Auf einem begrünten Flachdach lassen sich PV-Module installieren. Das hält gleichzeitig UV-Strahlung ab – ein doppelter Klimaeffekt auf einer Fläche. Dachdeckermeister Jörg Ewald setzt das Konzept des Solargründachs seit vielen Jahren um, auch im Bestand. Warum er das Thema für unterschätzt hält – und wie Betriebe sich aufstellen müssen, um es anzubieten.

Die Zahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad hat sich in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren vervierfacht, wie Meteorologe Karsten Schwanke unlängst im Interview der Deutschen Handwerks Zeitung sagte. Gleichzeitig fällt Regen intensiver und konzentrierter. Städte stehen damit unter doppeltem Druck: Hitzestress und Überflutungsgefahr nehmen zu.
Der Bundesverband Gebäude-Grün (BuGG) verweist deshalb auf Dach- und Fassadenbegrünungen als wirksame Maßnahme zur Klimaanpassung. Gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst hat der BuGG für die Stadt Essen eine Modellanalyse erstellt. Sie ergab, dass Orte mit hohem Anteil an Dachbegrünung von einer Abkühlung um 0,7 Kelvin profitieren. Meteorologe Schwanke bestätigt die Wirksamkeit sowohl von Dach- als auch von Fassadenbegrünungen: Sie könnten viel bewirken, um Hitze aus Gebäuden fernzuhalten. Noch wichtiger seien Bäume, die durch Wasserverdunstung ihre Umgebung weit über den reinen Schattenwurf hinaus abkühlen.
Solargründach: Weiterbildung für Zukunftstechnologie in der Ausbildung
Neben dem Hitzeschutz spielen begrünte Dächer eine zentrale Rolle beim Wasserrückhalt. Laut BuGG speichern sogenannte Retentionsgründächer Niederschlagswasser in einer speziellen Schicht und geben es zeitverzögert ab. Das entlastet die Kanalisation und reduziert den Bedarf an großen Rohrdimensionierungen und zusätzlichen Rückhaltebecken. Bei einer höheren extensiven Dachbegrünung mit 16 Zentimetern Aufbau werden laut dem Verband 70 Prozent eines Starkregens nicht abgeleitet.
Für Dachdeckerbetriebe liefert eine gemeinsame Umfrage des BuGG mit dem Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) ein handfestes Argument: Unter einem Gründach hält die Dachabdichtung demnach in rund 55 Prozent der Fälle mehr als 20 Jahre bis zur ersten größeren Reparatur. Zum Vergleich: Bei ungeschützten Dachabdichtungen liegt dieser Anteil bei nur rund 25 Prozent. Pflanzen schützen die Abdichtung vor extremer Hitze, UV-Strahlung und Hagelschlag.
Meteorologe Schwanke sieht in der Klimaanpassung ein erhebliches Auftragsvolumen für das Handwerk: "Das ist eine gigantische Aufgabe. Dem Handwerk werden die Aufträge in Zukunft ganz sicher nicht ausgehen", sagte er im Interview mit der DHZ. Genau diese Entwicklung zeigt sich auch in der Nachfrage an Fortbildungen wie der "Solargründach-Weiterbildung" des ZVDH (siehe Infokasten unten). Um diese Zukunftstechnologie im Dachdeckerhandwerk zu etablieren, setzt der Verband auf eine gezielte Weiterbildung für Ausbilderinnen und Ausbilder in überbetrieblichen Bildungsstätten (ÜBL) und Lehrkräfte an Berufsschulen. Sie sollen qualifiziert werden, um das notwendige Know-how an Auszubildende weiterzugeben.
Solargründach: Begrünte Dächer doppelt nutzen
Ein Solargründach kombiniert Photovoltaik mit Dachbegrünung. Dabei werden auf einem Gründach PV-Module auf etwas höheren Ständern aufgebaut und man kann die Dachflächen doppelt nutzen. In der Regel erfolgt dies auf Flachdächern und Dächern mit einer Neigung unter 30 Prozent. So kann man Strom erzeugen und gleichzeitig das Mikroklima am eigenen Haus verbessern – mit einem Schutz gegen Hitzestau, einem Schutz der Bausubstanz und zur Förderung der Artenvielfalt.
Das Thema Solargründach ist allerdings auch bereits in der Praxis angekommen – wenn auch noch eher wenig verbreitet. "Es ist – wenn dann – ein Thema bei Neubauten, aber im Bestand werden Solargründächer noch viel zu oft von Bauherren und Betrieben als zu kompliziert angesehen", sagt Dachdeckermeister Jörg Ewald. Mit seinem Betrieb in Hannover setzt er sich bereits seit vielen Jahren dafür ein, die Dachbegrünung und speziell Solargründächer im Bestand zu realisieren.
