Lebenswege Nach Coming-out schmiedet Lisa ihr Glück

Nach jahrzehntelanger Identitätskrise bekennt sich Schlossermeisterin Elisabeth Metzger offen zu ihrer Weiblichkeit. Bei Höflmeir, einem Fachbetrieb für Haustechnik in Berkheim, hat sie nach ihrem Coming-out eine berufliche Heimat gefunden.

Elisabeth Metzger am Amboss
Am Amboss glühendes Eisen zu formen, geht bei Lisa Metzger wesentlich schneller, als das eigene Glück zu schmieden. Aber auch das hat sie geschafft. - © Andreas Reiner

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. An dem Tag, als der Sänger Udo Jürgens starb, erwachte Elisabeth Metzger in einem Münchener Krankenhaus aus der Narkose. Während ihr großes Idol für immer von der Bühne abtrat, fühlte sie sich wie neu geboren. Für Elisabeth begann ihr neues Leben schon mit 54. Bis dahin war sie Ewald, hatte als Schlossermeister den Handwerksbetrieb des Vaters übernommen, fühlte sich aber nicht wohl in ihrer Haut. Heute fühlt sie sich als Frau am lebendigsten, wenn sie in der heimischen Werkstatt das Schmiedefeuer schürt.

Elisabeth Metzger, die alle nur Lisa nennen, hat ihre Rolle im Leben gefunden. Nach Jahren der Selbstzweifel, der inneren Zerrissenheit und der Angst, bei ihren heimlichen Fluchten aus dem angestammten Rollenbild entdeckt zu werden. Inzwischen sagt sie: "Ich bin glücklich und liebe mein Leben."

Film porträtiert Menschen nach dem Coming-out

Als eine der Protagonistinnen im Dokumentarfilm "Denn dieses Leben lebst nur Du" gibt Lisa Metzger Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt während der Transition, dem Wandel vom Mann zur Frau, von einem Geschlecht zum anderen. Regisseur Douglas Wolfsperger setzt das Thema in den Kontext der katholisch-konservativ geprägten Gesellschaft Oberschwabens.

Schon früh bemerkt Ewald, dass mit ihm etwas nicht stimmt, erinnert sich Lisa an ihr Alter Ego. Der kleine Junge spielt gern mit Puppen, bewundert die Röcke der Mädchen. Der Drang, in Frauenkleider zu schlüpfen, um sich wohlzufühlen, wird ihn Jahrzehnte ebenso begleiten wie die Furcht, dabei erwischt zu werden.

Intersexuell zur Welt gekommen

Was Lisa lange nicht wusste: Sie wurde mit dem Klinefelter-Syndrom geboren, bei dem ein zusätzliches X-Chromosom weibliche Körpermerkmale fördert. Aus heutiger Sicht gilt sie medizinisch als intersexuell. Aber 1960 waren andere Zeiten.

Filmplakat
© Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Von außen betrachtet, verläuft Ewalds Leben in gewohnten Bahnen. Eine Kindheit zwischen Schule, väterlicher Werkstatt und sonntäglichem Kirchgang in Rot an der Rot. Der prachtvolle Klosterkomplex mit der ehemaligen Abteikirche St. Verena prägt bis heute das Dorf an der oberschwäbischen Barockstraße.

"Mein Urgroßvater war Braumeister im Kloster", erklärt Lisa die Verwurzelung ihrer Familie in Rot. Nach dem Krieg gründete ihr Vater Max Metzger eine Kunstschlosserei im Ort. Schmiede­arbeiten aus der Werkstatt haben es bis ins Gartenhaus von Schloss Windsor oder auf Schloss Linder­hof geschafft. In den besten Zeiten beschäftigte der Betrieb bis zu acht Angestellte plus Lehrling.

Auch Ewald absolviert hier seine Schlosserlehre, bildet sich später zum Heizungs- und Wasserinstallateur weiter und muss nach dem frühen Tod des Vaters schon vor seinem 30. Geburtstag Verantwortung übernehmen.

Auf der Meisterschule Horizont erweitert

Auf der Meisterschule in Ulm öffnet sich dem jungen Mann eine neue Welt. Im gewerkeübergreifenden Teil lernt er einen schwulen Konditor kennen und eine Damenschneiderin, die seine Verunsicherung spürt. "Sie sagte, dass ich keine Angst haben muss, mich als Frau zu zeigen. Aber ich habe mich nicht getraut aus Furcht, meine Mutter würde das nicht verkraften", erinnert sich Lisa.

