Gender Pay Gap Lohnlücke: Im Westen fast viermal größer als im Osten

Der Gender Pay Gap in Deutschland schrumpft – aber langsam und ungleich verteilt. Im Bodenseekreis verdienen Frauen 37 Prozent weniger als Männer, in Dessau-Roßlau verdienen Frauen sogar minimal mehr als Männer. Eine IAB-Studie zeigt, welche fünf Faktoren die regionalen Unterschiede erklären.

Gender Pay Gap
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat den Gender Pay Gap für alle deutschen Kreise ausgewertet. - © tomertu - stock.adobe.com

In diesem Jahr markierte der 27. Februar den Equal Pay Day. Also den Tag, der die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen auf den Kalender überträgt. Bis zu diesem Datum haben Frauen "umsonst" gearbeitet, während Männer schon seit 1. Januar mit ihrer Arbeit Geld verdienten.

Warum gibt es diese Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern immer noch? Während Belgien mit einem unbereinigten Gender Pay Gap von 0,7 Prozent die Lohngleichheit fast vollzogen hat, verdienen in Luxemburg Frauen im Schnitt sogar 0,8 Prozent mehr als Männer (Destatis, 2024). Warum also gibt es keine Lohngleichheit in Deutschland trotz Gesetzen und höchstrichterlichen Urteilen? Die Gründe sind vielfältig. Und wie groß die Lücke zwischen den Geschlechtern ist, hängt auch davon ab, wo man lebt und arbeitet.

Gefälle zwischen Ost und West

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht in jedem Jahr den Gender Pay Gap in den Bundesländern und Kreisen Deutschlands und kommt für das Jahr 2024 zu dem Ergebnis: Der Gender Pay Gap schrumpft zwar – aber nur langsam und mit deutlichen Unterschieden je nach Region.

Bezogen auf das Jahr 2024 bedeutet das: "Frauen verdienten im Schnitt 17,2 Prozent weniger als Männer", sagt Dr. Gabriele Wydra-Somaggio, wissenschaftliche Mitarbeiterin im IAB. Dahinter verbergen sich jedoch regionale Diskrepanzen, die viel über die Wirtschaftsstruktur, Berufswahl und gesellschaftliche Rollenbilder verraten.

Der Gender Pay Gap ist in Westdeutschland fast viermal so hoch wie in Ostdeutschland. Für die Bundesländer im DHZ-Verbreitungsgebiet bedeutet das (unbereinigter Gender Pay Gap in Prozent):

  • Baden-Württemberg 25,7
  • Bayern 21,6
  • Hessen 16,3
  • Sachsen 6,7
  • Sachsen-Anhalt 3,4
  • Thüringen 7,2

Eindrücklichstes Beispiel in der IAB-Studie ist der Bodenseekreis: Hier verdienen Frauen 37 Prozent weniger als Männer – der größte Lohnunterschied bundesweit. Das Pendant bildet die sachsen-anhaltinische Region Dessau-Roßlau, in der Frauen minimal mehr verdienen als Männer (- 1,6 Prozent).

Wichtig ist, zu beachten, dass es sich bei den oben genannten Ergebnissen um den unbereinigten Gender Pay Gap, also den reinen Bruttolohnvergleich, handelt. "Rechnet man beim Vergleich von Männern und Frauen strukturelle Faktoren wie gleiche Qualifikation, gleicher Beruf, gleiche Erwerbsunterbrechungen und gleiche Betriebsgröße heraus, reduziert sich der Unterschied auf 14,1 Prozent", erklärt Dr. Gabriele Wydra-Somaggio. Im bereinigten Gender Pay Gap verdienen Frauen in keinem einzigen Kreis in Deutschland mehr als Männer.

Der bereinigte Gender Pay Gap für die Bundesländer im DHZ-Verbreitungsgebiet (in Prozent):

  • Baden-Württemberg 17,8
  • Bayern 16,4
  • Hessen 13,7
  • Sachsen 9,9
  • Sachsen-Anhalt 8,9
  • Thüringen 10,4

Gründe für regionale Unterschiede

Die Gründe für die großen regionalen Unterschiede seien vielfältig, sagt Dr. Wydra-Somaggio.

