geld. Was der vereinbarte Tarifvertrag für Arbeitnehmer und Azubis konkret vorsieht.

Dachdecker
Dachdecker am Einsatzort: Die Beschäftigten im Dachdeckerhandwerk erhalten zunächst fünf Prozent mehr Geld, im Oktober 2023 dann noch einmal drei Prozent. Insgesamt sieht der Tarifvertrag damit ein Plus von rund 8,2 Prozent gegenüber dem bisherigen Ecklohn vor. - © roboriginal - stock.adobe.com

Eigentlich hätten die Löhne und Gehälter im Dachdeckerhandwerk schon zum 1. Oktober 2022 um fünf Prozent steigen sollen. Doch der im August ausgehandelte Tarifvertrag scheiterte an der Zustimmung der Mitgliederversammlung des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH).

Dachdecker: Tarifvertrag sieht Erhöhung in zwei Schritten vor

Mittlerweile haben sich die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und der ZVDH auf einen neuen Tarifvertrag im Dachdeckerhandwerk geeinigt. In einer gemeinsamen Pressemitteilung sprechen beide Seiten von einem "zukunftsweisenden Tarifkompromiss".

Die rund 100.000 Beschäftigten erhalten seit November 2022 fünf Prozent höhere Löhne und Gehälter. Der Ecklohn im Dachdeckerhandwerk ist damit von 19,52 Euro brutto auf 20,50 Euro gestiegen. Zum 1. Oktober 2023 werden die Bezüge um weitere drei Prozent angehoben – auf dann 21,12 Euro pro Stunde.

"Der Kompromiss ist uns nicht leichtgefallen", erklärte ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk, Verhandlungsführer auf Arbeitgeberseite. "Gerade in Zeiten, in denen die wirtschaftlichen Aussichten durch hohe Energiepreise und ständig steigende Materialkosten ungewiss sind, sind Lohnerhöhungen schwer zu vermitteln." Andererseits sei es gerade jetzt wichtig, in die Beschäftigten zu investieren.

Der ausgehandelte Tarifvertrag sei ein "hartes Stück Arbeit gewesen", sagte Carsten Burckhardt, Verhandlungsführer für die IG BAU. "Am Ende ist es aber ein starkes Signal für das Handwerk, das zeigt, dass Tarifpartnerschaft im Sinne der Beschäftigten und der Betriebe gerade im Handwerk funktionieren kann." Die Beschäftigten könnten – vor dem Hintergrund steigender Lebenshaltungskosten – wieder optimistischer in die Zukunft schauen und dem Dachdeckerhandwerk die Treue halten, so Burckhardt.

Ecklohn für Dachdecker seit November 2022

DatumEcklohn im Dachdeckerhandwerk
bis einschließlich Oktober 202219,52 Euro
seit November 202220,50 Euro
ab Oktober 202321,12 Euro
Quelle: Eigene Berechnungen

Inflationsprämie im Februar 2023 und 2024

Zusätzlich zur Lohnerhöhung sieht der neue Tarifvertrag eine steuer- und abgabenfreie Inflationsprämie für alle gewerblichen und kaufmännisch-technischen Arbeitnehmer vor. Diese wird in zwei Raten von je 475 Euro im Februar 2023 und 2024 an die Beschäftigten ausbezahlt. Teilzeitbeschäftigte erhalten eine anteilige Zahlung, Azubis 35 Prozent, Minijobber gehen leer aus.

Erst im Oktober 2022 hatte der Gesetzgeber die Möglichkeit für Arbeitgeber geschaffen, Sonderzahlungen in Höhe von bis zu 3.000 Euro steuer- und abgabenfrei an ihre Mitarbeiter auszuzahlen. Mit Blick auf die damals noch laufenden Gespräche im Kanzleramt zur Inflationsprämie hatte die Arbeitgeberseite den ursprünglich ausgehandelten Tarifvertrag noch abgelehnt. Der Kompromiss vom August sah anstelle einer Inflationsprämie eine zu versteuernde "Energiepreispauschale" in Höhe von 300 Euro vor.