Sie bleibt gefangen in ihrem Gefühlschaos. Einem Doppelleben zwischen einer vermeintlich gesellschaftlichen Norm und der Sehnsucht, Frau sein zu dürfen. Halt findet sie im Glauben, vertraut sich dem Pfarrer an, der anders als befürchtet zu ihr steht. "Es gibt keinen strafenden Gott. Es gibt nur einen liebenden Gott", ist Lisa überzeugt. Aber bis sie sich offen zu ihrer Weiblichkeit bekennt, vergehen weitere Jahre.

Jahre, in denen Ewald nicht nur den Handwerksbetrieb führt. Er spielt im Musikverein Trompete, engagiert sich ehrenamtlich als Schöffe am Amtsgericht Ravensburg und im Kirchgemeinderat, lässt sich sogar in Würzburg zum Diakon ausbilden.

Und er verliebt sich in eine Frau. Wiesia und Ewald werden ein Paar mit dem Segen der kranken Mutter, bald feiern sie Hochzeit.

Wendepunkt im Leben mit Coming-out

Wiesia wird zum Wendepunkt in Ewalds Leben. Als sie die Frauenkleider in seinem Auto entdeckt, vermutet sie eine Nebenbuhlerin und stellt ihren Mann zur Rede. "Ich bin in Tränen ausgebrochen und habe ihr alles gebeichtet", schildert Lisa ihre damaligen Emotionen. Zu ihrer Überraschung reagiert Wiesia mit Verständnis.

Im Schutz der Privatsphäre verwandelt sich Ewald allmählich in Elisabeth. Den Namen suchen sie gemeinsam aus: Elisabeth, die Gottgeweihte, Mutter von Johannes dem Täufer. "Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht geschafft", betont Lisa, "ich bin Wiesia unendlich dankbar."

Lisa Metzger und Heinz Höflmeir
Heinz Höflmeir hat ohne zu zögern Lisa Metzger ­einen Job im Kundendienst ­seines SHK-Betriebes angeboten. - © Andreas Reiner

Noch stehen aber wichtige Schritte bevor: Das Coming-out im Musikverein, das sich wie ein Lauffeuer im Dorf herumspricht, juristische Formalitäten, medizinische Eingriffe. Und die Suche nach einer Anstellung, denn im Geschäft läuft es nicht rund. Lisa ist Praktikerin mit Meisterbrief und EU-Schweißerpass, doch die Büroarbeit liegt ihr nicht. Ihre fachliche Qualifikation schätzen auch die Unternehmen, bei denen sie sich bewirbt. Trotzdem blitzt sie überall ab. Bis sie beim SHK-Betrieb Höflmeir in Berkheim vorspricht. "Ich war anfangs etwas skeptisch, ob die Mitarbeiter Lisa akzeptieren. Aber es gab nie Diskussionen, die Kollegen schätzen ihre Erfahrung", blickt Heinz Höflmeir zurück, der Lisa ohne zu zögern eine unbefristete Stelle im Kundendienst angeboten hat.

Bei den Lehrlingen beliebt

Inzwischen arbeitet Lisa seit gut zehn Jahren bei der Firma Höflmeir, die von Stephan Neher geleitet wird. Er führt den Betrieb im Sinne seines Schwiegervaters und Firmengründers weiter. Viele langjährige Mitarbeiter zeugen vom guten Betriebsklima. Das wird auch bei der Filmpremiere in Biberach deutlich, bei der die rund 30-köpfige Belegschaft geschlossen den Auftritt ihrer Kollegin verfolgt. "Besonders beliebt ist Lisa bei unseren Lehrlingen, weil Lisa immer freundlich zu ihnen ist und weil sie viel von ihr lernen können", sagt Heinz Höflmeir.

Demnächst feiert Lisa ihren 66. Geburtstag. Die Regelaltersgrenze für die Rente rückt näher. Aber wie sang einst ihr Idol? Mit 66 ist noch lange nicht Schluss. Als Aktivrentnerin will Lisa bei Höfl­meir weitermachen. Mit weniger Stunden, damit mehr Zeit für das Schmieden bleibt – nicht nur am eigenen Glück.