Solargründach: Aufklärungsarbeit ist notwendig
"Kompliziert" findet er das Zusammenspiel von Photovoltaik und Dachbegrünung keineswegs – vorausgesetzt, die Gewerke arbeiten zusammen. Sein Modell: Der Dachdecker führt als Vertragspartner des Kunden durch das Projekt, prüft die Statik und montiert die PV-Anlage auf dem Dach. Für die Begrünung kann er sich feste Kooperationspartner aus dem Gartenbau an die Seite holen, für elektrotechnische Anschlussarbeiten kooperiert er mit Partnern aus dem Elektrohandwerk. "So entsteht ein Gesamtpaket, ohne dass jeder Betrieb alles selbst können muss", so der Handwerksmeister.
Jörg Ewald hat beim Aufbau von Solargründächern bereits viel Erfahrung sammeln können. Er weiß, dass es vor allem Aufklärungsarbeit erfordert, um das Thema voranzubringen. "Vor allem wenn wir über den Hitzeschutz sprechen und den Schutz gegen Starkregen, ist vielen noch nicht klar, was Gründächer dabei leisten können." Vom Mehrfachnutzen durch eine PV- oder Solarthermie-Anlage auf dem begrünten Dach ganz zu schweigen. Denn das Potenzial der ungenutzten Dachflächen werde meistens schlicht übersehen.
Angefangen hat der Dachdeckermeister einst auf dem eigenen Hausdach – zunächst mit einer Dachbegrünung und später mit der Installation einer PV-Anlage auf dieser Fläche. Schon seit dem Jahr 2000 bilden Solargründächer einen Schwerpunkt seines Betriebs. Dass das Thema verstärkt auch Eingang in die Aus- und Weiterbildung findet, nennt er als "ultrawichtig", um Fortschritte in der Praxis zu erzielen und auch über die Bedeutung für die Klimafolgenanpassung zu informieren.
Kosten sparen mit dem Solargründach
Gebäudebesitzerinnen und -besitzer würden oftmals die Vorteile noch deutlich unterschätzen. "Wir sprechen über Tropennächte und wie stark die Hitze zum Problem wird. Gerade jetzt müssen mehr Menschen wissen, wie gut eine Dach- und Fassadenbegrünung das Haus nachts herunterkühlen kann und wie sie das Gebäude vor dem Aufheizen schützt", sagt der Fachmann. Zusätzlich könnten Solarmodule dazu beitragen, UV-Strahlen von den Flächen abzuhalten. Das bietet einen weiteren Effekt zur Kühlung mit doppeltem Nutzen durch die Produktion von Strom oder auch Warmwasser.
"Einen finanziellen Vorteil hat das Ganze außerdem, denn man schützt auch das Dach an sich. Es hält doppelt so lange, wenn UV-Strahlen, Hagel und starke Regengüsse von der Begrünung abgehalten werden", sagt Jörg Ewald. Vielerorts sparen sich Eigentümerinnen und Eigentümer außerdem Gebühren für das sogenannte Niederschlagswasser und können Zuschüsse bekommen, wenn sie ein Gründach oder ein Solargründach bauen lassen.
Zukunftstechnologie Solargründach: 5 Fragen an den ZVDH
Für das Dachdeckerhandwerk sind Fragen rund um Klimaanpassungsmaßnahmen und wie man baulich etwas dafür leisten kann zentral. Das findet auch Berücksichtigung in der Aus- und Weiterbildung. Rolf Fuhrmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des ZVDH, ZVDH-Vizepräsident Jan Voges sowie Dr. Friederike Rausch-Berhie, Abteilung Berufsbildungsforschung und Berufsbildungsmonitoring beim Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), geben Antworten auf Fragen zur "Solargründach-Weiterbildung".
1. Warum braucht es eine Weiterbildung zum Thema Solargründach?
Voges: Investitionen in Klimaanpassungsmaßnahmen führen zu einem größeren Bedarf an Fachkräften vor allem in der Baubranche. Das zeigen eine Szenarioanalyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und auch Studien des Umweltbundesamts. Zu Klimaanpassungsmaßnahmen gehören u. a. die Modernisierung von Gebäuden, der Umbau von Forst- und Landwirtschaft, aber auch die Begrünung von urbanen Räumen. Vor allem in dicht besiedelten Gebieten ist die Begrünung von Gebäuden eine Möglichkeit. In der letzten Hitzephase haben wir wieder gesehen, wie wichtig es ist, dass wir als Gesellschaft uns besser vorbereiten und schützen. Gerade bei den Berufen der Baubranche bemerken wir jedoch schon jetzt einen Fachkräftemangel, der eine Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen erschweren kann. Umso wichtiger ist, dass die vorhandenen Fachkräfte fachlich gut qualifiziert sind. Dazu möchte die Solargründach-Weiterbildung, die vom ZVDH und dem BuGG entwickelt wurde, einen kleinen, aber entscheidenden Beitrag leisten.
