TV-Kritik: BR - "Münchner Runde" Braumeisterin in TV-Talk zu Gaskrise: "Habe schlaflose Nächte"

Just an dem Tag, als der russische Gasriese Gazprom den Durchfluss durch die Pipeline Nord Stream 1 erneut auf 20 Prozent der maximalen Menge reduzierte, diskutierte der BR in der Münchner Runde über die möglichen Auswirkungen der Gaskrise auf Bürger und Wirtschaft. Mit dabei: Eine Braumeisterin aus Bayern, die eindrücklich schilderte, wohin immer weiter steigende Energiepreise führen können.

Russland hat seine Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 von 40 auf 20 Prozent reduziert. - © picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Im Kessel kocht das Wasser. Zum Brauen von Bier und für eine "wallende Kochung", wie es Barbara Lohmeier nennt, braucht es Hitze und damit Energie. Und die kommt vom Gasbrenner. Die Braumeisterin von "Bräu z’Loh" im oberbayerischen Dorfen östlich von München zeigt in einem Einspieler während der Talkshow "Münchner Runde", warum das Brauen gerade in der jetzigen Zeit enorm hohe Kosten erzeugt.

Den Bierpreis habe sie schon aufgrund der Corona-Maßnahmen zwei Mal anheben müssen, sagt die Stimme aus dem Off, aber nun sei er schon wieder zu niedrig. "Die Flasche kostet im Moment 85 Cent, und eigentlich wäre es sinnvoll und würde sich rechnen, wenn sie 1,20 Euro kosten würde", sagt Lohmeier. Etwa 40 Prozent Aufschlag wären das – den Kunden wohl kaum vermittelbar.

Braumeisterin: "Ich habe schlaflose Nächte"

Die Braumeisterin stand in der "Münchner Runde" im Bayerischen Rundfunk, gekleidet in ein traditionelles bayerisches Dirndl, zum Thema "Angst vor der Gas-Krise: Was kommt auf Bayern zu?" beispielhaft für die Sorgen und Nöte des Handwerks und des Mittelstands angesichts explodierender Energiepreise. Seit 1928 besteht der Familienbetrieb in Dorfen, und es gab nicht nur gute Zeiten, aber jetzt ist es schon richtig eng.

Lohmeier erzählt, dass sie sich aktuell kein Gehalt auszahlt. "Ich habe schlaflose Nächte", gesteht die Braumeisterin, denn sie wisse nicht, wie die Zukunft werden soll. Viele Brauereien seien zu 100 Prozent vom Erdgas anhängig und müssten sich nun Gedanken machen, wie sie die Produktion aufrecht erhalten könnten. Bei mindestens 24 Euro müsst der Kasten Bier in etwa landen, damit das Geschäft rentabel sei. Das - siehe oben - würde die Gefahr mit sich bringen, dass Kunden aussteigen.

Aiwanger duelliert sich mit bayerischem SPD-Chef

Mit den durch Lohmeier artikulierten Sorgen des Mittelstands konfrontiert wurden in der Sendung Florian von Brunn, bayerischer SPD-Chef, Veronika Grimm, Wirtschaftswissenschaftlerin von der Uni Erlangen-Nürnberg, Saidi Sulilatu, Finanzexperte des Portals "Finanztip" und der bayerische Wirtschafsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

Letzterer gab sich verständig, was die Probleme des Handwerks anging. Gefragt, ob eine Brauerei systemrelevant sei oder andere bei Gasknappheit bevorzugt würden, sagte er: "Am Ende können wir es uns nicht leisten, auch nur eine Branche zu verlieren, es hängt auch viel mehr miteinander zusammen als man meint." Aiwanger lieferte sich ein kleines Duell mit dem SPD-Chef von Brunn. Der verteidigte die Bundesregierung, während Aiwanger sie scharf kritisierte. Grimm war indes für die ökonomische Einordnung eingeladen worden, Sulilatu für die Sicht der Verbraucher und praktische Tipps zum Umgang mit der Gaskrise.

