Der Mutterschutz für Selbstständige steht im Koalitionsvertrag. Diejenigen, die sich schon lange für das Thema einsetzen, hatten erwartet, dass die Pläne im Referentenentwurf zur Elterngeldreform enthalten sind. Doch Fehlanzeige. Tischlermeisterin Johann Röh erklärt im Interview, warum ihr Verein "Mutterschutz für Alle!" jetzt zum Zukunftsgipfel nach Berlin einlädt.

Noch immer gelten die gesetzlichen Regelungen für den Mutterschutz nicht für diejenigen, die selbstständig arbeiten. Während der Schwangerschaft und nach der Entbindung sind Unternehmerinnen nicht im selben Maße abgesichert wie Angestellte. Oft können sie sich keine längere Auszeit leisten und müssen eine Vertretung selbst organisieren.
Dass dies auch viele selbstständige Handwerkerinnen vor große Herausforderungen stellt, haben Politik und Wirtschaft zwar erkannt. Einen gesetzlichen Mutterschutz für Selbstständige zu schaffen, steht sogar als konkrete Aufgabe im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Bislang hat die Bundesregierung bzw. das zuständige Bundesfamilienministerium aber noch keinen Gesetzesentwurf dafür vorgelegt.
Mutterschutz für Selbstständige im Koalitionsvertrag, aber kein Teil der Elterngeldreform
Mit großer Hoffnung hatten die Beteiligten deshalb den Referentenentwurf erwartet, der jetzt eine Elterngeldreform bringen soll. In seinem Rahmen sollte auch der Mutterschutz für Selbstständige auf die politische Agenda kommen. Doch Fehlanzeige: Der Entwurf enthält keine Vorschläge für einen gesetzlichen Mutterschutz für Selbstständige.
Bereits seit einigen Jahren macht sich der Verein "Mutterschutz für Alle!" für das Thema stark. Die Vereinsvorsitzende, Tischlermeisterin Johanna Röh, hat gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus dem Handwerk und vielen anderen Wirtschaftsbereichen schon viel Unterstützung aus der Politik erreicht. Auf die neue Entwicklung – dass es eben doch noch nicht vorangeht – reagieren sie jedoch nicht mit Enttäuschung, sondern mit einer großen Aktion in der Hauptstadt.
Am Vormittag des 6. Oktober 2026 machen rund 30 selbstständige Frauen vor dem Reichstag ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen sichtbar – von Handwerk und Medizin über Profisport bis zur Filmbranche. Am Abend geht es beim Zukunftsgipfel "Selbstständigkeit & Familie – warum Vereinbarkeit Wirtschaftspolitik ist" um mögliche Lösungen und ihre Umsetzung. Mit dabei sind Politikerinnen und Politiker der verschiedenen Parteien (siehe Infokasten).
Im folgenden Interview erklärt Johanna Röh, wie es aus ihrer Sicht jetzt weitergeht mit dem Mutterschutz für Selbstständige.
"Wir müssen unsere Strategie noch einmal überdenken"
Frau Röh, wie enttäuscht sind Sie bzw. sind diejenigen, die sich mit dem Verein "Mutterschutz für Alle!" für den Mutterschutz für Selbstständige einsetzen, dass er nicht im Referentenentwurf zur Elterngeldreform enthalten ist?
Johanna Röh: Ich würde tatsächlich nicht von Enttäuschung sprechen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir an diesem Punkt schon weiter sind. Gleichzeitig bekomme ich immer wieder die Rückmeldung: Politische Prozesse dauern – und gemessen daran sind wir mit dem Thema in relativ kurzer Zeit ziemlich weit gekommen.
Was ich aber merke: Wir müssen unsere Strategie offensichtlich noch einmal überdenken. Wir haben inzwischen viele Daten, konkrete Modelle und breite Unterstützung. Irgendwann stellt sich deshalb schon die Frage: Was braucht es eigentlich noch, damit aus der grundsätzlichen Zustimmung eine gesetzliche Lösung wird?
Ich habe tatsächlich schon öfter gedacht: Vielleicht müsste man irgendwann selbst an den Tischen sitzen, an denen entschieden wird. Vielleicht trete ich irgendwann in eine Partei ein – einfach um herauszufinden, welchen Hebel wir bisher übersehen haben. Wer weiß. Wir werden definitiv alles tun, was in unserer Hand liegt.
Mutterschutz für Selbstständige: "Wir müssen das politische Zeitfenster jetzt nutzen"
Sehen Sie das Versprechen der Bundesregierung damit als gebrochen an? Oder welche Chancen bestehen noch?
Nein, so würde ich es zum jetzigen Zeitpunkt nicht formulieren. Ein Referentenentwurf ist noch kein abgeschlossenes Gesetzgebungsverfahren, und wir haben in dieser Legislatur noch die Chance, eine Lösung zu erreichen.
