Gut informierte Patienten haben größere Chancen Berufskrankheiten: Was wann anerkannt wird

Um Berufskrankheiten gibt es immer wieder Streit. Menschen schuften ein Leben lang und verstehen nicht, warum ihre Krankheit nicht als Berufskrankheit gelten soll. Chefs fühlen sich durch hohe Beiträge zur gesetzlichen Unfallversicherung ausgenommen. Was hinter dem Streit steckt und wie Betroffene ihre Chancen auf Anerkennung erhöhen.

Streit um Berufskrankheiten ist an der Tagesordnung bei Berufsgenossenschaften. Täglich melden sich Menschen, die glauben, ihre Krankheit sei die Folge ihrer Arbeit. Sie erhoffen sich die Anerkennung ihrer Berufsgenossenschaft - die aber prüft jeden Fall aufs Genaueste und nicht selten landen die Fälle vor Gericht, so wie der folgende:

Ein Schweißer war bei seiner Arbeit jahrelang Belastungen durch Chrom, Nickel und Asbest ausgesetzt. Als bei ihm Lungenkrebs auftrat, wurde dies zunächst nicht als Berufskrankheit anerkannt. Das Argument: Der Mann war Kettenraucher und hatte 30 Jahre lang täglich 20 Zigaretten geraucht.

Krank durch den Beruf oder durch das Privatleben?

Das Bundessozialgericht hat der Familie des Schweißers aber Recht gegeben (AZ: B 2 U 6/15 R): "Bergen, wie das Landessozialgericht vorliegend bindend festgestellt hat, die beruflichen Einwirkungen nach derzeitigen wissenschaftlichen Erfahrungen für sich allein ein so hohes Gefährdungspotential, dass sich darauf eine hinreichende Verursachungswahrscheinlichkeit stützen lässt, ist das Vorhandensein weiterer Einwirkungen rechtlich nicht mehr maßgeblich", berichtet der zweite Senat.

Übersetzt bedeutet das: Ist die Belastung bei der Arbeit so groß, dass dies genügt, um eine Krankheit auszulösen, spielen weitere Einflüsse aus dem Privatleben des Betroffenen keine Rolle bei der Anerkennung.

Angezeigte und anerkannte Berufskrankheiten 2017
Art der Berufskrankheit Angezeigte Berufskrankheiten Anerkannte Berufskrankheiten
Krankheiten insgesamt 67.902 17.809
Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Wirbelsäule 5.609 377
Lärmschwerhörigkeit 11.740 -
Silikose 1.053 -
Asbestose, asbestbedingtes Mesotheliom, Lungenkrebs i.V.m. Asbestose 9.115 3.564
Allergische, chemisch-irritativ oder toxisch bedingte obstruktive Atemwegserkrankung 2.645 516
Hauterkrankungen 18.844 478
Sonstige Krankheiten 18.896 5.955

Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes vom 26. Februar 2019 (Dokumentation der DGUV)

Doch nicht immer bekommen die Betroffen nachträglich Recht, wie Rudi Zündorf erleben musste. Wenn der ehemalige Gerüstbauer eine volle Kaffeekanne hochheben will, stützt er seinen Kopf am Küchenschrank ab. "Sonst zieht mich das Gewicht nach vorne.“ Zündorfs Wirbelsäule ist stark abgenutzt; zwischen den Lendenwirbeln sind keine Bandscheiben mehr, die Halswirbelsäule sieht ähnlich aus. Tage ohne Schmerzen gibt es in seinem Leben nicht. Für ihn sind das klare Folgen seiner lebenslangen Arbeit als Gerüstbauer.

"In den ersten Jahren arbeiteten wir noch mit Leitergerüsten. Da war das einzelne Element 12,75 m lang und man hob 80 bis 90 Kilogramm auf einmal“, beschreibt der heute 70-Jährige seinen Knochenjob.

