Burnout ist längst kein seltenes Phänomen mehr, sondern eine Zivilisationskrankheit. Auch in der Zweirad-Branche nimmt der Druck zu. Doch erst als das Leben von Andreas Koch auf Messers Schneide stand, zog der Inhaber eines Motorradgeschäfts die Reißleine. Was der Auslöser für seine Erkrankung war – und welchen Rat er und andere Unternehmer Betroffenen geben.

Die Liebe zum eigenen Unternehmen führt bei einigen Handwerkern dazu, sich vollständig zu verausgaben. Insbesondere, wenn sie im Zuge des hohen Arbeitspensums das Gefühl haben, die Kontrolle über das Geschäft zu verlieren, von allen Seiten massiven Druck spüren und die Geschäftszahlen eher Ernüchterung hervorrufen.
"Von hohem Stress sind häufig Personen betroffen, die ein scheinbar erfülltes Leben führen. Sie haben oft einen tollen Job in einer Führungsposition, eine Familie, die hinter ihnen steht und sie machen einen gefestigten Eindruck. Doch plötzlich passt etwas nicht mehr", erläutert Georg Goldbach, Mental-Coach und Unternehmensberater mit Führungserfahrung in internationalen Konzernen und KMU. Aktivitäten mit Familie und Freunden machen keinen Spaß mehr und werden als Druck erlebt. Die Erholung bleibt aus und abzuschalten funktioniert nicht mehr. "Wenn der Stress überhandnimmt, kann er in einem Burnout enden. Dann stellt sich ein totaler Erschöpfungszustand ein und Körper, Geist und Seele fühlen sich ausgelaugt", erklärt der Experte.
Was ist Burnout?
Bislang war das Burnout-Syndrom als Krankheitsdefinition nicht existent. Geraume Zeit als "In-Syndrom" belächelt, beschreibt es einen Zustand der absoluten Erschöpfung und zeigt sich in Depressionen, Angststörungen und körperbezogenen Störungen die mindestens sechs Monate andauern und sich beispielsweise in Herz-Kreislaufstörungen, starken Verspannungen oder Verdauungsbeschwerden zeigen können. Die Weltgesundheitsorganisation führt Burnout seit 2022 erstmals als eigenständige Diagnose. Hinzu kommt, dass während der Corona-Pandemie viele Menschen Ängste entwickelten und um ihren Arbeitsplatz oder die Insolvenz des eigenen Unternehmens fürchteten.
Wie der aktuelle Dekra-Arbeitssicherheitsreport 2021 beschreibt, berichten rund 88 Prozent der Arbeitnehmer, dass der negative psychische Stress in der Arbeitswelt zunehmen würde. In dieser Situation sind Selbständige noch einmal mehr gefordert – sie müssen neben einer belastenden Ungewissheit und den eigenen Sorgen zusätzlich mit den Befürchtungen ihrer Mitarbeiter möglichst souverän umgehen.
So gefährlich ist die Zivilisationskrankheit Burnout
Mittlerweile hat sich das Burnout-Phänomen auf nahezu alle Berufsgruppen ausgeweitet und etwa jeder dritte Mensch benötigt mindestens einmal in seinem Leben psychotherapeutische Hilfe, weil er sich in einem Ausnahmezustand befindet. "Burnout ist ein absoluter Risikozustand. Wenn Geschäftsführer oder Mitarbeiter die Arbeit nicht mehr abschalten können, ist das ein akutes Warnsignal", mahnt Goldbach. Führt eine Dauerbelastung zu chronischer Erschöpfung, kann dies ein Hinweis auf Burnout sein.
Selbsttest Burnout: Bin ich krank?
- Ich fühle mich dauerhaft müde, erschöpft und schlafe schlecht.
- Ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren, vergesse vieles und meine Leistung lässt nach.
- Ich kann mich für meinen Beruf nicht mehr begeistern und mir fehlen Motivation und Antrieb.
- Ich habe das Gefühl, dass vieles komplett an mir hängen bleibt.
- Ich rackere mich ab, bekomme aber aus meinem beruflichen Umfeld keine Wertschätzung.
- Ich verspüre manchmal Angst und zweifle oft an meinen Fähigkeiten.
- Vieles wächst mir über den Kopf.
- Ich werde zunehmend zynischer, reizbarer und gleichgültiger und frage mich: "Wozu das alles?"
- Ich will in Ruhe gelassen werden und distanziere mich von Familie und Freunden.
- Ich erhole und entspanne mich nicht mehr am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub.
