Liquiditätspläne, Finanzierungsgespräche, Notartermin – die wirtschaftliche Seite einer Betriebsübergabe bekommt viel Aufmerksamkeit. Doch Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg stellt in ihrer DHZ-Kolumne eine Frage, die dabei meist untergeht: Ist die Beziehung zwischen Übergeber und Nachfolger überhaupt stark genug für eine Übergabe? Teil 1 der dreiteiligen Nachfolge-Serie.

Wenn wir über Unternehmensnachfolge sprechen, geht es meist um Zahlen. Über Unternehmensbewertungen, Finanzierungen, Businesspläne, Verträge und steuerliche Fragen. Das ist richtig und wichtig. Schließlich soll die Übergabe wirtschaftlich funktionieren.
Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir eine Frage viel zu selten stellen: Ist die Beziehung zwischen Übergeber und Nachfolger überhaupt stark genug für eine Übergabe?
Die Beziehungsfrage gilt für jede Nachfolge
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Nachfolge innerhalb der Familie stattfindet, eine langjährige Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den Betrieb übernimmt oder eine externe Person in den Betrieb einsteigt. Die Beziehungsfrage bleibt dieselbe.
Darf der Nachfolger so lange Fragen stellen, bis der Übergeber sie kaum noch hören kann? Darf er verstehen wollen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden? Darf er Abläufe hinterfragen, die seit Jahren funktionieren? Darf er Einblicke in Erfahrungen, Fehler, Konflikte und sensible Kundenbeziehungen bekommen?
Oder endet der Wissenstransfer dort, wo es unbequem wird?
Was in keinem Vertrag steht

Ein Betrieb besteht nämlich nicht nur aus Maschinen, Gebäuden, Kennzahlen und Verträgen. Er besteht auch aus ungeschriebenem Wissen. Aus gewachsenen Beziehungen. Aus Erfahrungen, die in keinem Handbuch stehen. Genau deshalb reicht eine saubere rechtliche Übergabe allein nicht aus.
Ich erlebe häufig, dass viel Energie in die wirtschaftliche Planung investiert wird. Es werden Liquiditätspläne erstellt, Finanzierungsgespräche geführt und Verträge vorbereitet. Für die Frage, wie Verantwortung, Wissen und Vertrauen tatsächlich übergeben werden sollen, bleibt dagegen oft erstaunlich wenig Raum. Dabei entscheidet sich genau dort, ob aus einer Nachfolge eine erfolgreiche Zukunft wird.
Vertrauen entsteht nicht durch einen Notartermin
Eine tragfähige Beziehung hält Fragen aus. Sie hält unterschiedliche Sichtweisen aus. Sie hält sogar aus, dass der Nachfolger nicht alles so machen möchte wie sein Vorgänger. Und sie erkennt an, dass manche Regeln einen guten Grund haben, zu bleiben, während andere verändert werden dürfen.
Der Übergeber muss bereit sein, loszulassen. Der Nachfolger muss bereit sein, zuzuhören. Beides entsteht nicht durch einen Notartermin. Es entsteht durch Vertrauen.
Die Frage, die wir zu selten stellen
Vielleicht sollten wir deshalb bei jeder Nachfolge nicht nur fragen, ob Finanzierung, Verträge und Steuern geklärt sind. Vielleicht sollten wir genauso konsequent fragen, ob die Beziehung die Übergabe überhaupt tragen kann. Denn ein Betrieb scheitert selten an einem fehlenden Dokument.
Manchmal scheitert er daran, dass zwei Menschen nie gelernt haben, Wissen, Verantwortung und Vertrauen wirklich zu übergeben.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.