Kolumne Empathie oder Mitleid? Ein Unterschied, der Chefs schützt

Viele Führungskräfte im Handwerk nehmen Probleme aus dem Team mit nach Hause und merken erst spät, was das mit ihnen macht. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg zeigt in ihrer DHZ-Kolumne, wie sich das stoppen lässt, ohne dabei zum kalten Chef zu werden. 

Im Handwerk ist Nähe Alltag. Die Frage ist, wo Führung aufhört und Mittragen beginnt. - © M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com

In meinen Workshops sprechen wir viel über Führung. Darüber, was Menschen brauchen. Und darüber, wie Unternehmerinnen und Unternehmer damit umgehen. Und dann kommt dieser Moment. Jemand sagt: "Ich habe Angst, meinem Team zu nah zu kommen, wenn ich mir ständig ihre Problemchen anhöre." Nicht, weil es dieser Person egal ist, sondern weil sie befürchtet, sich zu verlieren.

Und genau da liegt das eigentliche Problem. Viele verwechseln Empathie mit etwas, das sie auslaugt. Dabei ist es etwas anderes, das ihnen die Energie raubt.  

Der Unterschied, den kaum jemand sauber benennt 

Empathie heißt: Ich verstehe, wie mein Gegenüber denkt und die Situation erlebt. 

Mitgefühl heißt: Ich nehme wahr, dass es jemandem nicht gut geht, und bleibe trotzdem stabil.

Mitleid heißt: Ich übernehme den Schmerz. 

Dabei sehe ich immer wieder, dass viele Betriebsinhaber unbewusst ins Mitleid rutschen. Sie hören zu und nehmen alles mit. Sie denken weiter, grübeln, schlafen schlechter. Und halten das für Empathie. Ist es aber nicht.  

Warum das im Handwerk besonders schnell passiert 

Handwerk ist nah. Die Teams sind klein. Man arbeitet eng zusammen. Man kennt sich oft seit Jahren. Man bekommt mehr mit, als manchmal notwendig ist. Das macht Führung menschlich und gleichzeitig anspruchsvoll.  Denn Nähe ohne Abgrenzung führt dazu, dass Sie irgendwann nicht mehr führen, sondern mittragen.  

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Was gute Führung stattdessen braucht 

Sie müssen nicht weniger empathisch sein. Sie müssen sauberer unterscheiden. Verstehen, ohne alles zu fühlen. Zuhören, ohne sich zu verlieren. Da sein, ohne alles mitzunehmen. Das ist kein Abstand, das ist Führung.  

Fazit 

Die Angst, dem Team zu nah zu kommen, ist verständlich. Aber sie führt in die falsche Richtung. Nicht Nähe ist das Problem, sondern fehlende Klarheit im Umgang damit. Wer alles fühlt, verliert sich. Wer versteht, kann führen. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.