Interview zur Spaltung der Gesellschaft Corona-Zoff am Arbeitsplatz: Wenn Meinungen auseinandergehen

Corona hat die Gesellschaft tief gespalten. Psychologin, Trainerin und Coach Nathalie Krahé aus Frankfurt erklärt, wie Chef und Team trotz unterschiedlicher Meinungen weiter konstruktiv miteinander umgehen können.

Psychologin, Trainerin und Coach Nathalie Krahé aus Frankfurt
Konflikte sind Zeit- und Energiefresser im Unternehmen. Nathalie Krahé empfiehlt in schwierigen Situationen den Weg zum Mediator. - © privat

Frau Krahé, seit fast zwei Jahren dominiert Corona das Leben der Menschen. Auch in den Betrieben treffen Befürworter und Gegner der Maßnahmen aufeinander, die Fronten zwischen Geimpften und Ungeimpften sind oft verhärtet. Wie lässt sich der betriebliche Frieden da aufrecht erhalten?

Nathalie Krahé: Die Entwicklung, dass es bei unterschiedlichen Meinungen kaum mehr Diskurs gibt, beobachte ich schon länger. Durch die sozialen Medien bewegt sich jeder in seiner Filterblase unter Gleichgesinnten. Andere Meinungen erscheinen dann als vollkommen abwegig. Das Muster ist auf beiden Seiten das Gleiche, nur die Positionen sind austauschbar. Tatsächlich wäre es aber hilfreich, die Ohren zu spitzen, dem anderen zuzuhören, Verständnis aufzubauen, auch wenn mich befremdet, was er sagt, mich nicht abzuwenden und ihn nicht abzuwerten.

Ist dann Einigung möglich?

Darum geht es gar nicht. Wir brauchen eine neue Kultur, in der wir es aushalten, dass jemand eine andere Meinung hat. Das gilt für die Gesellschaft genauso wie für Familien und Unternehmen.

Wenn die Spannung aber weiter bleibt und die Arbeit erschwert?

Dann kann es auch eine Lösung sein, die Teams anders zusammensetzen, sofern die Personalsituation das hergibt. Wenn diese Möglichkeit nicht besteht, muss man einen Schnitt machen und das Thema beenden. Manchmal ist die Erkenntnis, dass man im Moment keine Lösung findet, die Lösung. Wenn beide sich darüber einigen, dass sie unterschiedlicher Meinung sind und sich jetzt wieder auf die Arbeit konzentrieren, kann auch das die Spannung herausnehmen. Es gibt ja auch noch andere Themen, über die man sich unterhalten kann. Angesichts Corona verhalten wir uns oft wie das Kaninchen vor der Schlange.

Sie plädieren also dafür, Diskussionen ab einem bestimmten Punkt zu beenden?

Auf jeden Fall. Der Chef muss dafür sorgen, dass im Unternehmen die gesetzlichen Regeln und Verordnungen eingehalten werden. Das ist wie im Straßenverkehr. Auch da findet man nicht jede Maßnahme sinnvoll, hält sich aber trotzdem daran. In solchen Situationen kann man also auch ein "Machtwort" sprechen: ,Ich verstehe, dass dich das privat ärgert. Aber im Unternehmen brauchen wir , dass alle mitmachen. Wir setzen um, was uns von den Regierenden vorgegeben wird. Lasst uns die Emotionen da herausnehmen und unsere Arbeit machen.‘

Warum schlagen die Emotionen bei Corona so hoch?

Die Krise hat bei vielen etwas ausgelöst. Hilflosigkeit und existenzielle Sorgen sind ein Stressfaktor. Und wir sind es in Deutschland ja nicht gewöhnt, dass der Staat so massiv eingreift. Für sein Wohlbefinden braucht der Mensch das Gefühl, dass die Dinge um ihn herum Sinn ergeben und dass er durch sein eigenes Verhalten etwas daran ändern kann. Resiliente Menschen schaffen es auch in schwierigen Situationen, konstruktive Lösungen zu suchen. Andere reagieren mit Überforderung oder gar Depression. Und wieder andere werden wütend und trotzig, beispielsweise, weil sie glauben, Corona sei durch die Medien aufgebauscht und es diene dem Gewinn einzelner. In meinen Beratungen erlebe ich immer wieder, dass Menschen sich in solch einer Trotzhaltung regelrecht festfahren und nicht wissen, wie sie gesichtswahrend da herauskommen können. Auch dann helfen Vier-Augen-Gespräche.

Aktuell polarisieren vor allem die Impfungen. Eine Befragung der Universität Hamburg zeigt, dass der Druck auf Ungeimpfte deren Widerstand vergrößert. Für sie wird Trotz zum wichtigsten Argument gegen Impfungen. Warum?

Druck erzeugt Gegendruck. Trotz ist die Reaktion darauf, dass sich der Mensch nicht gehört fühlt, sich übergangen fühlt. Das ist nichts, was man mit Argumenten ändern kann. Es wäre vielmehr hilfreich, auch hier erst einmal zuzuhören.

Beim Impfthema sitzen die Unternehmer zwischen allen Stühlen. Sie müssen ihre Mitarbeiter auf die Impfmöglichkeit hinweisen, dürfen deren Impfstatus aber in der Regel nicht abfragen. Im Fall einer staatlich angeordneten Quarantäne müssen sie aber doch darüber Bescheid wissen wegen der Lohnfortzahlung. Wie sollen sie da kommunizieren?

Sie brauchen sich inhaltlich ja nicht zu positionieren. Es genügt, dass sie ihre gesetzlichen Verpflichtungen einhalten und das auch klar machen. Wer mit den Maßnahmen nicht einverstanden ist, kann das auf politischer Ebene äußern, aber eben nicht im Unternehmen austragen.

Hilfe von Außen holen

Wenn Unternehmer sich Beratung ins Haus holen, dann zumeist aus handfesten betriebswirtschaftlichen Gründen, beispielsweise um die Liquidität zu verbessern oder Prozesse zu optimieren. Doch viele Probleme im Betrieb gehen auf "weiche" Faktoren zurück, zum Beispiel die Kommunikation oder auch unterschwellige Konflikte im Team.

Nathalie Krahé empfiehlt, sich auch in solchen Fällen Hilfe von Außen zu holen, beispielsweise bei Mediatoren, Konfliktmanagern oder Psychologen.