Gesamtbelastung zu spät berechnet

Wie viel Gewicht pro Tag auf diese Weise zusammenkam und wie viel in der Summe seines Berufslebens, hat sich der Handwerker aus Solingen erst ausgerechnet, als es zu spät war. Da war sein Antrag auf Anerkennung einer Berufskrankheit schon längst abgelehnt.

Wie Zündorf geht es vielen Handwerkern: Sie entwickeln ein Leiden, das für sie in klarem Zusammenhang mit ihrer Arbeit steht, doch die Berufsgenossenschaft erkennt es nicht als Berufskrankheit an. Gut 75.000 Verdachtsanzeigen gab es 2016 in Deutschland. Über 40.000 wurden bestätigt. Fast die Hälfte, 35.000 Fälle, aber nicht, und das sorgt immer wieder für Streit.

Nicht alles ist eine Berufskrankheit

Rechtsanwalt Reinhard Holstraeter hat sich auf Fragen der Gesundheit und Teilhabe spezialisiert. Er sieht die Lage anders: "Es gibt zwar eine riesige Dunkelziffer an nicht gemeldeten Berufskrankheiten. Aber es gibt auch sehr viele Fälle, wo Laien irrtümlicherweise glauben, ihre Krankheit sei eine Berufskrankheit.“

Die Differenzquote zwischen Anzeigen und Ablehnungen sei kein Versagen des Systems, sondern natürliche Folge der Meldepflicht. Sobald ein Verdacht auf eine Berufskrankheit besteht, müssen das der Arzt oder der Arbeitgeber melden. Eine Vorprüfung für diese Verdachtsfälle gibt es nicht, entsprechend hoch ist die Zahl der Meldungen, bei denen sich der Verdacht nicht bestätigt. Eine hohe Zahl an Meldungen ist aber gewollt: " So erhalten die Berufsgenossenschaften wichtige Informationen über berufliche Belastungen und können durch Prävention oder Heilbehandlung Schlimmeres verhüten. Oder sie erkennen, dass weitere Krankheitsbilder in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen werden müssen“, erläutert Holstraeter.

Heilung erscheint nicht in der Statistik

"Nicht anerkannt“ klingt oft auch negativer, als es ist: "Wenn zum Beispiel eine Friseurin eine Hauterkrankung meldet und wir können durch Schulungen oder veränderte Arbeitsabläufe für Heilung sorgen, dann erscheint das in der Statistik zwar als bestätigt, aber nicht als anerkannt“, erklärt Stefan Boltz, Pressesprecher der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Voraussetzungen, um Berufskrankheiten anzuerkennen

Was tatsächlich als Berufskrankheit anerkannt werden kann, legt der § 9 des siebten Sozialgesetzbuches (SGB VII) fest:
  • Die Krankheit muss im Katalog der momentan 80 Berufskrankheiten aufgenommen sein. Ein Ärztegremium empfiehlt, welche Störungen hier hineingehören.
  • Der Betroffene muss durch seine Tätigkeit "in erheblich höherem Maß als die übrige Bevölkerung“ der Gefahr der Erkrankung ausgesetzt sein.
  • Die Einwirkung oder Tätigkeit muss die Krankheit verursacht haben. Oft klärt das ein medizinisches Gutachten.
  • Außerdem muss der Betroffene zum Zeitpunkt der Belastung bei der Berufsgenossenschaft versichert gewesen sein – ein Punkt, über den viele Selbstständige stolpern, die nur ihre Mitarbeiter versichern, nicht aber sich selbst.

