Novelle des Berufsbildungsgesetzes Teilzeitausbildung: Das gilt für Arbeitszeit, Lohn und Urlaub

Kindererziehung, die Pflege eines Angehörigen, eine Lernschwäche oder Leistungssport – es gibt viele Gründe, warum eine reguläre duale Ausbildung nicht mit der Alltagsrealität vereinbar ist. Doch auch Berufsausbildungen lassen sich in Teilzeit absolvieren. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2020 steht sie grundsätzlich jedem offen. Darauf sollten Azubis bei der Teilzeitausbildung achten.

Teilzeitausbildung Vater, Sohn, Bauarbeiter
Familie und Job vereinbart: Eine duale Berufsausbildung lässt sich auch in Teilzeit absolvieren. - © Andreas Gruhl - stock.adobe.com

Handwerksbetriebe stehen heute mehr denn je im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Die Familienfreundlichkeit eines Unternehmens spielt dabei eine zunehmende Rolle. Dazu gehört auch, dass Azubis mit Kind ihre Ausbildung in Teilzeit absolvieren können. Aber nicht nur Zeiten der Kindererziehung sind es, die eine Berufsausbildung schwer mit dem Alltag vereinbaren lassen. Es gibt diverse andere Gründe, in denen eine Teilzeitausbildung Chancen eröffnet.

Das hat auch der Gesetzgeber mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) zum 1. Januar 2020 deutlich gemacht und die Teilzeitausbildung für grundsätzlich jeden geöffnet. Zuvor standen Menschen mit Kindern im Fokus. Nun kommt es allein auf den Azubi und den Ausbilder an, individuelle Regelungen zu finden. "Voraussetzung ist, dass sich die Vertragsparteien einig sind", sagt dazu Frank Neises vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Außerdem sei wichtig zu wissen, dass sich die Ausbildungsdauer zunächst zwar verlängert, wenn die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit verkürzt ist. Doch es gibt auch Möglichkeiten zur Verkürzung der Ausbildungsdauer. Einer der Gründe dafür ist beispielweise die Kinderbetreuung. Solche und andere Aspekte der Ausgestaltung der Teilzeitausbildung sind in einer aktuellen Empfehlung zusammengestellt, die der BIBB-Hauptausschuss zur Anwendung der gesetzlichen Vorgaben veröffentlicht im Juni 2021 hat.>>>

Wie verbreitet ist die Teilzeitausbildung??

Noch ist die Teilzeitausbildung in der Praxis eher selten zu finden, doch die Öffnung für alle Interessierten soll das Interesse steigern. Zahlen aus der Berufsbildungsstatistik der statistischen Ämter der Länder zeigen, dass sich im Jahr 2019 insgeamt 6.555 Azubis in einem Ausbildungsverhältnis in Teilzeit befanden. Das sind 0,49 Prozent aller Ausbildungen. Neu starteten 2019 insgesamt 2.283 Azubis in eine Teilzeitausbildung. Das sind 0,44 Prozent aller neuen Ausbilungsverträge. 18 Prozent davon kommen aus dem Handwerk.

Schaut man sich die Verteilung auf die Bundesländer an, so ist die Teilzeitausbildung in den Ländern Berlin, Bremen, dem Saarland, Schleswig-Holstein und Hamburg prozentual höher als in den anderen Bundesländern.

Was noch so unbedeutend klingt, bietet jedoch viel Potenzial – gerade wenn wieder einmal über den Fachkräftemangel diskutiert wird. Denn wenn Fachkräfte fehlen, bekommen vermeintliche Randgruppen und neue Arbeitsmodelle größeres Interesse – so auch die Teilzeitausbildung. Allerdings ist diese vielen Arbeitgebern und Jobsuchenden noch wenig bekannt. "Dabei sind Betriebe, die sie praktizieren, sehr zufrieden mit den meist hoch motivierten Azubis", sagt dazu Frank Neises. So zeigen auch die Prüfungsergebnisse der Absolventen einer Teilzeitausbildung, dass sie diese genauso gut und im Schnitt ein klein wenig besser meistern als die Azubis in Vollzeit: So bestehen 93,5 Prozent der Absolventen einer Teilzeitausbildung die Abschlussprüfung auf Anhieb. Bei den Azubis insgesamt liegt die Zahl bei 92,8 Prozent.

Wie verläuft die Ausbildung in Teilzeit? 

Die Ausbildung in Teilzeit verläuft wie die Vollzeitausbildung – nur, dass die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit im Betrieb reduziert wird. Hier werden individuelle Vereinbarungen getroffen; meistens liegt die wöchentliche Ausbildungszeit zwischen 20 und 35 Stunden. Verkürzt wird bei der Teilzeitausbildung allerdings nur die Zeit im Betrieb. Das heißt, Azubi und Betrieb einigen sich auf eine wöchentliche Ausbildungszeit. Die genauen Details werden im Ausbildungsvertrag festgehalten.

Teilzeitausbildung: Wie oft muss der Azubi zur Berufsschule?

Der Berufsschulunterricht und überbetriebliche Lehrgänge erfolgen in der Regel in Vollzeit. Vieles wird aber auch schon als E-Learning-Module angeboten. Prinzipiell ist eine Teilzeitberufsausbildung in allen anerkannten Berufen des dualen Ausbildungssystems möglich.

Dauert eine Ausbildung in Teilzeit länger?

