Der Markt braucht dringend Fachleute, die historische Bücher konservatorisch exakt und wirtschaftlich sinnvoll restaurieren können – doch qualifizierter Nachwuchs fehlt. Der Bund Deutscher Buchbinder hat deshalb gemeinsam mit Bildungsträgern eine neue Fortbildung entwickelt.

Papier ist geduldig, aber es muss sich gegen heftige Widersacher behaupten. Feuer, Wasser oder Schimmel bedrohen historische Schriften ebenso wie Tinten- und Wurmfraß. Sind Schäden erst einmal eingetreten, können nur versierte Fachleute das Schlimmste verhindern. Um dieses Know-how für die Zukunft zu sichern, hat der Bund Deutscher Buchbinder zusammen mit Bildungsträgern aus dem Handwerk die Fortbildung zum Geprüften Restaurator im Buchbinderhandwerk entwickelt.
"Der Markt braucht dringend Leute, die am Buch arbeiten können – konservatorisch exakt, ohne die wirtschaftliche Realität aus den Augen zu verlieren", sagt Werner Obermeier. Der diplomierte Restaurator und Buchbindermeister saß im Sachverständigenausschuss, der die Weiterbildungsverordnung erarbeitet hat, und trieb anschließend die Vorbereitungen voran.
Fortbildung in zwei Modulen
Der erste und gewerkeübergreifende Teil der Fortbildung umfasst rund 350 Unterrichtsstunden, die entweder in Vollzeit an den Münchner Farbeschulen oder in Teilzeit auf Schloss Raesfeld im Münsterland oder an der Handwerkskammer zu Leipzig zu absolvieren sind. Das gewerkespezifische Modul beginnt ein Jahr später an der Akademie für Gestaltung und Design der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Es besteht aus rund 620 Unterrichtsstunden und rund 900 Stunden Selbststudium.
Der Unterricht in Modul zwei kombiniert Präsenz und Onlineeinheiten, damit sich die Weiterbildung besser in den beruflichen Alltag integrieren lässt. Wenn sich mindestens acht Interessenten finden, kann es im Oktober 2027 losgehen. Alle Prüfungen nimmt die Handwerkskammer für München und Oberbayern ab. Die Kosten für die gesamte Weiterbildung liegen bei 12.000 Euro. "Aber mit Aufstiegs-Bafög plus Meisterbonus lässt sich diese Summe fast auf null senken", betont Werner Obermeier.
Fortbildung zum Restaurator stark praxisorientiert

Schon seit Jahren können sich Buchbinder zum Beispiel bei der Handwerkskammer Region Stuttgart zum Buchbinder für Restaurierungsarbeiten weiterbilden. Zugangsvoraussetzung ist der Gesellenbrief plus zwei Jahre Berufserfahrung. Erfolgreiche Absolventen erreichen Niveau 4 nach Deutschem Qualifizierungsrahmen (DQR). Die Weiterbildung zum Restaurator setzt hingegen den Meisterbrief voraus und endet aktuell beim Master Professional für Restaurierung im Handwerk. Eine Einstufung auf DQR 7 wird in den nächsten Jahren erwartet. Den großen Vorteil dieser Weiterbildung im Vergleich zu rein akademisch ausgebildeten Buchrestauratoren sieht Werner Obermeier in der Praxisnähe und den beruflichen Erfahrungen, die die Absolventen mitbringen.
Betriebszahlen bei Buchbindern seit Jahren rückläufig
Aktuell durchlebt die Buchbinderbranche schwere Zeiten. Die Betriebszahlen sind seit zehn Jahren stark rückläufig. Wichtige Kunden wie Bibliotheken leiden unter der Digitalisierung, die die Suche nach Wissen in andere Bahnen lenkt. "Wer sich behaupten will, muss ständig auf den sich ändernden Markt reagieren", weiß Werner Obermeier aus eigener Erfahrung.
Im niederbayerischen Rottenburg an der Laaber führt er den 1904 von seinem Urgroßvater gegründeten Betrieb in vierter Generation. Die Buchbinderei Obermeier arbeitete als einer der ersten Betriebe in Deutschland mit digitalen Datensätzen. Personalintensive Arbeiten wurden in einen Zweigbetrieb in Tschechien verlagert. Aktuell beschäftigt Obermeier 30 Mitarbeiter. Die Produktpalette reicht vom acht Kilogramm schweren Wälzer bis hin zur filigranen Speisekarte.
Rund zehn bis 15 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen mit Restaurierungsarbeiten: wertvolle Handschriften, Inkunabeln, NS-Dokumente. Kunden sind neben Bibliotheken vor allem staatliche, kommunale und kirchliche Archive sowie Druckereien. Zuwächse verzeichnet Obermeier seit geraumer Zeit bei den Privatkunden. "Immer mehr Menschen schreiben ihre Lebensgeschichte auf und lassen davon hochwertige Bücher anfertigen", beschreibt Werner Obermeier diesen Trend. Ein Zeichen dafür, dass das Buch als Kulturgut nach wie vor hohe Wertschätzung genießt und es Spezialisten für seinen Erhalt benötigt.
Mit Stipendium zum Restaurator im Handwerk
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) vergibt wieder bis zu 15 Stipendien zu je 6.000 Euro für die Weiterbildung zum Restaurator im Handwerk, die für 19 Gewerke angeboten wird. Bewerbungsschluss ist Ende September 2026.
Bewerbungsantrag und Vergaberichtlinien finden Interessenten online im DSD-Stipendienprogramm.
