Handwerk und Familie Azubi in Teilzeit: Job und Kind vereinbart

Handwerksbetriebe stehen heute mehr denn je im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Eine wichtige Rolle spielt zunehmend die Familienfreundlichkeit und die Option für Mitarbeiter, die Arbeitszeit zu reduzieren. Möglich ist das bereits in der Ausbildung. Teilzeitmodelle sichern Nachwuchskräfte. Probleme gibt es allerdings noch bei der Finanzierung.

Jana Tashina Wörrle

Als die Töchter von Heiko Hemsen noch klein waren, wollte er besonders viel Zeit mit ihnen verbringen. Seine Ausbildung hat er deshalb nur in Teilzeit absolviert. - © Foto: Jobstarter
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Heiko Hemsen hat seine Ausbildung über einen ungewöhnlichen Weg absolviert: in Teilzeit und das als Mann. Zwar ist die Ausbildung in Teilzeit mit einem Anteil von nur 0,2 Prozent aller abgeschlossenen Ausbildungsverträge insgesamt noch weit im Hintertreffen. Bei den Männern nimmt sie – ähnlich den Zahlen der Teilzeitbeschäftigung insgesamt – allerdings einen kaum bezifferbaren Anteil ein: 7,8 Prozent aller Ausbildungen in Teilzeit.

Was dazu kommt: Heiko Hemsen hat als Hörgeräteakustiker eine Ausbildung im Handwerk gewählt und gehört auch damit zu einer Randgruppe innerhalb der Teilzeitausbildungen. Von allen abgeschlossenen Ausbildungsverträgen kamen noch vor zwei Jahren nur elf Prozent aus dem Handwerk.

Großes Informationsdefizit

Doch was so negativ klingt, bietet viel Potenzial – gerade wenn wieder einmal über den Fachkräftemangel diskutiert wird. "Wenn Fachkräfte fehlen, bekommen vermeintliche Randgruppen und neue Arbeitsmodelle größeres Interesse", sagt Annette Land vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programm Jobstarter des Bundesbildungsministeriums (BMBF), dort für die Ausbildung in Teilzeit zuständig und erfährt immer wieder, wie wenig Arbeitgeber und Jobsuchende über diese Möglichkeit informiert sind.

Familie wichtiger als Gehalt

Doch das wollen die Jobcenter und Arbeitsagenturen ändern und künftig verstärkt über das Thema aufklären. "Die Teilzeitausbildungen müssen aus der Nische zu den Regelangeboten finden", fordert Annette Land deshalb.

Den Bedürfnissen vieler Arbeitnehmer würde das entgegenkommen. Denn Familienfreundlichkeit ist über 90 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, die zwischen 25 und 39 Jahren alt sind, laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums genauso wichtig oder noch wichtiger als das Gehalt. Und zur Familienfreundlichkeit gehören vor allem Arbeitszeitmodelle, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben.

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Heiko Hemsen (39) hat eine Teilzeitausbildung zum Hörgerätakustiker absolviert. - © Foto: Jobstarter
Heiko Hemsen

So hatte auch der 39-jährige Heiko Hemsen, der vor seiner Ausbildung schon als Hörtrainer gearbeitet hat, während der Lehre in Teilzeit genug Zeit für seine beiden Töchter. Als diese noch ganz klein waren, hat der gelernte Erzieher sie als Vollzeitvater betreut während seine Frau schnell wieder in ihren Beruf als Lehrerin zurückgekehrt ist.

 "Ich wollte meine Kinder so oft wie möglich sehen und mein Chef hatte dafür zum Glück sehr viel Verständnis", sagt Hemsen. Sein Chef war es auch, der ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, von seiner Nebentätigkeit als Hörtrainer in eine Berufsausbildung in Teilzeit zu wechseln.

Mit Kind im Internat

Da dieser zwei Filialen mit unterschiedlichen Öffnungszeiten betreibt und Heiko Hemsen Berufsschule im Blockunterricht hatte, mussten die Arbeitszeiten zwar immer gut abgesprochen werden. Doch er hatte so auch genügend Flexibilität zur Verfügung, um alles unter einen Hut bringen zu können. "In der Berufsschule war eine Frau dabei, die auch eine Teilzeitausbildung absolviert hat und die hatte sogar ihr Kind mit im Internat dabei" erzählt Hemsen und weist damit auf einen Punkt hin, der für viele noch schwer zu organisieren ist.

Die Ausbildung in Teilzeit ist bislang so geregelt, dass nur die Zeit im Betrieb verkürzt wird – meist auf 75 Prozent der vergleichbaren Vollzeitstelle. Die Berufsschule absolvieren die Azubis in Vollzeit. "In Zukunft könnte sich das ändern, wenn hier verstärkt E-Learning-Module zum Einsatz kommen oder eigene Teilzeitregelungen", sagt Annette Land. Hier gebe es noch Verbesserungspotenzial ebenso wie bei der Ausbildungsvergütung.

Anders als die grundsätzliche Möglichkeit der Teilzeitausbildung, die seit 2005 sowohl im Berufsbildungsgesetz (§ 8 BBIG) und in der Handwerksordnung (§ 27 HwO) verankert ist, gibt es für die Vergütung nämlich noch keine klaren Vorgaben. Das BIBB rät dazu, dass die Ausbildungsvergütung möglichst der einer Vollzeitstelle entsprechen soll. Rein rechtlich kann die Ausbildungsvergütung allerdings auch verringert werden, "soweit sie noch als angemessene Vergütung zu betrachten ist", lautet die aktuelle Bestimmung.