- Ich habe häufig körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme, Übelkeit, Bluthochdruck oder Ohrgeräusche.
Es stellt sich die Frage, inwiefern die persönlichen Konzepte, die im Arbeitsleben ein Burnout auslösen könnten, entschärft oder ganz beseitigt werden können. Goldbach erklärt: "Der von Burnout Betroffene sieht in aller Regel keine Möglichkeiten, die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Was er braucht, ist ein Perspektivwechsel, der nur aus der Ruhe und Entspannung kommen kann." Ruhe und Entspannung gönnen sich viele Geschäftsführer jedoch nicht und finden daher keinen Ausstieg aus ihrem Hamsterrad.
Goldbach beobachtet, dass diejenigen, denen der Absprung gelungen ist, häufig erstaunt darüber berichten, wie alleine durch einen Perspektivwechsel der Berg von Aufgaben plötzlich dahin geschmolzen ist. Das Ziel ist, bereits bei den ersten Anzeichen gegenzusteuern. Ab einem bestimmten Grad der Stressbelastung, wenn alles überhandnimmt, schaffen es die meisten Menschen aber nicht mehr ohne fremde Hilfe. Dann sollten sie umgehend eine Beratungsstelle aufsuchen oder – auch anonym – eine ambulante oder stationäre Behandlung in Anspruch nehmen. Selbst eine überstandene Burnout-Erkrankung birgt noch Gefahren, denn es ist ähnlich wie eine Sucht: Die Betroffenen können jederzeit in alte Muster zurück rutschen und alles geht wieder von vorne los.
Als Geschäftsführer gehört Stress dazu – doch wann wird es ungesund?
Andreas Koch, Inhaber und Geschäftsführer von Andys Motorcycles aus dem osthessischen Dipperz in der Rhön, ist in allen Bereichen seines Unternehmens im Einsatz und wird von vier Mitarbeitern unterstützt. Der Mehrmarkenhändler, der neben Motorrädern auch Quads und ATV anbietet, betreut ebenfalls Fremdmarken. Er erklärt: "Früher war Urlaub für mich völlig undenkbar und reduzierte sich lediglich auf ein langes Sommerwochenende im Jahr. Ich dachte immer, dass das Geschäft ohne mich nicht laufen würde. Mittlerweile weiß ich, dass meine Mitarbeiter auch mal ohne mich zurechtkommen."
Dieser Erkenntnis ging jedoch ein langer Weg voraus, denn vor einigen Jahren sah alles noch ganz anders aus. Koch berichtet: "Früher bin ich zeitweilig morgens um halb vier aufgestanden und manchmal erst gegen Mitternacht von der Arbeit nach Hause gekommen." Zu dieser Zeit betrieb er einen Motorradhandel mit Werkstatt und nebenbei noch eine Spedition, die ein immer größeres Ausmaß annahm und auf mehr als 40 Fahrzeuge anwuchs. Insbesondere der permanente Zeitdruck und der Personalmangel im Speditionsbereich setzten Koch auf Dauer stark zu. Am Ende standen zwei Herzinfarkte und die Erkenntnis, dass er sich zwischen seinen beiden Unternehmen zerrieb.
"Auf der Intensivstation, als mein Leben auf Messers Schneide stand, stellte ich mir die Frage, wie es jetzt weiter gehen soll. Dass der Stress massive Auswirkungen auf mein Herz-Kreislaufsystem hatte, ist mir spätestens zu diesem Zeitpunkt klar geworden", sagt er. Nachdem er gesundheitlich vollkommen stabilisiert war, entschied er sich, die Spedition aufzugeben und sich nur noch auf das Motorradgeschäft zu konzentrieren. Er verkaufte seine Betriebsgebäude, wechselte den Standort und stellte seine Arbeitshaltung auf den Prüfstand.
Druck von allen Seiten
Achim Trinkner, Geschäftsführer der Trinkner Autohaus & Zweiradfachgeschäft GmbH aus Löchgau zwischen Heilbronn und Stuttgart, berichtet, dass ihm das hohe Arbeitsaufkommen insbesondere in der Saison oft schlaflose Nächte bereitet. Seinem Team gehören mittlerweile 30 Mitarbeiter an. Er erklärt: "Ich gehe auch mal für ein paar Wochen über meine Grenzen. Wichtig ist dabei nur, dass der Stress dann wieder abnimmt. Wenn nämlich kein Ende in Sicht ist und die Erträge über einen längeren Zeitraum zu wünschen übriglassen, ist die Situation extrem demotivierend." Trinkner beschreibt, zeitweilig an drei Fronten gleichzeitig zu kämpfen: Mit den Kunden, den Herstellern und auch mit den eigenen Mitarbeitern.