2. Wie groß ist das Interesse an der Weiterbildung?
Rausch-Berhie: Das Interesse ist ausgesprochen hoch. Bereits mit den ersten Weiterbildungsterminen haben wir nach unseren Schätzungen 30 bis 60 Prozent der beiden Zielgruppen erreicht – also der Ausbilderinnen und Ausbilder an überbetrieblichen Bildungsstätten sowie der Berufsschullehrkräfte im gesamten Dachdeckerhandwerk. Für ein Pilotprojekt ist das ein bemerkenswerter Wert. Die Zufriedenheit ist entsprechend: 88 Prozent der Teilnehmenden bescheinigen der Weiterbildung eine verständliche Vermittlung der Fachinhalte, 93 Prozent bestätigen, dass offene Fragen geklärt wurden. Bemerkenswert ist auch: Für fast drei Viertel der Lehrenden war das Solargründach ein neues bzw. relativ neues Thema. Genau hier setzen wir an.
3. Welche Relevanz bekommt das Thema in Zukunft?
Voges: Das Solargründach verbindet zwei zentrale Zukunftsaufgaben: Klimaschutz durch Photovoltaik und Klimaanpassung durch Dachbegrünung – Stichwort Hitzeschutz, Regenwasserrückhalt, Biodiversität und Verbesserung des Stadtklimas. Gerade in verdichteten Innenstädten wird das Dach zur entscheidenden Fläche für Kühlung und Wassermanagement. Unsere Lehrenden sehen das genauso: 89 Prozent sind überzeugt, dass Dachdeckerinnen und Dachdecker einen wichtigen Beitrag zur Klimaanpassung leisten – und ebenso viele erwarten daraus neue Kundenaufträge für die Betriebe. Das Dachdeckerhandwerk ist damit eines der Schlüsselgewerke der klimaangepassten Stadt. Da mit Hitzephasen und Starkregenereignissen zünftig vermehrt zu rechnen ist, kann von einer größeren Nachfrage ausgegangen werden.
4. Wie stark ist das Thema in der Aus- und Weiterbildung verankert?
Fuhrmann: Das Dachdeckerhandwerk hat hier frühzeitig die Weichen gestellt: Themen wie Dachbegrünung und die Montage von Solaranlagen sind bereits spätestens seit der Novellierung der Ausbildungsordnung 2016 fester Bestandteil der Ausbildung. Das spiegelt sich in der Praxis wider: Photovoltaik wird nach Angaben der Lehrenden nahezu flächendeckend behandelt – 90 Prozent der Berufsschullehrkräfte und 78 Prozent der Ausbilderinnen und Ausbilder greifen das Thema auf. Solargründächer werden von rund zwei Dritteln der Lehrenden thematisiert.
Jetzt geht es um den nächsten Schritt: die Vertiefung. Hier fehlt es vor allem an der praktischen Umsetzungskompetenz, denn bisher werden die Themen vor allem theoretisch behandelt. Über 90 Prozent der befragten Lehrenden sprechen sich dafür aus, das Solargründach in den Ordnungsmitteln und Lehrplänen noch stärker zu verankern – insbesondere bei der praktischen Umsetzungskompetenz der Auszubildenden, in den überbetrieblichen Unterweisungsplänen und perspektivisch auch in den Prüfungen. Deshalb entwickeln wir das Weiterbildungsformat weiter – in Richtung Blended Learning mit mehr Praxisanteilen, Solargründach-Modellen an den Bildungsstätten und Lehr- und Lernmaterialien direkt für die Auszubildenden.
5. Wie reagieren die Betriebe?
Voges: Die Betriebe erkennen zunehmend das Marktpotenzial – Klimaanpassung ist ein Wachstumsfeld mit konkreten Aufträgen. In der betrieblichen Ausbildungspraxis kommt das Thema naturgemäß dort an, wo entsprechende Kundenaufträge vorliegen; hier wächst der Anteil mit dem Markt. Umso wichtiger ist die Rolle der überbetrieblichen Ausbildung und der Berufsschulen, die sicherstellen, dass alle Auszubildenden diese Zukunftskompetenzen erwerben – unabhängig vom Auftragsprofil ihres Betriebs.
Die hier genannten Zahlen stammen aus der wissenschaftlichen Begleitung der Solargründach-Weiterbildung, für die sowohl die Teilnehmenden der Weiterbildung als auch Auszubildende durch das BIBB befragt wurden. Ein ausführlicher Abschlussbericht wird bald auf der Webseite des UBA zugänglich sein.