Nicht mehr sparen, keine Vorsorge: "Ich bin am Limit"

So entwickelte sich ein ernsthafter, interessanter Talk, der zwar an den bayerischen Verhältnissen orientiert, aber nicht darauf beschränkt war. Die Aussage von Lohmeier, wonach sie privat nicht mehr sparen könne – "ich bin am Limit" – und sogar bei der Vorsorge zurückstecken müsse, dürfte wohl für so manchen Selbstständigen und Mittelständler nicht unbekannt sein. Schon während der Corona-Maßnahmen traf es viele Betriebe hart, und nun steht der nächste Schock vor der Tür.

Als kleine Brauerei könne sie keinen Dreischicht-Betrieb wie in großen Unternehmen organisieren, sagte Lohmeier. Und in einer ähnlichen Situation fehlender Möglichkeiten, angemessen auf die steigenden Kosten reagieren zu können, seien viele Handwerker, "nicht nur Brauereien". Sie könne auch die Preissteigerungen nicht in vollem Umfang an die Kunden weitergeben. "Ich weiß nicht, ob wir höhere Preise durchsetzen können", sagte Lohmeier.

Swimming Pools und längere AKW-Laufzeiten

Die Runde arbeitete sich in der Folge an den verschiedensten Themen rund um die Gaskrise ab. Die prekäre Versorgung in Bayern, den Zoff um den österreichischen Gasspeicher Haidach, der gerade für Bayern eine große Bedeutung hat, die Entlastungen durch die Bundesregierung – und das geplante Verbot, private Swimming Pools zu beheizen. Während SPD-Mann von Brunn das sinnvoll fand, entfuhr Aiwanger in dem Zusammenhang das Wort "lächerlich". Grimm indes warb für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten, die natürlich auch Thema waren, und Sulilatu führte den Zuschauern eindrucksvoll vor Augen, dass auch auf Verbraucher enorme Kostenspitzen bei der kommenden oder übernächsten Nebenkostenabrechnung zukämen. Es sei mit "Mehrkosten von mehreren Tausend Euro" zu rechnen.

Vorsichtiger Optimismus: "Mann muss immer schauen, dass es weitergeht"

Schließlich kam das Gespräch wieder auf Braumeisterin Lohmeier. Sie sei nicht optimistisch, gestand sie. Die nun vom Bund geplante Umlage angesichts steigender Kosten im Zuge der Rettung des Energieriesen Uniper belaste die Unternehmen nur weiter, auch die Energiepreispauschale müsse der Arbeitgeber vorschießen, und sie sei auch noch steuerpflichtig. Gerade kleineren Brauereien würde eine Beibehaltung der 2021 befristet gesenkten, sogenannten Biersteuermengenstaffel helfen, wonach grob gesagt die Biersteuer reduziert wird, je geringer der Hektoliter-Ausstoß pro Jahr ist.

Alles Vorschläge, die sich die Politik zu Herzen nehmen sollte. Auch wenn gerade kleine Betriebe leider in Zeiten der Dominanz gesellschaftlicher Partikularinteressen und der Marktmacht großer Konzerne keine allzu große Lobby haben. Dabei sind sie es, die das Land nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell prägen. Da geht es um mehr als den schnellen Profit – um Kultur, Strebsamkeit, die Mitarbeiter und nicht zuletzt das Erbe der Familie. Wie hatte es Lohmeier in dem Einspieler gesagt, als es um ihre Großmutter ging, die das Unternehmen schon früher gut durch Krisen gelenkt hatte? "Jede Zeit hat ihre Helden, und das stimmt ja auch." Und dann ließ sich doch noch ein wenig vorsichtigen Optimismus durchblicken: "Man muss immer schauen, dass es weitergeht."

>>> Link zur Sendung: Angst vor der Gas-Krise – Was kommt auf Bayern zu?