Tradition im Handwerk Auf der Walz: Wo Wandergesellen den Sommer verbringen

Während der Walz sind fremde Handwerker zu ehrenamtlicher Arbeit verpflichtet. Auf Baustellen wie an den Lübschützer Teichen bei Machern unterstützen sie gemeinnützige Projekte. Die Treffen dienen auch der Weiterbildung, als Kontaktbörse und zum Austausch unter den Gewerken.

Fremde Schmiede vom Ring vereinigter Metallgewerke
Der fremde Schmiede Matej gehört dem Ring vereinigter Metallgewerke an, der erst 2023 gegründet wurde und dem heute rund 20 Metallhandwerker angehören. Reichlich die Hälfte davon ist auf der Walz. - © Ulrich Steudel

Es fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub. Über den Lübschützer Teichen strahlt die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel. Das Wasser am Sahlweidenteich lockt mit Badetemperatur. Doch im Naherholungsgebiet östlich von Leipzig surren Kapp- und Handkreissägen, lodert das Schmiedefeuer, rührt die Mischmaschine Mörtel für den Brotbackofen.

Am Naturcampingplatz von Machern haben die fremden freireisenden Wandergesellen im Jahr 2024 ihre Sommerbaustelle eingerichtet. Hunderte junge Handwerkerinnen und Handwerker aus rund 30 Gewerken machen im August hier Zwischenstation auf ihrer Walz.

Jedes Jahr organisieren die frei­reisenden Wandergesellen in Eigenregie eine große Sommerbaustelle, um in ehrenamtlicher Arbeit ein ge­meinnütziges Projekt zu unterstützen. Gleichzeitig nutzen sie die Treffen zum fachlichen Austausch, vertiefen in Workshops ihre handwerk­lichen Fähigkeiten und planen die nächsten Einsätze. Auch Wandergesellen, die für einen der gewerkespezifischen Schächte reisen, sind willkommen. Junge Handwerker, die auf die Walz gehen möchten, zieht es auf die Baustellen, um Informationen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen.

Ein Ort für Kunst, Kultur und Handwerk

In diesem Jahr unterstützen die Wandergesellen den "Begegnungsraum Lübschützer Teiche". Der ge­meinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, einem maroden DDR-Campingplatz neues Leben einzuhauchen. In idyllischer Umgebung vor den Toren Leipzigs soll ein Ort der Kunst, Kultur und Begegnung entstehen, wo auch das Handwerk eine wichtige Rolle spielt.

Sophia, fremde freireisende Kirchenmalerin aus Würzburg, und Milan, fremder freireisender Zimmermann und Elektroniker aus Kassel, sind schon seit Juni vor Ort. Sie gehören zum kleinen Organisationsteam, das sich um einen reibungs­losen Ablauf kümmert. Eine Aufgabe, deren Komplexität nicht nur handwerkliches Geschick erfordert. "Der Vertrag zwischen dem Verein und uns Wandergesellen war besonders nervenaufreibend. Schließlich sind wir keine Juristen", sagt Milan, der nach einer Elektronikerlehre in der Industrie als Zimmerer im Handwerk seine Berufung gefunden hat. "Ich hasse Industriehallen, das Neonlicht und die sich wiederholenden Abläufe", gesteht der junge Mann, der seit viereinhalb Jahre auf der Walz ist. Bevor er den Meisterbrief anpeilt, möchte er noch in Frankreich tiefer in die Tradition der Compagnonnage eintauchen. Eine Art „Tour de France des Handwerks“, die unter Wandergesellen hohes Ansehen genießt.

Tradition der Walz reicht weit zurück

Die Tradition der Wanderjahre reicht bis ins späte Mittelalter zurück. Über Jahrhunderte hinweg war die Walz fester Bestandteil der Berufsausbildung und Grundstein für den Meisterbrief. Erst während des Zweiten Weltkriegs kam die Wanderschaft zum Erliegen. Von den Nationalsozialisten wurden die Tippelbrüder als Landstreicher verfolgt, für manche endete die Walz im Konzentrations­lager. Bis heute fühlen sich Wandergesellen daher den Obdach­losen verbunden. "Wer einen trifft, gibt ihm alle Münzen, die er bei sich trägt", erinnert Thomas Heidenreich an eine der vielen ungeschriebenen Regeln, denen die Wandergesellen folgen. Der Zimmerermeister war von 2002 bis 2005 selbst auf der Walz und fühlt sich wie viele "Einheimische" den reisenden Wandergesellen weiterhin verbunden.

Wandergesellen mit Stenz und Charlottenburger
Exportgeselle Gabriel (links), fremder freireisender Zimmerer aus Würzburg, begleitet Mats, fremder freireisender Zimmerer und Dachdecker aus Waltrop, in den ersten Monaten der Walz und führt ihn in die Regeln ein. - © Ulrich Steudel

Lange Zeit litt die Walz unter dem Verbot der Schächte während der NS-Zeit. Ende der 1970er-Jahre lag die Zahl der aktiven Wandergesellen zwischen 20 und 30. Heute sind wieder schätzungsweise 500 bis 600 junge Handwerker im deutschsprachigen Raum unterwegs, darunter immer mehr Frauen wie Sophia, eine von aktuell drei Kirchenmalerinnen auf der Walz.

