Wie eine bPZV funktioniert Betriebliche Pflegezusatzversicherung: Absicherung und Anreiz

Bislang ist die betriebliche Pflegezusatzversicherung noch relativ unbekannt. Doch das wird sich ändern – denn Arbeitnehmer wie Arbeitgeber profitieren.

Trotz Schwankungen in der Altersstruktur von Betrieben, zahlen alle einen stabilen und gleichen Beitrag. - © zinkevych - stock.adobe.com

Viele Betriebe bieten ihren Mitarbeitern eine betriebliche Altersvorsorge (bAV) an. Vielfach haben Betriebsinhaber die betriebliche Krankenzusatzversicherung eingeführt (bKV). Das Thema betriebliche Pflegezusatz­versicherung (bPZV) ist in den meisten Unternehmen noch nicht ange­kommen.

Verwunderlich ist das nicht. Schließlich handelt es sich bei der bPZV um eine relativ unbekannte Materie, die allerdings, glaubt man Versicherungs- und Vorsorgeexperten, in den nächsten Jahren gewaltig an Fahrt aufnehmen wird. Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung und laufend steigenden Pflegekosten, so auch die Einschätzung von Marko Böttger, kämen Betriebe gar nicht umhin, sich mit der Thematik zu beschäftigen. Böttger kümmert sich seit zwei Jahren bei der HanseMerkur um die betriebliche Pflegezusatzversicherung und hat hierzu eine eigene Abteilung aufgebaut.

Bereits heute, so zeigt eine aktuelle Studie der Versicherung, hat jeder Dritte zwischen 18 und 75 Jahren schon einmal einen Angehörigen gepflegt. 73 Prozent der Arbeitnehmer würden dafür sogar ihre Arbeitszeit einschränken oder sich eine berufliche Auszeit nehmen. Für Betriebe bedeutet das, dass Mitarbeiter entweder ganz ausfallen oder ­aufgrund von Mehrfachbelastung durch Pflege, Beruf und damit verbunden oft auch finanziellen Sorgen nicht die volle Leistung bringen.

Immer mehr Betriebe erkennen Bedeutung der Pflege

In einigen – zumeist großen Unternehmen – hat man daher schon länger erkannt, dass das Thema Pflege nicht nur gesellschaftliche Sprengkraft hat, sondern auch bis in die Unternehmen hineinwirkt. So schloss beispielsweise die R+V Versicherung, so ein Sprecher, bereits 2011 einen ersten Gruppenvertrag über eine arbeitgeberfinanzierte betriebliche Pflegeversicherung ab.

Einer etwas größeren Öffentlichkeit wurde diese Versicherungsform aber wohl erst bekannt, seit zum 1. Juli letzten Jahres die erste tariflich vereinbarte bPZV an den Start ging: die Careflex Chemie, an der die R+V und die Barmenia beteiligt sind. Dadurch bekamen auf einen Schlag hunderttausende Beschäftigte der Branche eine zusätzliche Absicherung für den Pflegefall.

Die Vorteile für die Beschäftigten liegen dabei auf der Hand. Wie bei der betrieblichen Krankenzusatzversicherung ermöglicht der Gruppenabschluss auch bei der Pflegeversicherung den Zugang ohne eine Gesundheitsprüfung – ganz unabhängig vom eigenen Alter und von den Vorer­krankungen.

Probleme von kleinen und Kleinstbetrieben

Allerdings: In diesem Konstrukt liegt gleichzeitig auch ein Problem für kleine und Kleinstbetriebe. Denn es basiert auf einer gewissen Mindestanzahl an Mitarbeitern. In der Chemiebranche müssen daher auch alle tariflichen Mitarbeiter teilnehmen. Und sollen weitere außertarifliche Mitarbeiter einbezogen werden, muss der Arbeitgeber alle seine Mitarbeiter für Careflex anmelden.