Seit der Novellierung der Regelungen zur Teilzeitausbildung im Jahre 2020 gilt, dass die Ausbildungszeit grundsätzlich verlängert wird. Dabei greift §7a BBiG, der die Dauer der Teilzeitausbildung aber auf höchstens das Eineinhalbfache der Dauer begrenzt, die in der Ausbildungsordnung für die betreffende Berufsausbildung in Vollzeit festgelegt ist.

Bei der Entscheidung, wie lange genau eine Ausbildung verlängert wird, spielen die schulische Vorbildung sowie eventuell vorhandene Berufserfahrung des Azubis eine Rolle. Ebenso muss eingeschätzt werden, ob die verkürzte Zeit im Betrieb ausreicht, um innerhalb der Regeldauer alle notwendigen Kenntnisse an die Auszubildenden zu vermitteln. Die Ausbildungsdauer kann auch noch zu einem späteren Zeitpunkt geändert werden. 

Wie viel verdient man bei einer Teilzeitausbildung? 

Für die Vergütung in einer Teilzeitausbildung gibt es Vorgaben, die sich an §17 des BBiG richten und damit mindestens nach der gesetzlichen Mindestvergütung. Das BIBB rät dazu, dass die Ausbildungsvergütung möglichst der einer Vollzeitstelle entsprechen soll. Die Vergütung wird dann in der Regel zeitanteilig angepasst. Rein rechtlich kann die Ausbildungsvergütung allerdings auch verringert sein, "soweit sie noch als angemessene Vergütung zu betrachten ist", lautet die aktuelle Bestimmung. Angemessen ist sie dann noch, wenn die Vergütung prozentual nicht mehr gekürzt wird als die prozentuale Kürzung der täglichen oder der wöchentlichen Arbeitszeit.

Gibt es zusätzliche finanzielle Leistungen für Teilzeit-Azubis?

Zur finanziellen Entlastung können Azubis bei der Agentur für Arbeit zusätzliche Leistungen beantragen. Dazu gehören beispielsweise Berufsausbildungsbeihilfe, Kindergeld für sich und/oder das eigene Kind, Wohngeld, Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld.

Hat der Azubi in Teilzeit einen Anspruch auf Urlaub?

Der Urlaubsanspruch eines Azubi in Teilzeit entspricht dem von Vollzeitauszubildenden, sofern nur die tägliche Ausbildungszeit reduziert ist. Reduziert sich die Zahl der betrieblichen Ausbildungstage pro Woche, fällt auch der Urlaubsanspruch in der Regel anteilig aus.

Lässt sich die Teilzeitausbildung mit einem Handwerksberuf vereinbaren?

Für Handwerker, die früh morgens gemeinsam zum Kunden nach Hause oder auf eine Baustelle fahren, ist eine Ausbildung in Teilzeit tendenziell schwieriger umzusetzen als für Azubis in einem kaufmännischen Beruf. Wenn sich Auszubildende und Betriebe jedoch auf weniger, dafür ganztägig zu leistende Tage einigen, dann lässt sich auch hier die Ausbildung in Teilzeit meistern. Die Betriebe profitieren davon, dass sich die Ausbildungszeit flexibel passend zur Betriebsstruktur gestalten lässt.

Welche Vorteile hat eine Teilzeitausbildung für kleine Betriebe?

Nach Angaben des BIBB profitieren von einer geringeren Ausbildungsvergütung vor allem Klein- und Kleinstunternehmen, die geringere finanzielle Kapazitäten haben. Die Teilzeitausbildung ermöglicht es ihnen, in die Ausbildung einzusteigen.

Wichtig ist es dabei jedoch, alle Mitarbeiter über das Teilzeit-Modell zu informieren . Denn es kann Missgunst und Streit unter den Mitarbeitenden erzeugen, wenn Auszubildende kürzer arbeiten, eventuell das gleiche verdienen und am Ende die gleichen Qualifikationen vorweisen können. Dabei haben die Azubis, durch die Doppelbelastung mit Kind und Beruf meist eine hohe Arbeitsbelastung zu meistern, die es wertzuschätzen gilt.

Teilzeitausbildung in Zahlen

  • Bundesweit wurden 2019 insgesamt 2.283 Ausbildungsverträge in Teilzeit neu abgeschlossen. Das sind 0,44 Prozent aller Ausbildungsverträge. Insgesamt befanden sich 6.555 Azubis im Jahr 2019 in einem Teilzeitausbildungsverhältnis (0,49 Prozent aller Ausbildungsverträge).
  • Der Frauenanteil bei der Ausbildung in Teilzeit liegt bei 87,3 Prozent.
  • Das Durchschnittsalter der Azubis in Teilzeit liegt bei 26,8 Jahren und damit höher als im Schnitt bei den Azubis in Vollzeit mit 20 Jahren.
  • Verteilung nach Zuständigkeitsbereichen: IHK-Bereich (51 Prozent ), HWK-Bereich (18 Prozent), Freie Berufe (20 Prozent), Öffentlicher Dienst (8 Prozent), Landwirtschaft (1 Prozent), Hauswirtschaft (2 Prozent).
  • 93,5 Prozent der Absolventen einer Teilzeitausbildung bestehen die Abschlussprüfung mit Erfolg. Bei den Azubis insgesamt liegt die Quote bei 92,8 Prozent, die die Prüfung bestehen.
  • Seit 2005 ist die Ausbildung in Teilzeit rechtlich im Berufsbildungsgesetz (§ 8 BBIG) und in der Handwerksordnung (§ 27 HwO) verankert.
  • Zum 1. Januar 2020 trat eine Gesetzesnovelle in Kraft, die die Teilzeitausbildung grundsätzlich jedem möglich macht.

Quelle: Berufsbildungsstatistik, BIBB