Auch Bürokräfte werden im Handwerk gebraucht

"Es wäre schön, wenn hierfür eine einheitliche Regelung gefunden werden könnte ", sagt Annette Land. Trotzdem sind es bislang vor allem Kleinbetriebe, die sich für eine Teilzeitausbildung öffnen. "Sie profitieren sehr davon, dass sich die Ausbildungszeit flexibel passend zur Betriebsstruktur gestalten lässt", sagt die Bildungsexpertin. Gerade für die Bürokräfte, die im Handwerk ja genauso gebraucht werden und deren Aufgaben in Kleinstbetrieben auch oft in reduzierter Zeit bewältigt werden können, biete die Teilzeitausbildung Chancen.

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Da Arbeitgeber und Teilzeit-Azubi die Zeiten selbst vereinbaren, sind theoretisch viele verschiedene Modelle denkbar. In der Praxis bleiben diese bislang aber meist auf kürzere Arbeitstage und Berufe im Büro und in der Gesundheitsbranche beschränkt. "Für Handwerker, die früh morgens gemeinsam zum Kunden nach Hause oder auf eine Baustelle fahren, ist eine Ausbildung in Teilzeit beispielsweise schwieriger umzusetzen als für Azubis in einem kaufmännischen Beruf. Wenn sich Auszubildende und Betriebe jedoch auf weniger, dafür ganztägig zu leistende  Tage einigen, dann lässt sich auch hier die Ausbildung in Teilzeit meistern", sagt Annette Land. Dann müsse meist nur die Kinderbetreuung anders organisiert werden.

Aus ihrer Erfahrung kennt sie aber noch andere Probleme aus den Betrieben, die sich verhindern lassen, wenn alle offen miteinander sprechen. "Es kann Missgunst und Streit unter den Mitarbeitenden erzeugen, wenn Auszubildende kürzer arbeiten, eventuell das gleiche verdienen und am Ende die gleichen Qualifikationen vorweisen können", sagt die BIBB-Mitarbeiterin. Dabei hätten die Azubis, durch die Doppelbelastung mit Kind und Beruf meist eine hohe Arbeitsbelastung zu meistern, die es wertzuschätzen gilt. "Dafür sollte man alle Mitarbeitenden im Betrieb sensibilisieren."

Noch immer ein Exot

Wenn das gelingt, würden die Vorteile für alle überwiegen. Die Fakten sprechen für sich. Denn auch nach einer in der Regel dreijährigen Teilzeitausbildung haben die Azubis eine komplette Berufsausbildung mit einem vergleichenden Abschluss wie die Vollzeitabsolventen in der Tasche. Modellprojekte haben sogar gezeigt, dass die "Abbruchquoten" der Teilzeitauszubildenden durchweg unter denen von Vollzeitauszubildenden ohne Erziehungspflichten lagen. Zudem hatten die Teilzeit-Azubis weniger Fehlzeiten, bessere Abschlussnoten und waren insgesamt motivierter bei der Arbeit.

Auch Heiko Hemsen hat seine Ausbildung als Hörgeräteakustiker erfolgreich absolviert und arbeitet noch heute im selben Betrieb. Da seine Töchter nun älter sind allerdings wieder in Vollzeit. "Kinder und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist nie einfach", gibt es zu. Dennoch sieht er in der Teilzeitausbildung große Vorteile, obwohl er damit immer noch als "Exot" gilt, wie er es selbst nennt.

Weitere Informationen zu den Ausbildungsmöglichkeiten gibt es in der Jobstarter-Broschüre "Ausbildung in Teilzeit – ein Gewinn für alle" . Sie steht als Download bereit. >>>

Tipps zu finanziellen Hilfen während der Ausbildung gibt die Broschüre "Ausbildung in Teilzeit: Finanzierungsmöglichkeiten des Lebensunterhalts im Überblick". Auch sie gibt es als Online-Download. >>>

Teilzeitausbildung in Zahlen

  • Bundesweit machen derzeit 3.021 junge Erwachsene eine duale Ausbildung in Teilzeit.
  • 2011 wurden bundesweit 1.173 Ausbildungsverträge in Teilzeit neu abgeschlossen (0,2  Prozent aller Ausbildungsverträge).
  • Seit 2005 ist die Ausbildung in Teilzeit rechtlich im Berufsbildungsgesetz (§ 8 BBIG) und in der Handwerksordnung (§ 27 HwO) verankert.
  • Zwei Arbeitszeitmodelle sind möglich: Entweder beträgt die Arbeitszeit einschließlich des Berufsschulunterrichts mindestens 25 Wochenstunden. Oder sie beträgt nur 20 bis 24 Wochenstunden und verlängert damit die Ausbildungszeit um maximal ein Jahr.
  • Zur Ausbildungsvergütung bei einer Ausbildung in Teilzeit gibt es keine spezifische Regelung. Die Ausbildungsvergütung kann verringert werden, soweit sie noch als angemessene Vergütung zu betrachten ist. Eine angemessene Vergütung liegt beispielsweise zwischen dem Wert der Ausbildungszeit und der normalen Vergütung von 100 Prozent.
Quelle: Jobstarter