Onboarding für Geflüchtete im Betrieb Ausbildung von Geflüchteten: Kommunikation ist das A und O

Handwerksbetriebe bilden überdurchschnittlich viele Geflüchtete aus oder beschäftigen sie als ­Fachkräfte. Das ist meist mit zusätzlichen Hürden verbunden, lohnt sich aber trotzdem.

Bettina Schmauder stellt den neuen Azubi einem Kollegen vor.
Ibrahima Sory Diallo aus Guinea (Mitte) lernt schon vor Ausbildungsbeginn das Team kennen. Peyman Johari ist Kfz-Mechatroniker-Azubi im dritten Lehrjahr und stammt aus dem Iran. Bettina Schmauder sorgt dafür, dass die Kommunikation funktioniert. - © privat

Reden, reden, reden. Für Bettina Schmauder gibt es kein wichtigeres Rezept zur Integration von Geflüchteten in den Betrieb als eine intensive Kommunikation. "Gerade am Anfang ist das wichtig", betont die Unternehmerfrau.

Als kaufmännische Leiterin der Schmauder und Rau GmbH in Kirchheim/Teck ist sie dicht am Personal dran. "Je schneller so ein junger Mensch sich im Unternehmen wohl und integriert fühlt, desto größer sind die Chancen, dass er die Ausbildung erfolgreich abschließt", weiß die Chefin des Kfz-Betriebs.

Gute Ansprache der Geflüchteten

Schmauder ist Regionalbotschafterin im "Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge" (NUiF) und hat sich auf Fragen des "Onboardings" spezialisiert. Es geht darum, was Betriebe tun können, um Geflüchtete gut aufzunehmen. Das beginne bei der Auswahl der Bewerber. "Den richtigen zu finden ist oft schwieriger als bei Deutschen", so Schmauder. Sprachliche Barrieren und Zeugnisse, die selten so seien wie hierzulande üblich, machten die Einschätzung schwierig.

Mindestens eine Woche eng begleitetes Praktikum absolvieren deswegen Interessenten bei Schmauder, damit die Kollegen sehen können, ob sich der junge Mensch im Team wohl fühlt und ein Händchen für den Beruf hat.

Weniger Praktika durch Corona

Damit zählen Schmauder und Rau inzwischen zur Minderheit. Eine NUiF-Umfrage unter 275 Betrieben des Netzwerks zeigt, dass durch Corona nur noch jeder neunte Betrieb Praktika oder Einstiegsqualifzierungen nutzte. Vor der Pandemie war es noch jeder vierte Betrieb.

Für Ausbilder wie für Geflüchtete war die Pandemie ein Rückschlag. Ausgefallene Sprachkurse, digitaler Berufsschulunterricht und die fehlenden Möglichkeiten zu direktem Kontakt haben alle Azubis betroffen; Geflüchtete mit Deutsch als Fremdsprache und schlechter digitaler Ausstattung aber noch viel mehr.

Fragen nach der Berufsschule

Schmauder und Rau konnten die Corona-Hindernisse aber gut ausgleichen. In drei Berufen bildet der Familienbetrieb Geflüchtete aus: als Kfz-Mechatroniker, als Kfz-Lackierer und als Karosseriebaumechaniker. "Gerade im Anfang der Ausbildung fragen wir intensiv nach, wie es im Betrieb läuft, vor allem aber auch in der Berufsschule", so Schmauder. Nach der persönlichen Fluchtgeschichte oder warum die Identität noch nicht geklärt ist fragt sie aber nicht. "Die haben oft Heftiges mitgemacht und sprechen nicht darüber."

Der Austausch mit der Schule sei besonders wichtig. "Bei uns sprechen manche Lehrer sehr schwäbisch, was die Azubis nicht verstehen; oder sie langweilen sich, oft aus Überforderung", nennt Schmauder Beispiele. Sie rufe dann direkt in der Schule an, um gar keine Probleme entstehen zu lassen. Denn wenn Ausbildung scheitere, dann zumeist an der Schule.