Bei manchen Krankheiten ist die Beweislage klar. "Die Krebsart Mesotheliom geht fast immer auf Asbest zurück“, nennt Boltz ein Beispiel, das praktisch immer anerkannt wird. Viel schwieriger sei die Untersuchung bei Krankheiten, die jeden treffen können, beispielsweise Muskel-Skeletterkrankungen oder heller Hautkrebs. Hier müssen die Fachleute genau abgrenzen: "Wir wissen, wie viel UV-Strahlung ein durchschnittlicher Bürger pro Jahr ausgesetzt ist. Überschreitet die Belastung des Betroffenen diesen Normalwert um 40 Prozent, spricht vieles dafür, dass die Arbeit seinen Hautkrebs ausgelöst hat“, erklärt Stefanie Palfner, Expertin für Berufskrankheiten bei der DGUV.

Schwieriger Nachweis bei Volkskrankheiten

In allen Fällen, in denen die Berufsgenossenschaft zu dem Schluss kommt, dass nicht die Arbeit ursächlich für die Krankheit ist, greift die normale Kranken- oder Rentenversicherung. Auch hier bekommen Erkrankte Leistungen – aber: Die Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung wären deutlich umfangreicher und ohne Zuzahlungen.

Doch nicht nur aus finanziellen Gründen ärgern sich Menschen, deren Fälle nicht anerkannt werden. Wer wie Rudi Zündorf überzeugt ist, sich für die Arbeit kaputtgeschuftet zu haben, möchte, dass das auch offiziell anerkannt wird.

Viele legen deswegen Widerspruch ein oder ziehen vors Sozialgericht. Von den 4.000 Betroffenen, deren Fälle 2016 von den Sozialgerichten abgeschlossen wurden, erreichten 275 auf diesem Weg eine Anerkennung.

Zündorf allerdings hatte keinen Erfolg mit seinem Widerspruch, auch weil ihm niemand gesagt hat, worauf es ankommt. Heute lebt er von reduzierter Rente, verdient sich als Fahrer etwas Geld dazu und passt auf seinen Rücken auf: "Ich muss mir eben selber helfen.“

Wichtige Begriffe rund um Berufskrankheiten

  • Anerkannte und bestätigte Berufskrankheiten: Berufskrankheiten, die an den Unterlassungszwang gebunden sind, können nicht anerkannt werden, so lange der Betroffene weiter arbeitet. Sie gelten dann nur als bestätigt.
  • Arbeitsbedingte Erkrankung oder Berufskrankheit: Während zur Abgrenzung von Berufskrankheiten sehr enge Bestimmungen gelten, ist der Begriff „arbeitsbedingte Erkrankung“ aus dem Arbeitssicherheitsgesetz weiter gefasst. Hierunter fallen alle Erkrankungen, die durch die Arbeit verursacht oder verschlimmert werden.
  • Meldepflicht: Arbeitgeber und Ärzte müssen jeden Verdacht auf eine Berufskrankheit melden. Meldeberechtigt sind aber auch alle anderen, der Betroffene selbst, Kollegen, Angehörige oder die Krankenversicherung.
  • Selbstverwaltung: Die Selbstverwaltung der Unfallversicherung setzt sich zu gleichen Teilen aus Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen. Dies soll ungerechte Entscheidungen verhindern.
  • Unterlassungszwang: Bisher gilt für neun Berufskrankheiten der Unterlassungszwang, darunter auch bestimmte Bandscheiben- und Hauterkrankungen. Das bedeutet: Nur, wenn der Betroffene alle Tätigkeiten aufgibt, die für die Krankheit ursächlich sind, kann eine Berufskrankheit anerkannt werden.
    Allerdings setzen sich die Unfallversicherer dafür ein, diesen Passus aus dem SGB VII herauszunehmen.

Details entscheiden über Anerkennung von Berufskrankheiten

Wer glaubt, durch seine Arbeit krank geworden zu sein, sollte zunächst zum (Fach-)Arzt gehen und ihm die Symptome, aber auch seine Arbeitsbedingungen schildern. Nicht alle arbeitsbedingten Erkrankungen sind Berufskrankheiten, doch Ärzte müssen jeden Verdacht melden.