Koch beobachtet, dass viele Kunden ungeduldiger und anspruchsvoller geworden sind. Die Motorradhändlerin Beate Fahrmeier (der Name ist ein Pseudonym, ihre Identität ist der Redaktion bekannt) erklärt, dass Stress im Motorrad-Business völlig normal ist. Die Unternehmerin, die 20 Mitarbeiter beschäftigt, bringt es auf den Punkt: "Möglicherweise schätzen die Kunden die Arbeitsbelastung des Handels wenig realistisch ein. Hinzu kommt, dass es die Motorradkunden bislang nicht gewohnt sind, bis zu sechs Monate auf ihr Fahrzeug warten müssen." Dass dies auf Kundenseite zu Unmut führen kann, den die Händler zu spüren bekommen, liegt auf der Hand.
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Lieferengpässe verschärfen den Druck
In der Motorradwerkstatt Tobys Garage von Tobias Heil aus Fulda stellen Materialmangel und Lieferengpässe ein Problem dar, da sie die gewohnten Arbeitsabläufe in der Werkstatt stören. Die bislang gute Planbarkeit anfallender Arbeit und zuverlässige Terminvergaben sind damit vorbei. Er sagt: "Im letzten Jahr haben wir besonders Lieferengpässe bei Teilen aus Gummi, wie Dichtungen und Simmerringen, zu spüren bekommen." In diesem Jahr erwartet er Engpässe bei den Reifen. Er bestellt sie daher schon jetzt in Ansprache mit seinen Stammkunden. Heil erklärt, dass einer seiner Kunden im letzten Jahr drei Monate auf seine Reifen warten musste: "Und die waren dann auch noch Schrott und wir mussten sie reklamieren!" Dies war nicht nur für seinen Kunden ärgerlich und soll nicht noch einmal passieren. Er versucht daher, den akuten Bedarf an Motorradreifen und deren Lieferzeiten einzuschätzen, woraufhin er Reifen bereits im Vorfeld bestellt und einlagert. Die Gefahr, die dieses gebundene Kapital mit sich bringt, ist er bereit zu tragen.
Die allgemeine Sorge der Werkstätten, dass die Lager der Industrie und der Großhändler nahezu leer sein könnten, ist auf den beobachteten Rohstoffmangel und die damit einhergehenden Produktionsausfälle zurückzuführen. Die Lieferengpässe kosten Heil wertvolle Arbeitszeit in seiner Werkstatt, da ihn seine Stamm-Lieferanten nicht mehr zuverlässig beliefern können. "Das ist zu einem echten Stressfaktor geworden, denn meine Suche nach Teilen ist sehr aufwändig, weil ich mich mittlerweile auch bei anderen Lieferanten umschauen muss. Ich kann nicht mehr, wie früher, einfach und unkompliziert bestellen", erläutert er.
Hersteller wälzen Risiko ab
Völlig normal ist auch, laut Koch, dass viele Hersteller Druck auf ihre angeschlossenen Händler ausüben. Bekanntermaßen werden – herstellerabhängig – Mindestabnahmen, Bevorratungen von Teilen und Zubehör, Zulassungsverpflichtungen, Einhaltung der Corporate Identity und vieles mehr gefordert. Fahrmeier sieht ihren Vorteil als Mehrmarkenhändlerin darin, breiter aufgestellt zu sein, um die hiermit verbundenen, möglicherweise ungünstigen Umstände besser abpuffern zu können. Sie berichtet, dass die Hersteller seit Corona das Gesamtrisiko der Bestellungen bei Lieferschwierigkeiten auf den Handel abgewälzt haben. Hierdurch werden, ihrer Meinung nach, insbesondere einige Einmarkenhändler unter großen Druck geraten.
Fahrmeier beobachtet auch, dass der Arbeitskräftemangel als generelles Problem insbesondere auch den Motorradhandel trifft und die Samstagsarbeit zudem viele abschreckt. Sie stellt fest, dass tendenziell die jüngeren Mitarbeiter eine andere Arbeitsmoral an den Tag legen, Vorgesetzte weniger akzeptieren und viel mehr fordern als ihre älteren Kollegen. Trinkner ergänzt, dass eine der ersten Fragen bei Einstellungsgesprächen oft die Frage nach dem Urlaub sei – noch bevor geklärt ist, ob die Tätigkeit überhaupt in Frage kommt.