Mehr Urlaub für gewerbliche Arbeitnehmer im Dachdeckerhandwerk

Ebenfalls im Tarifkompromiss festgehalten ist, dass gewerblichen Arbeitnehmern im Dachdeckerhandwerk zwei Urlaubstage mehr zustehen. Hintergrund: der Arbeitnehmeranteil an der Winterbeschäftigungsumlage wird nun ausschließlich durch einen Abzug von 0,8 Prozent des Bruttomonatslohns erbracht. Die Umlage ist ein monatlich zu leistender Beitrag von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Er dient dazu, ergänzende Leistungen des Saison-Kurzarbeitergeldes (früher: Schlechtwettergeld) zu finanzieren.

Auch Dachdecker-Azubis erhalten mehr Geld

Auch für die Auszubildenden im Dachdeckerhandwerk bringt die Tarifeinigung mehr Geld. "Als Klimahandwerk wollen wir im Kampf um die Talente auch weiterhin attraktiv sein für die Fachkräfte von morgen", erklärte ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk. Die Ausbildungsvergütungen in allen Lehrjahren steigen deshalb ebenfalls in zwei Schritten – man wolle damit ein "deutliches Signal" setzen. Auszubildende im ersten Lehrjahr erhalten nun 820 Euro, ab Oktober 2023 sind es 860 Euro. Im zweiten Lehrjahr liegt die Vergütung seit 1. Oktober 2022 bei 990 Euro, ein Jahr später steigt sie auf 1.040 Euro. Die Ausbildungsvergütungen für Dachdecker-Azubis im dritten Lehrjahr haben sich im ersten Schritt auf 1.260 Euro erhöht, im zweiten steigen sie auf 1.320 Euro.

Um die Ausbildungsbereitschaft im Dachdeckerhandwerk weiter zu stärken, erhalten Ausbildungsbetriebe eine weitere Monatsvergütung durch die SOKA Dach erstattet. Bisher wurden sieben Monate im 1. Ausbildungsjahr, fünf im 2. Lehrjahr und einer im 3. Jahr erstattet. Nun kommt ein weiterer Monat im dritten Ausbildungsjahr hinzu. Aus der 7-5-1-Regelung wurde also eine 7-5-2-Regelung. Im Gegenzug übernimmt der Arbeitgeber anfallende Fahrt- und gegebenenfalls Übernachtungs-/Verpflegungskosten für die Gesellenprüfung.

Die Tarif- und Sozialpartner im Dachdeckerhandwerk hatten angekündigt, Vorhaben zu erarbeiten, die die Attraktivität der Ausbildung und den Verbleib in der Branche erhöhen sollen. Dazu zählen die Förderung von lernschwachen Auszubildenden, Angebote für die digitale Berufsbildung, die kontinuierliche Qualifizierung von Ausbildern und Ausbilderinnen, ein Starter-Kit für neue Auszubildende und anderes mehr. "Auch diese Übereinkunft freut mich wirklich sehr, endlich gehen wir gezielt gegen den Fachkräftemangel vor", betonte Carsten Burckhardt von der IG BAU.

Die Laufzeit des Tarifvertrags beträgt einschließlich Leermonaten 27 Monate und endet am 30. September 2024.

Was ist der Ecklohn?

Unter Ecklohn versteht man den Lohn, der nach einem Tarifvertrag für einen Facharbeiter nach zweijähriger Tätigkeit gezahlt werden muss. Nicht jede Branche hat einen Ecklohn und im Laufe der Zeit hat der Ecklohn auch an Bedeutung verloren. Wo es noch Ecklöhne in den Tarifverträgen gibt, können sich Arbeitnehmer darauf berufen, allerdings nur dann, wenn ihr Arbeitsverhältnis einem entsprechenden Tarifvertrag unterliegt. Trifft das zu, spricht man von Tarifbindung. Wird ein Tarifvertrag ausgehandelt, müssen sich Arbeitgeber an die Bedingungen halten, die darin definiert sind.