Um Ärzten die Einschätzung zu erleichtern, ob eine Berufskrankheit Ursache der Probleme des Patienten ist, hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung ein Web-Tool entwickelt, das die ärztliche Verdachtsanzeige einer Berufskrankheit erleichtert. Eine Suchfunktion ermöglicht es, anhand des ICD-10-Schlüssels zu recherchieren, welche Berufskrankheiten (BK) für die jeweilige Diagnose in Betracht kommen. Leitfragen helfen herauszufinden, ob der Patient einem Gefahrstoff oder einer schädigenden Einwirkung bei der Arbeit ausgesetzt war.

Das Portal wird in mehreren Schritten ausgebaut und ist unter www.dguv.de/bk-info/index.jsp zu finden.

Nicht nur Ärzte, auch der Betroffene selbst oder eine beliebige andere Person können ihren Berufskrankheitenverdacht der Berufsgenossenschaft melden. Dafür bedarf es keiner bestimmten Form, der einfache Satz: "Ich bin durch meine Arbeit bei der Firma xy erkrankt“ genügt.

Gut vorbereitet ins Amtsermittlungsverfahren

Die Meldung löst ein Amtsermittlungsverfahren aus. Der Unfallversicherungsträger nimmt Kontakt mit dem Betroffenen auf und klärt mittels umfangreicher Fragebögen die Kranken- und Arbeitsvorgeschichte. Wenn nötig, besichtigen Fachleute den Arbeitsplatz.

Auf diesen und alle folgenden Schritte sollte sich der Betroffene genau vorbereiten, idealerweise mit Unterstützung durch einen guten Arbeitsmediziner, Betriebsarzt oder kundige Berater von Gewerkschaften oder Sozialverbänden.

Probleme mit der Anerkennung von Berufskrankheiten

Thorsten Schäfer unterstützt bei "Arbeit und Gesundheit“ in Hamburg regelmäßig Handwerker, die Probleme mit der Anerkennung einer Berufskrankheit haben. Er empfiehlt, auf alle Details zu achten. Wenn nach Belastungszeiten gefragt werde, gäben viele zwar den Zeitraum, die Dauer und die Höhe der Belastung an, vergäßen aber geleistete Überstunden oder Zwangshaltungen zu erwähnen. "Und wird zum Beispiel ein Dachdecker gefragt, ob er mehr auf Flach- oder auf Steildächern gearbeitet hat, ist diese Frage sehr wichtig und sollte ganz genau beantwortet werden“, warnt Schäfer.

Erhärtet sich nach dem ersten Untersuchungsschritt der Verdacht auf eine Berufskrankheit, folgt häufig ein fachärztliches Gutachten. Der Unfallversicherer nennt drei potenzielle Gutachter, an die sich der Betroffene wenden kann. Vertraut dieser allerdings einem anderen Facharzt mehr, der ebenfalls als Gutachter tätig werden darf, kann er diesen der Unfallversicherung vorschlagen.

Keine Schmerzmittel für die Untersuchung

Obwohl es ausführliche Begutachtungsempfehlungen für die Ärzte gibt, beklagen Betroffene immer wieder sehr oberflächliche Untersuchungen. Stützt sich der Arzt nur auf ältere Befunde, ohne den Patienten selbst gründlich zu untersuchen, verschlechtert das die Chancen auf Anerkennung. Es lohnt sich also, für einen engagierten Arzt auch weite Wege auf sich zu nehmen.

"Für die Untersuchung selbst sollten die Patienten auf keinen Fall Schmerzmittel einnehmen“, gibt Schäfer einen letzten Tipp. Je nach Krankheit lassen die Gutachter den Patienten Bewegungen ausführen. Sind diese aufgrund von Schmerzmitteln problemlos möglich, verfälscht das den Eindruck.

>> Hier gibt´s weitere Informationen zu den Berufsgenossenschaften <<

Dieser Artikel wurde am 26. Februar 2019 aktualisiert.

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