Auf der Sommerbaustelle in Sachsen ist vor allem ihr organisatorisches Talent gefragt, zumal sich das Ge­lände über mehrere Hektar erstreckt. "Die Zweiradmechaniker haben aus vielen schrottreifen Drahteseln einige gangbare Fahrräder gemacht, die wir auch zum Transport von Material nutzen", verweist sie auf das Improvisationsgeschick, mit denen die jungen Handwerker und Handwerkerinnen ihre Vorhaben angehen.

Wandergesellen möbeln Campingplatz auf

Das alte Vereinshaus bekommt ein Fachwerk aus Eichenholz, das die Ge­sellen im nahen Wald sammeln durften. Der marode Spielplatz wird normgerecht saniert und um einen Wasserspielplatz erweitert. Für Kultur-Events zimmern die Wandergesellen dem Verein eine mobile Bühne. Alte Holly­wood-Schaukeln werden aufgemöbelt. Und Leon, fremder freireisender Maurer, baut einen Lehm­ofen mit Grillstelle. "Dafür haben viele fleißige Hände die Ziegelsteine von altem Mörtel befreit. Und unser Bäcker hat mir gezeigt, worauf ich bei der Konstruktion des Brotbackofens achten muss", sagt der Flensburger.

Ein paar hundert Meter entfernt zwicken drei junge Frauen kleine Ecken von bunten Fliesen, mit denen sie ein Mosaik nach eigenen Entwürfen legen. Konditorin Veronika Kurth aus Soest und Tischlerin Anna Peper aus Bremen nutzen die Sommerbaustelle als Kontaktbörse, denn sie wollen auch auf die Walz gehen. Eva, fremde freireisende Feintäschnerin aus Radebeul, kann den beiden von ihrer bisher zweieinhalbjährigen Wanderschaft einiges erzählen. "Wer Pläne macht, wird ausgelacht", lautet einer ihrer Ratschläge. Sie möchte im Moment leben, neue Menschen kennenlernen und vor allem handwerk­liche Erfahrungen sammeln. Und das über ihr Gewerk hinaus. "Mir ist es wichtig, über den Tellerrand zu blicken. Zum Beispiel durfte ich bei einem Mützenmacher mitarbeiten, davon gibt es nur noch wenige", sagt Eva. Sie trägt eine rote Kluft, an der man Gesellen der farb- und formgebenden Gewerke erkennt.

Zimmerermeister Thomas Heidenreich
Zimmerermeister Thomas Heidenreich wirbt mit einem speziell gestalteten Wandertuch für ehrenamtliche ­Baustellen in der Region Chemnitz im Kulturhauptstadtjahr 2025. - © Ulrich Steudel

Die Mosaike sollen später das Toilettenhäuschen des Campingplatzes verschönern. Sie entstehen in einem Workshop, angeleitet von Gwendolin, fremde freireisende Keramikerin und Fliesenlegerin. "Hier können sich alle künstlerisch austoben, auch Leute aus gröberen Gewerken. Ich möchte zeigen, dass jeder auf seine Weise kreativ sein kann", sagt Gwendolin.

Werbung für das Kulturhauptstadtjahr in Chemnitz

An anderer Stelle facht Matej aus Wittichenau in der Oberlausitz das Schmiedefeuer an. Gemeinsam mit Erik aus Dierhagen bei Rostock arbeitet er in der mobilen Schlosserwerkstatt den anderen Gewerken zu. Sie richten verbogene Brechstangen, fertigen Scharniere für Türen und Fenster. Die fremden Schmiede gehören dem Ring vereinigter Metallgewerke an, der erst im April vergangenen Jahres gegründet wurde. Der jüngste Schacht in der langen Ge­­schichte der Wanderschaft zeugt davon, wie sich die Tradition immer wieder aus sich selbst heraus erneuert und an die Gegenwart anpasst.

"Heute reist kein Wandergeselle mehr mit dem Pferdefuhrwerk", sagt Thomas Heidenreich. Der einheimische Zimmerermeister ist aus Chemnitz an die Lübschützer Teiche gekommen, um bei den fremden freireisenden Wandergesellen für seine Heimatstadt als Sommerbaustelle im kommenden Jahr zu werben. 2025 trägt die Region um Chemnitz den Titel europäische Kulturhauptstadt, da könnte sich das Handwerk mit seiner Vielfalt, Kreativität und Weltoffenheit präsentieren. Rund 40 gemeinnützige Projekte, die sich um die Unterstützung bewerben, stellen Heidenreich und seine Mitstreiter vor. Und sie haben Erfolg. Ende August stimmen die versammelten Wandergesellen dafür, ihre Sommerbaustelle im kommenden Jahr in der Region der europäischen Kulturhauptstadt einzurichten, um bei einigen der vorgestellten Projekte mit anzupacken.

Die Walz ...

… dauert in der Regel drei Jahre und einen Tag. In dieser Zeit gilt eine Bannmeile von 50 oder 60 Kilometern um den Heimatort. Gereist wird zu Fuß oder per Anhalter in traditioneller Kluft mit Stenz (Wanderstab) und Charlottenburger (Wandertuch, in das die Habseligkeiten gewickelt werden). Wandergesellen müssen kinderlos, schuldenfrei und dürfen nicht vorbestraft sein. Es gilt ein Verhaltenskodex der Ehrbarkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Gewaltlosigkeit.