Interview mit ZDB-Hauptgeschäftsführer Baugewerbe: "Wir brauchen keinen Renovierungspass"

Das Baugewerbe fordert von Brüssel und Berlin realistische Ziele für die energetische Gebäudesanierung statt Renovierungspflichten.

Felix Pakleppa ist Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB). - © ZDB/Anne Hufnagl

Die EU-Kommission drückt beim Klimaschutz aufs Tempo und hat die EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie vorgelegt. Was kommt auf uns zu?

Felix Pakleppa: Die EU-Kommission will mit der Richtlinie dafür sorgen, dass auch im Gebäudebereich die Klimaziele erreicht werden. Sie will deshalb die Vorgaben im Neubau verschärfen und die Sanierung forcieren. Es soll einen verpflichtenden Renovierungspass geben. Im Bestand sollen nach den bisherigen Plänen alle Gebäude in Energieeffizienzklassen A bis H eingeteilt werden. Bis 2033 sollen alle mindestens die Effizienzklasse Klasse E erreichen. Das würde eine ausgewachsene Renovierungspflicht für viele Immobilienbesitzer bedeuten.

Das heißt konkret?

Im Grunde genommen werden die Eigentümer verpflichtet, in einem permanenten Renovierungsprozess zu sein, ohne zu wissen, ob sie das überhaupt finanzieren können. Und natürlich stellt sich auch die Frage, ob ein Gebäudeeigentümer überhaupt dazu verpflichtet werden kann. Wir plädieren außerdem dafür, dass wir beim besten Energiestandard nicht wie jetzt geplant von einem Null-Emissionshaus, sondern weiter von einem Null-Energiegebäude ausgehen. Sprich von einem Gebäude, das keine Energie von außen braucht. Denn bei einem Null-Emissionshaus müsste jeder Bauunternehmer und Handwerker sicherstellen, dass die verbauten Materialien ohne Emissionen hergestellt worden sind. Das ist völlig unrealistisch.

Bis wann erwarten Sie die ersten gesetzlichen Verschärfungen in Deutschland?

Bis die Richtlinie umgesetzt wird, dauert es mindestens bis 2024. Deutlich früher ist allerdings mit der Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes zu rechnen. Danach sollen etwa ab 2025 alle Neubauten den KfW-Effizienzstandard 40 haben. Bei Sanierungen sollen ab 2025 die auszutauschenden Teile einen Effizienzstandards 70 vorweisen. Es kann gut sein, dass wir hier weiter sind, als von Europa gefordert werden wird.

Was halten Sie von einem verpflichtenden Renovierungspass, wie ihn die Europäische Union ­vorsieht?

Wir brauchen keinen Renovierungspass. Wir haben in Deutschland einen Energieausweis. Mit ihm kann gezeigt werden, wie viel Energie ein Gebäude verbraucht. Dann werden mit einem Sanierungsfahrplan Maßnahmen festgelegt, die das Gebäude energieeffizienter machen. Der erreichte Effizienzstandard bestimmt dann auch die Förderung. Unser Sanierungsfahrplan wird anlassbezogen, zum Beispiel für eine Förderung, ausgestellt, also keine Verpflichtung für alle Gebäude, bei denen man ohnehin nicht weiß, ob und wann sie renoviert werden.

Sind die ehrgeizigen Klimaschutzziele überhaupt zu schaffen, wenn man nur an die Rohstoff- und Materialengpässe und den Fachkräftemangel denkt?

Tatsache ist, dass wir angesichts des Materialmangels binnen Jahresfrist enorme Preissteigerungen bei Baumaterialien gesehen haben. Die Preise für Holz haben sich verdoppelt. Stahl ist um 80 Prozent teurer geworden, Kunststoff um 60 Prozent. Das heißt, allein aufgrund der Materialien werden Bauen und Sanieren teurer.

Wie sieht es mit den Fachkräften aus?

In den vergangenen zehn Jahren haben wir knapp 200.000 Vollzeitarbeitsplätze geschaffen und viele Lehrlinge ausgebildet. Bis 2030 werden aber auch rund 150.000 Beschäftigte altersbedingt ausscheiden. Der Bedarf ist also nach wie vor da. Wir werden uns deshalb in anderen Branchen wie dem Bergbau umschauen, die künftig weniger Arbeitskräfte benötigen. Daneben müssen die bis 2023 bestehende Westbalkanregelung entfristet, das Kontingent erhöht und wirkliche Fachkräfteeinwanderung aus weiteren Ländern ermöglicht werden. Die Aufgaben im Bau sind enorm. Wir sollen schließlich nicht nur Häuser bauen und sanieren. Wir müssen uns um die Infrastruktur kümmern, um Straßen, Brücken, um Wärmenetze für Kommunen und um die Trassen für die Stromleitungen in den Süden. 

Was heißt das alles für die finanzielle Förderung?

Wir haben bisher in Deutschland den Grundsatz gehabt, dass nur das gefördert wird, was nicht gefordert wird. Sprich alles, was über den Standard hinausgeht. Wenn jetzt die energetischen Ansprüche wesentlich erhöht werden, dann muss man auch die Förderung ebenso deutlich erhöhen, sonst wird es nicht gelingen. Ich denke, dessen ist sich auch Wirtschaftsminister Robert Habeck bewusst, wenn er davon spricht, für alle "passgenaue Unterstützungen" erarbeiten zu wollen, wo trotz auskömmlicher Förderung Hemmnisse bei der Sanierung bestehen.