Elektromobilität Bulli mit Elektroantrieb: Nutzlast geht vor Reichweite

Die Tuningspezialisten von Abt aus Kempten verwandeln den VW T6.1 in einen Elektro-Transporter. 2022 geht bei VW der ID Buzz in Serie.

Max Unflath, Tim Berchtold und Jens Häberle (v.l.) in der Werkstatt von Abt e-Line in Kempten, wo eine Flotte von Testfahrzeugen für die Entwicklung bereitsteht. - © Ulrich Steudel

Die Elektromobilität nimmt allmählich Fahrt auf. Das Kraftfahrtbundesamt meldet bei den Zulassungen von batterie­elektrisch betriebenen Pkw für das vergangene Jahr ein Plus von 206 Prozent gegenüber 2019. Für Max Unflath Grund genug, seinen Kfz-Betrieb auf den bevorstehenden Strukturwandel vorzubereiten. Als erstes investiert der Geschäftsführer des Fahrzeug Servicezentrums Berchtold in Kempten in einen VW T6.1, der quasi um die Ecke einen Elektroantrieb verpasst bekommt.

Volkswagen bietet seinen beliebten Transporter selbst nicht mit E-Antrieb an. Stattdessen kooperiert VW mit Abt in Kempten. Schon seit gut zehn Jahren rüsten die Tuningspezialisten aus dem Allgäu VW-Nutzfahrzeuge mit Elektromotoren aus. Was mit dem Umbau von zwei Caddy im Rahmen eines Förderprojekts der Bundesregierung nach der Finanzkrise 2010 begann, ist inzwischen zum Tochterunternehmen Abt e-Line mit 70 Mitarbeitern gewachsen. "Damals hatten die beiden Caddys noch einen kleinen Dieseltank für die Heizung. Heute wird auch die Klimaanlage mit 7,5 Kilowattstunden Energie aus der Batterie gespeist", erklärt Jens Häberle, Leiter Produktmanagement bei Abt e-Line.

Am ursprünglichen Abt-Standort in der Oberwanger Straße in Kempten kümmern sich die Mitarbeiter um die Entwicklung und die EU-Zulassung. In Abstimmung mit VW werden rund 70 Crash-Situationen simuliert und die Testfahrzeuge vier realen Crashtests ausgesetzt. Für die Montage be­­treibt Abt e-Line zwei Produktions­linien bei Alko in Günzburg-Deffingen mit einer jährlichen Kapazität von bis zu 10.000 Fahrzeugen.

Interesse an Hochvolt-Technik

Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr knapp 2.000 VW T6.1 und Caddy auf E-Antrieb umgerüstet. Einer der Kastenwagen kommt künftig beim Kfz-Betrieb Berchtold als Servicefahrzeug zum Einsatz. „Wir decken mit unserem Pannendienst einen Radius von rund 30 Kilometern ab. Da reicht ein Elektroantrieb völlig aus“, sagt Max Unflath. Viele der 28 Mitarbeiter des Fahrzeug Servicezentrums, unter ihnen je sechs Meister und Azubis, seien jung und an der Hochvolt-Technik stark interessiert.

Bei Abt e-Line hat man die Technologie im Verlauf der Jahre perfektioniert. Viele Fahrzeuge wurden für die Post umgerüstet, aber auch örtliche Handwerker wie die Bäckerei Wipper setzten früh auf Elektromobilität und das Know-How von Abt. Für den Um­­bau liefert VW die Transporter mit Verbrennungsmotor ins Allgäu. Bei Abt e-Line wird der Antriebsstrang komplett ausgetauscht. Motor und Abgasanlage gehen zurück zu Volkswagen und werden dort in den nächsten Abt e-Line Fahrzeugen verbaut. Das automatische Doppelkupplungsgetriebe bleibt erhalten, aber nur der erste bis dritte Gang werden ge­nutzt.

Reichweite bei knapp 140 Kilometer

Aus Bulli wird Buzz: Der VW Transporter der Zukunft soll elektrisch und in ­wenigen Jahren auch autonom fahren. - © VWN

Der neue Elektromotor mit einer Leistung von 83 kW ist mit seinen 29 kg im Vergleich zum Verbrenner ein Leichtgewicht, umso schwerer lastet die Batterie mit ihren 330 kg auf dem Fahrzeug. Trotzdem bleibt eine Zuladung von bis zu 1 t erhalten, auch im Laderaum geht kein Platz verloren. "Wir legen den Fokus klar auf eine hohe Nutzlast statt auf Reichweite und Tempo", sagt Jens Häberle. So wird die Höchstgeschwindigkeit bei 120 km/h abgeregelt. Die Reichweite liegt bei 138 km, im Winter kann aber schon mal bei 100 km der Saft ausgehen. Die Batterie verfügt über eine Kapazität von 37,3 kWh und lässt sich an einer AC-Ladestation in 5,5 h aufladen, an einer DC-Schnellladestation dauert es 45 min, bis 80 Prozent geladen sind.

Der Vertrieb der Fahrzeuge läuft im Zwei-Rechnungs-System über zertifizierte VW-Autohäuser. "In Deutschland gibt es rund 350 Servicepartner", betont Jens Häberle. Die Elek­tro-Transporter würden aber auch in acht europäischen Ländern verkauft.

Beim Fahrzeug Servicezentrum Berchtold, das sich auf Lkw und Kühltransporte spezialisiert hat, aber auch Pkw repariert sowie eine Lackiererei und Karosseriebau betreibt, will man mit dem VW T6.1 von Abt vor allem Informationen im Umgang mit dem Elektroantrieb sammeln. "Das ist wichtig für künftige Investitionsentscheidungen. Aktuell ist es schwer abzuschätzen, welche Technologie sich langfristig durchsetzen wird", meint Geschäftsführer Max Unflath. Ein Dilemma, das auch seinen Cousin Tim Berchtold umtreibt.

Ab August Quoten für ÖPNV

Als Juniorchef beim Reise- und Busunternehmen Berchtold kommt er am Thema "alternative Antriebe" nicht vorbei. Denn künftig gelten bei Dienstleistungsaufträgen der öffentlichen Hand verbindliche Mindestziele für emissionsarme Fahrzeuge, insbesondere für Busse im öffent­lichen Nahverkehr (ÖPNV). Das regelt die Clean Vehicle Directive, die An­fang August in Kraft tritt. Da Berch­told mit acht Bussen im Linienverkehr fährt, wird das Unternehmen seine Flotte nach und nach umstellen müssen. Den Anfang machen zwei VW T6.1 Caravelle, die als Elektrobusse im Schülerverkehr und im Shuttle-Service des Reiseunternehmens zum Einsatz kommen.

Welcher alternative Antrieb sich einmal durchsetzen wird, kann auch bei Abt niemand verlässlich vorher­sagen. Fest steht hingegen, dass die Elektrifizierung des VW Transporters kein dauerhaftes Geschäft für das Unternehmen sein wird. Mit dem ID Buzz bringt VW einen völlig neuen Elektro-Transporter an den Start, für den im nächsten Jahr die Serienproduktion anlaufen soll. Der Elek­troumbau des T6.1 bei Abt e-Line wird voraussichtlich noch bis ins Jahr 2025 im Programm bleiben. Parallel dazu werden bei Abt schon die nächsten Projekte in Angriff genommen.