Aber ich glaube auch nicht daran, dass man bei politischen Veränderungen einfach darauf warten kann, dass andere das schon regeln werden. Dass wir heute überhaupt so weit sind, liegt daran, dass sehr viele Menschen und Organisationen das Thema zu ihrem gemacht haben. Genau das brauchen wir jetzt weiter. Denn wenn wir dieses politische Zeitfenster nicht nutzen, weiß niemand, wann sich wieder ein vergleichbares öffnet.
Warum tut sich die Politik so schwer, ihn umzusetzen? Was sind die Hindernisse aus Ihrer Sicht?
Ich glaube inzwischen, dass es nicht den einen Grund gibt. Wir sind an einem interessanten Punkt: Über das Ob diskutieren wir viel weniger als noch vor einigen Jahren. Die eigentlichen Fragen drehen sich zunehmend um das Wie: Welche Leistung brauchen Selbstständige? Wie berücksichtigen wir Gründerinnen und schwankende Einkommen? Was ist mit Betriebskosten oder einer Vertretung? Wie organisieren wir die Finanzierung und unterschiedliche Versicherungsformen?
Das sind reale Fragen, und es ist richtig, sie vernünftig zu klären. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass wir das Grundproblem immer weiter vertagen. Wir müssen anfangen. Eine Lösung wird vielleicht nicht vom ersten Tag an perfekt sein – aber wir können sie evaluieren und weiterentwickeln.
Unsere Aufgabe als Bündnis sehe ich deshalb zunehmend darin, aus der breiten grundsätzlichen Zustimmung einen gemeinsamen, umsetzbaren Weg zu machen.
"Denkbar wäre eine unbürokratische Pauschalleistung"
Wie sollte der Mutterschutz für Selbstständige konkret aussehen und wie soll er finanziert werden?
Eine Lösung muss die Realität der Selbstständigen berücksichtigen: den persönlichen Einkommensausfall und die betriebliche Situation. Denn Miete, Leasing, Versicherungen oder laufende Aufträge verschwinden nicht, nur weil eine Selbstständige ihre Tätigkeit aufgrund einer Schwangerschaft unterbrechen muss.
Inzwischen liegen unterschiedliche Modelle auf dem Tisch. Denkbar ist beispielsweise eine unbürokratische Pauschalleistung, die bei Bedarf aufgestockt werden kann. Bei der Finanzierung kommt etwa eine Umlage oder Steuermittel infrage. Wir wollen uns als Bündnis bewusst nicht vorschnell auf einen einzigen Finanzierungsweg festlegen.
Entscheidend ist, dass wir jetzt zu einer Lösung kommen. Solange wir nichts tun, tragen die betroffenen Frauen das Risiko allein. Und ich bin überzeugt: Verlässliche Rahmenbedingungen in der Schwangerschaft sind keine reine Sozialleistung, sondern auch eine Investition in unsere Wirtschaft. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sollten wir das nicht unterschätzen. Genau über diese Fragen wollen wir am 6. Oktober in Berlin sprechen. Es soll nicht mehr nur darum gehen, warum wir Mutterschutz für Selbstständige brauchen, sondern vor allem darum: Wie kommen wir jetzt gemeinsam zur Umsetzung?
Aktion vor dem Reichstag und Zukunftsgipfel am 6. Oktober 2026
Fehlender Mutterschutz hat Folgen für den Berufsalltag selbstständiger Frauen: für ihre Gesundheit und ihr Einkommen, aber auch für Gründungen, Unternehmen und Familienplanung. Um das zu verdeutlichen, haben rund 30 selbstständige Frauen aus verschiedenen Branchen für den 6. Oktober 2026 ein Event vor dem Reichstag organisiert. Zwischen 8:30 und 8:50 Uhr möchten sie auf vielfältige Weise sichtbar machen, wie sich die gesetzliche Lücke zeigt und wie persönliche Lebensgeschichten davon geprägt sind.
Am Abend folgt der Zukunftsgipfel "Selbstständigkeit & Familie – warum Vereinbarkeit Wirtschaftspolitik ist". Das Bündnis Mutterschutz für Selbstständige bringt dazu Verbände und Organisationen aus unterschiedlichen Branchen zusammen. Selbstständige diskutieren mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Sozialversicherung, Wissenschaft und Verbänden sowie mit juristischen Fachleuten über mögliche Formen einer gesetzlichen Absicherung. Im Mittelpunkt stehen bereits vorliegende Lösungs- und Finanzierungsmodelle: Was ist praktisch umsetzbar? Wo bestehen rechtliche oder wirtschaftliche Bedenken? Und welche Entscheidungen sind für eine gesetzliche Umsetzung noch zu treffen?
>>> Weitere Informationen zum Zukunftsgipfel gibt es hier.