Herausforderung durch kulturelle Unterschiede

Nach der intensiven Anfangszeit laufe die Ausbildung meist recht gut. Konflikte aus kulturellen Unterschieden entstünden trotzdem immer wieder. "Themen wie Respekt und Anerkennung sind sehr wichtig", so Schmauder. Ein rüdes Wort könne schnell zu Streit führen. Schmauder versucht dann, den Konflikt von der emotionalen auf die Sachebene zu bringen, redet mit Azubi und Kollegen. "Das ist eine Daueraufgabe, in einem multikulturellen Team einen sachlichen, höflichen Umgang zu erlernen. Nichts, was sich in einem schnellen Workshop vermitteln lässt."

Netzwerke für Ausbilder von Geflüchteten unverzichtbar

Fünf von 40 Mitarbeitern und Azubis haben bei Schmauder und Rau eine Fluchtgeschichte. Sie kommen aus dem Iran, Syrien, Afghanistan und ab Herbst beginnt ein junger Mann aus Guinea seine Ausbildung zum Kfz-Lackierer. "Bei Geflüchteten aus Afrika ist es mit der Bleibeperspektive besonders schwierig", gibt Schmauder zu. Aus Afrika haben nur Eritreer und Somalier gute Aussichten, dass ihr Asylantrag anerkannt wird. Für den Guineer Ibrahima Sory Diallo hat der Betrieb also eine Ausbildungsduldung (3+2-Regelung) beantragen müssen (s. "ABC des Aufenthaltsrechts").

Nicht nur in komplizierten Fällen wie diesem ist Schmauder froh um die Unterstützung durch Kammern und Ehrenamtliche. "Das muss man vorher wissen: Wenn man Geflüchtete ausbildet, hat man zusätzlichen Aufwand!" Behördengänge, Genehmigungen oder auch mehr Unterstützungsbedarf in der Schule fordern den Ausbildern einiges ab und es ist wichtig, sich dafür Unterstützung zu holen.

Doch auch deutsche Azubis kämen nicht immer ganz glatt durch die Ausbildung, relativiert Schmauder. "Bei uns bekommt einfach jeder Mitarbeiter die Unterstützung, die er braucht." Für den Kfz-Betrieb lohne sich der Aufwand, jede Fachkraft zählt. "Und der erste Geflüchtete, den wir ausgebildet haben, macht mittlerweile die Meisterschule. Er ist fester Bestandteil unseres Nachwuchsteams."

Hohe Übernahmequote von Geflüchteten nach Ausbildung

52 Prozent der Geflüchteten in Betrieben sind noch in Ausbildung. Das zeigt eine Umfrage unter 275 Mitgliedern im Netzwerk "Unternehmen integrieren Flüchtlinge". Die Übernahmequote ausgelernter Azubis ist hoch. Bei 68 Prozent der Befragten hatten Auszubildende bereits ihren Abschluss gemacht und waren fast alle als Fachkraft von ihrem Betrieb übernommen worden. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, Fachkräfte mit Fluchtgeschichte zu beschäftigen, 30 Prozent Hilfsarbeiter.

Im Durchschnitt sind Auszubildende mit Fluchthintergrund älter als solche ohne Fluchthintergrund. Jeder fünfte ist 25 Jahre oder älter, zeigt der Datenreport 2022 des Bundesinstituts für Berufsbildung. In der Regel sind nur 7 Prozent der Ausbildungsanwärter so alt.