Mitarbeiter sind anspruchsvoller
Harald Finkl ist Geschäftsführer der Finkls Erlebnis Motorrad GmbH aus Königsbrunn mit 20 Mitarbeitern. Seine jüngeren Mitarbeiter verlangen in erster Linie nach einer guten Work-Life-Balance, wobei das Entgelt in den Hintergrund tritt. Er hat viel Gespür für sein Team, dennoch erkennt er, dass er nicht jeden Mitarbeiter zufriedenstellen und halten kann. Er sagt: "Kürzlich habe ich jemanden verloren, der an seiner neuen Arbeitsstelle um 16 Uhr Feierabend hat. Dies sind Umstände, bei denen ich einfach machtlos bin."
Die Corona-Pandemie bescherte ihm – wie den meisten seiner Kollegen – ausgezeichnete Geschäftszahlen. "Diese Zeit brachte uns wesentlich mehr Arbeit. Damit einher ging aber leider auch eine Zunahme der Fehler in der Werkstatt", erklärt Finkl, der seine Mitarbeiter für die Ansprüche der Kunden zu sensibilisieren versucht. Wenn direkt nach einem Wartungstermin die Kontrollleuchte blinkt und dies von den Werkstattmitarbeitern lediglich als Kleinigkeit abgetan wird, muss der Geschäftsführer für den Fehler die Verantwortung übernehmen. Und unzufriedene Kunden verursachen enormen Stress.
Was kann helfen, um Burnout vorzubeugen?
Bevor der psychische Stress in der Arbeitswelt zu einer ernsthaften Erkrankung führen kann, hält Karin Müller, Arbeitspsychologin und Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit bei der Dekra, einige Tipps bereit, um Körper und Geist zu entspannen. Konkret rät sie, bei der Arbeit generell rechtzeitig Pausen einzulegen – etwa alle 45 bis 60 Minuten. Bewährt hat es sich auch, am Vorabend die fünf wichtigsten Punkte für den nächsten Tag aufzuschreiben und eine To-do-Liste zu führen sowie einen Wochenplan zu erstellen. Der Terminkalender sollte entrümpelt und das Multitasking heruntergefahren werden.
Arbeitgeber müssen Gesundheit der Mitarbeiter im Blick haben
Damit der normale Wahnsinn auch für die Mitarbeiter nicht in enormem Stress oder schlimmstenfalls in einem Burnout endet, fordert der Gesetzgeber die Unternehmer auf, die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten im Blick zu haben und, falls erforderlich, rechtzeitig einzuschreiten. Die gesetzliche Pflicht zur Arbeitssicherheit, die auch eine regelmäßige Beurteilung psychischer Gefahren der Mitarbeiter einschließt, ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Organisation. Unternehmen, die das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen, beispielsweise durch ein Betriebliches Gesundheitsmanagement, haben nachweislich gesündere, zufriedenere, motiviertere und damit leistungsfähigere Mitarbeiter.
Die Arbeitspsychologin rät weiterhin: "Fragen Sie, was wichtig, was dringlich ist und für was beides zutrifft." Auch belastete soziale Beziehungen sind im Arbeitskontext ein hoher Stressfaktor. Daher ist regelmäßige Kommunikation wichtig und auch die Bereitschaft, Konfliktgespräche zu führen. Wenn unvermeidliche schwierige Termine anstehen, hilft eine gute Vorbereitung und ein paar Minuten vorher zur Ruhe zu kommen, um sich die wichtigsten Aspekte noch einmal bewusst zu machen. Geht ein Termin mal schief, ist das eben nicht zu ändern.
Müller rät, neue Perspektiven einzunehmen: "Lassen Sie sich nicht von stressenden Faktoren überrollen, sondern richten Sie den Blick ganz bewusst auf positive Dinge, die Ihnen Freude machen." Nicht zu unterschätzen sind ebenfalls guter Schlaf, eine gesunde Ernährung und genügend Bewegung. "All diese Dinge helfen, dem Stress möglichst lange zu widerstehen und mit ihm umzugehen, denn ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper", so Mental-Couch Goldbach. Sehr wichtig ist ein gelungener Start in den Tag mit viel Ruhe, Entspannungsritualen wie Meditation, Mentaltraining und Bewegung, wie beispielsweise Yoga.
Er rät auch, das bisherige Freizeitverhalten unter die Lupe zu nehmen, da sich manche Menschen neben beruflichem Stress zusätzlich noch Freizeitstress aufladen.
Erschien zuerst im Fachmagazin bike & business