Das Hauptproblem, erläutert Böttger, sei dabei, gleiche und stabile Beiträge für alle zu erreichen. Bei weniger Mitarbeitern müsste der Beitrag durch Schwankungen in der Altersstruktur in der Belegschaft angepasst werden. Dafür sieht er aber zumindest derzeit keine Akzeptanz in Unternehmen. Die Hanse Merkur bietet ihr Produkt daher auch erst ab 25 Mitarbeitern an, denkt aber gleichzeitig über neue Modelle nach. Die R+V steigt bei zehn Mitarbeitern ein.

Steigendes Interesse an betrieblicher Pflegezusatzversicherung

Grundsätzlich beobachtet man bei der R+V wie auch bei der HanseMerkur ein steigendes Interesse von Arbeitgebern an der bPZV. Auch weil sie sich wie das Angebot einer betrieblichen Krankenzusatzversicherung dazu eignet, dringend benötigte Facharbeiter zu locken und zu binden. Gleichzeitig, betont Böttger, gibt es aber auch noch viel Informationsbedarf, zum Beispiel über die konkrete Ausgestaltung oder den administrativen Aufwand (siehe ­Kasten).

Bei der HanseMerkur setzt man dabei vollständig auf digitale Prozesse. In einem eigenen Arbeitgeberportal können Mitarbeiter an- und abgemeldet werden. Und gleichzeitig haben die versicherten Mitarbeiter über ein anderes Portal die Möglichkeit, ihre eigenen Unterlagen einzusehen und anzupassen. Denn auch das ist ein Vorteil der betrieblichen Police: Zuerst einmal bekommen alle das Gleiche, aber dann kann jeder seinen Schutz individuell aufstocken oder auch Angehörige mitversichern.

In absehbarer Zukunft, davon ist nicht nur Böttger überzeugt, wird der betrieblichen Pflegezusatzversicherung eine ähnliche Bedeutung zukommen wie der betrieblichen Altersvorsorge. „Das wird die neue bAV.“ Denn auch im Bereich Pflege gibt es in Deutschland eine große Versorgungslücke. Sie ist nur noch nicht so bekannt wie beim Thema Rente.

Falsche Vorstellungen

Fragt man Arbeitnehmer, was sie denn glauben, wie hoch die finanzielle Belastung im Pflegefall sei, geht die Mehrheit von rund 1.000 Euro monatlich aus. Tatsächlich betragen die Kosten für die Unterbringung im Pflegeheim aber durchschnittlich 2.149 Euro. Und obwohl jeder zweite Mann und drei von vier Frauen pflegebedürftig werden, haben gerade einmal 4,6 Prozent der Deutschen eine private Pflegeversicherung abgeschlossen.

Eine Diskrepanz, die wohl auch deswegen zustande kommt, weil die Politik hier zu wenig aufklärt – oder wie ein Insider das ausdrückt: Das wahre Ausmaß sogar verschleiert. In der Branche geht man daher davon aus, dass es wohl noch etwas dauern wird, bis das Thema alle – Arbeitnehmer wie Arbeitgeber – erreicht hat.

Wie funktioniert die Pflegezusatzversicherung?

Über einen Gruppenversicherungsvertrag werden alle Mitarbeiter ­eines Unternehmens obligatorisch aufgenommen.

Versicherungsnehmer ist der Arbeitgeber, der Mitarbeiter ist die ver­sicherte Person.

Es gibt keine individuelle Gesundheitsprüfung und auch Mitarbeiter mit Schwerbehinderungen können aufgenommen werden.

Bis zur 50-Euro-Freigrenze gelten vom Arbeitgeber gezahlte Beiträge als Sachlohn und sind steuer- und abgabenfrei.
(Wobei sich bei der genauen Ausgestaltung, insbesondere wenn der Freibetrag ausgeschöpft ist, die Hinzuziehung eines Steuerberaters empfiehlt.)

In der Regel hat der Arbeitnehmer die Möglichkeit, die Police individuell über das Grundniveau hinaus aufzustocken.

Scheidet ein Arbeitnehmer aus dem Betrieb aus, wird er abgemeldet, hat aber die Option, die Police privat auf eigene Kosten weiterzuführen. Oftmals können Angehörige mit vereinfachter Gesundheitsprüfung mitversichert werden