Das ABC des Aufenthaltsrechts

  • Ausbildungsduldung und 3+2-Regelung: Geflüchtete, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die aber schon in einer Ausbildung sind oder einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben, können unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausbildungsduldung beantragen. Damit dürfen sie für die Ausbildungsjahre und weitere zwei Beschäftigungsjahre in Deutschland bleiben (§ 60a Absatz 2 Satz 3 AufenthG und § 60 c AufenthG, 3+2-Regelung). Immer mehr Geflüchtete nutzen diese Möglichkeit des "Spurwechsels", zeigen Zahlen des Mediendienstes Integration.
  • Arbeitserlaubnis: Schutzberechtigte Personen – also Geflüchtete, über deren Asylantrag positiv entschieden wurde und die einen Aufenthaltstitel erhalten haben – dürfen prinzipiell uneingeschränkt beschäftigt werden. Auch wenn über den Asylantrag noch nicht entschieden wurde oder wenn der Asylantrag zwar abgelehnt, aber die Abschiebung ausgesetzt wurde, dürfen die Betroffenen arbeiten. Hier gibt es jedoch Auflagen und Wartefristen.
    Keine Erlaubnis zur Arbeit haben Geflüchtete, für die noch eine Wartefrist gilt, die eine Aufforderung zur Ausreise oder Abschiebung erhalten haben oder Personen aus sicheren Herkunftsstaaten (Europäische Union, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Mazedonien, die ehemalige jugoslawische Republik, Montenegro, Senegal und Serbien). Auch Geduldete, deren Identität nicht geklärt ist, dürfen nicht arbeiten.
  • Beschäftigungsduldung: Unter sehr strengen Voraussetzungen können Geflüchtete eine Beschäftigungsduldung beantragen. Dazu müssen sie vor dem 1. August 2018 nach Deutschland eingereist sein, ihre Identität geklärt haben und Deutsch mindestens auf A2-Niveau sprechen. Sie müssen seit mindestens 18 Monaten sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein, seit zwölf Monaten ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und seit mindestens zwölf Monaten geduldet sein (§ 60d AufenthG).
  • Bleibeperspektive: Menschen aus Herkunftsländern, von denen mehr als 50 Prozent der Asylanträge zugelassen werden, haben eine gute Bleibeperspektive. Dies trifft im Juli 2022 auf Eritrea, Syrien, Somalia und Afghanistan zu. Flüchtlinge aus anderen Herkunftsländern bekommen oft keinen Asylstatus, werden aber geduldet, weil eine Abschiebung in ihre Heimat aus humanitären oder persönlichen Gründen nicht möglich ist. Nach sechs Monaten dürfen Geduldete mit geklärter Identität mit entsprechender Erlaubnis des Amts arbeiten.
  • Chancen-Aufenthaltsrecht: Das jüngst von der Bundesregierung beschlossene Chancen-Aufenthaltsrecht soll langjährig Geduldeten ein Jahr Zeit geben, um die Voraussetzungen für ein dauerhaftes Bleiberecht zu erfüllen. Sie müssen binnen dieses Jahres ihre Identität klären und nachweisen, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. 140.000 der derzeit rund 240.000 geduldeten Ausländer könnten diesen Weg einschlagen.
    Außerdem sollen im Rahmen dieses Migrationspakets künftig alle Geflüchteten Anspruch auf einen Integrationskurs bekommen, unabhängig von ihrer Bleibeperspektive.
  • Integrationskurs: In Integrationskursen lernen Geflüchtete die deutsche Sprache, Geschichte, Rechtsordnung und Kultur kennen. Bisher hatten nur Menschen mit guter Bleibeperspektive und Ukraine-Flüchtlinge Anspruch auf diese Kurse, die zwischen 700 und 1.000 Unterrichtsstunden umfassen (§ 44 AufenthG).
    Für Menschen aus anderen Herkunftsländern gibt es bisher die wesentlich weniger umfangreichen Erstorientierungskurse, die dabei helfen sollen, sich in typischen Alltagssituationen auf Deutsch zurechtzufinden.
    Betriebe, die Geflüchtete ausbilden oder beschäftigen wollen, werden von der größeren Zahl an Integrationskursen infolge des Migrationspakets profitieren. Das "Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge" (Nuif) hat in einer Mitgliederbefragung erfahren, dass Sprachprobleme neben Schwierigkeiten in der Berufsschule die größten Hürden für Ausbilder und Arbeitgeber von Geflüchteten sind.
  • Willkommenslotsen: Seit 2016 gibt es die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Willkommenslotsen. Sie beraten Betriebe und Geflüchtete zu Beschäftigung und Ausbildung, bringen Kandidaten und Betriebe zusammen und unterstützen auch in allen praktischen Fragen. Im Handwerk sind die Willkommenslotsen bei der jeweils zuständigen Handwerkskammer angesiedelt.

Tipps zur betrieblichen Ausbildung von Geflüchteten gibt eine Broschüre des Bundesinstituts für Berufsbildung.
Eine Studie des Deutschen Handwerksinstituts untersuchte wissenschaftlich, welche Faktoren die Ausbildung von Geflüchteten erleichtern beziehungsweise behindern.