  1. Wirtschaftsstruktur: "Allem voran liegt es an der Wirtschaftsstruktur." Regionen wie der Bodenseekreis seien geprägt durch industriellen Mittelstand und Großbetriebe sowie Jobs mit tendenziell deutlich höheren Gehältern, die in der Regel von Männern ausgeübt werden. "Das ist der erste Unterschied, dass sich Männer eher als Frauen in größere Betriebe und eben auch Industriebetriebe einsortieren."
  2. Berufswahl: Ebenso spiele die Berufswahl eine Rolle. Im Bodenseekreis dominierten männerbesetzte Branchen wie Maschinenbau, Luftfahrt und technische Forschung. Frauen arbeiteten dort häufiger im Büro. Städte oder Regionen wie Dessau-Roßlau hingegen böten für Männer mehr Arbeitsplätze mit niedrigerem Lohnniveau wie etwa in der Lagerwirtschaft. Während Frauen hier öfter in der besser bezahlten Verwaltung beschäftigt seien.
  3. Qualifikation: "Frauen in ostdeutschen Landkreisen mit niedrigem Gender Pay Gap sind im Schnitt besser qualifiziert als Frauen in westdeutschen Kreisen mit hohem Gender Pay Gap." Bei Männern sei es genau umgekehrt.
  4. Rollenbilder: Das traditionelle Rollenverständnis zwischen Mann und Frau sei in Westdeutschland stärker verbreitet. Während Ostdeutschland mehr von vollzeitarbeitenden Müttern geprägt sei wie zu Zeiten der DDR. "Frauen in Ostdeutschland arbeiten nach wie vor häufiger Vollzeit als Frauen in Westdeutschland", sagt die Wissenschaftlerin. Allerdings näherten sich die alten und neuen Bundesländer an. Das bedeutet: "Es arbeiten zunehmend auch mehr Frauen in Ostdeutschland in Teilzeit."
  5. Kinderbetreuung: Schließlich sei in ostdeutschen Landkreisen die Kinderbetreuung "immer noch etwas besser und zuverlässiger als in Westdeutschland". Dies wiederum fördere die Erwerbstätigkeit von Frauen.

Dr. Gabriele Wydra-Somaggio dämpft die Hoffnung auf ein Schließen der Lohnlücke in absehbarer Zeit: "Der Gender Pay Gap ist zwar in den vergangenen Jahren geschrumpft, aber langsam und vielleicht nicht aus den gewünschten Gründen." So habe zum Beispiel das Entgelttransparenzgesetz, das 2017 in Kraft trat, kaum messbare Wirkung entfaltet.

Aktuell hat die Bundesregierung die Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie in nationales Recht auf 1. Januar 2027 verschoben. Wird wie 2022 der Mindestlohn erhöht, führe dies statistisch zu einer besonders starken Verkleinerung der Lohnlücke, denn "Frauen profitieren davon überproportional, weil sie häufiger im Niedriglohnsektor arbeiten", sagt die IAB-Expertin.

Auf der einen Seite schrumpft die Industrie, auf der anderen Seite steigen die Löhne im Niedriglohnsektor oder in frauendominierten Berufen wie der Pflege, "was grundsätzlich zwar positiv ist, aber keine Ursachenbekämpfung", sagt Dr. Gabriele Wydra-Somaggio. "Nach wie vor wählen Frauen und Männer unterschiedliche Berufe, die unterschiedlich entlohnt und wertgeschätzt werden."

Um die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen weiter zu verringern und um vielleicht in die Nähe von Entgeltgleichheit zu kommen, sei ein Gesamtpaket aus Entlohnung, Wertschätzung und politischen Rahmenbedingungen notwendig: "Es sind viele Stellschrauben, die gleichzeitig angegangen werden müssen."

Hinweis: Das IAB berechnet den Gender Pay Gap aufgrund anderer Daten und Methodik als das Statistische Bundesamt. Ergebnisse sind daher nicht vergleichbar.