Buntes Handwerk beim CSD Frankfurt "Wir brauchen keine Schubladen – außer für unser Werkzeug"

Nicht jeder im Handwerk ist der zwei Meter große Bulle: Der Verein Buntes Handwerk warb beim CSD in Frankfurt mit einem Doppeldecker-Truck für mehr Vielfalt. Betonbauer Ralf Keßler ist überzeugt: Wer sich willkommen fühlt, gibt 120 Prozent – und das zahlt sich für den Betrieb aus.

Gemeinsam gebaut, gemeinsam gefeiert: der Truck von Buntes Handwerk beim CSD in Frankfurt. - © DHZ

Wer bei "bunt" nur an Regenbogenflaggen denkt, greift zu kurz. Maren Kogge, Initiatorin des Vereins Buntes Handwerk e. V., stellt klar: "Wir meinen alle sieben Dimensionen von Vielfalt. Das heißt unter anderem Ethnizität, Religion, Menschen mit Behinderung, Altersdiversität und natürlich sexuelle Orientierung." Der Verein will den Blick weiten – weg von reinen Berufskampagnen, hin zu den Menschen dahinter: "In Handwerkskampagnen reden wir immer wieder über die mehr als 130 vielfältigen Handwerksberufe. Aber wir müssen auch über die Menschen sprechen, die jeden Tag im Handwerk arbeiten".

Auch Betonbauer Ralf Keßler, Mitglied im Verein, betont: "Natürlich geht es auch um queere Sichtbarkeit, aber nicht nur. Vielfalt verstehe ich auf ganz verschiedenen Ebenen." Angesprochen fühlen darf sich jeder, "der schon mal das Gefühl hatte, in der Minderheit zu sein. Anders als die anderen."

Von der Idee zum bundesweiten Verein

Die Geschichte von Buntes Handwerk beginnt 2023 – und ziemlich hemdsärmelig. Kogge erinnert sich: "Ich hatte damals die Idee, war sehr blauäugig und naiv, habe einen Truck gemietet und einen Instagram-Aufruf gestartet: Handwerkende aus ganz Deutschland, kommt vorbei!" Genug "Verrückte" kamen; aus der Aktion wurde eine Initiative, dann ein gemeinnütziger Verein. Heute gibt es laut Kogge in acht Bundesländern regelmäßige Stammtische, dazu Auftritte auf Messen und Events. "Wir leisten echte Pionierinnenarbeit, denn im Handwerk hat das vor uns niemand gemacht."

Warum Vielfalt ein Betriebsthema ist

Ralf Keßler findet klare Worte in Richtung Betriebsinhaber: "Sorgt für eine gute Arbeitsatmosphäre. Dafür, dass die Leute sich wohlfühlen." Sein Argument ist nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich: "Wer das Gefühl hat, willkommen zu sein, sich einbringen zu können und gesehen zu werden, gibt doch liebend gern 120 Prozent. Und das ist ein absoluter Gewinn für jede Firma."

Die Kehrseite kennt er auch: Wer morgens überlegt, ob er sich lieber krankschreiben lässt, "weil ich den ganzen Tag auf der Baustelle nur Scheiße kriege", läuft bestenfalls auf 80 Prozent. Im schlimmsten Fall werfen die Leute ganz hin – besonders Azubis. "So viele Leute hören schon in der Ausbildung auf. Und nicht, weil sie Waschlappen sind, sondern weil sie keinen Bock haben, sich fertigmachen zu lassen."

Content-Creator und Tischler Ben Berger mitten im Getümmel. - © DHZ

Rauer Ton ist nicht gleich Handwerk

Maren Kogge kennt den rauen Umgangston auf Baustellen aus eigener Erfahrung. Seit zehn Jahren selbstständig, hat sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der eigenen Werkstatt stets einen Safe Space geboten. "Aber ich habe gemerkt: Auf Großbaustellen herrscht ein anderer, ein rauer Ton." Ihr Fazit: "Doch das ist nicht das Handwerk."

Keßler wird konkret: "Wenn blöde Sprüche gegen queere Menschen hageln. Oder wenn abwertend über Menschen mit Behinderung geredet wird. Oder wenn Azubis jeden Tag kleingemacht werden. Das prägt sich ein." Stattdessen brauche es Chefs, die dafür sorgen, "dass man motiviert dabeibleibt und die Arbeit gern macht."

Willkommen reicht nicht – es braucht Zugehörigkeit

Für Betriebe, die Fachkräfte halten wollen, hat Kogge eine zentrale Botschaft: "Wir brauchen in Handwerksbetrieben nicht nur eine Willkommenskultur, wir brauchen Zugehörigkeit, ein Belonging." Der Grund ist praktisch: "Wir verbringen jeden Tag sieben, acht Stunden zusammen. Da möchte ich respektvoll behandelt werden und gern Zeit mit den Menschen verbringen." Dazu gehöre auch, offen erzählen zu können, mit wem man das Wochenende verbringt – "und nicht so viel Energie darauf zu verschwenden, mich immer wieder selbst zu kodieren."

Respekt fängt laut Kogge im Kleinen an: "Dass ich Menschen so anspreche, wie sie angesprochen werden möchten. Und wenn jemand sich Pronomen gibt oder seinen Namen ändert, dass ich das respektiere."

Das Handwerksbild erneuern

Beide machen deutlich: Das alte Bild vom Handwerker hat ausgedient. Keßler sagt: "Es muss nicht jeder ein zwei Meter großer, breiter, starker Bulle sein. Wir brauchen auch filigran arbeitende Menschen. Leute, die gute Maschinen bedienen können, die kreativ sind, denen Ideen und Lösungen einfallen."

Kogge will mit dem Verein genau das zeigen: "Wir brauchen keine Schubladen – außer für unser Werkzeug." Ihr Ziel: mehr junge Menschen fürs Handwerk begeistern. "Und wir müssen sie da abholen, wo sie stehen."

Gemeinsam statt gegeneinander

Von A wie Anlagenmechanikerin bis Z wie Zweiradmechanikerin – von nahezu jedem Gewerk war jemand beim CSD dabei. - © DHZ

Keßler betont, dass Vielfalt kein Minderheitenthema ist – auch die Mehrheit ist gefragt: "Menschen, die sich nicht als queer definieren oder die zur Mehrheit gehören – auch sie sind superwichtig, damit wir zusammenhalten." Sein Appell: "Ey, das ist mein Kollege. Den oder die machst du nicht blöd an. Wir sind ein Team, wir halten zusammen. Und dann rocken wir jede Baustelle."

Das Logo als Zeichen: offen für alle

Ein Nebeneffekt der Vereinsarbeit: Das Logo von Buntes Handwerk wird zunehmend von Betrieben genutzt. Keßler berichtet: "Viele unserer Mitglieder und andere Handwerksbetriebe haben gefragt: Können wir das auf die Website setzen, auf den Firmenwagen kleben oder an die Eingangstür?"

Die Botschaft dahinter sei klar: "Das heißt nicht, dass der ganze Laden queer ist. Es heißt, dass alle willkommen sind. Dass jeder willkommen ist und so sein darf, wie er möchte." Für Betriebe auf Fachkräftesuche kann ein solches sichtbares Bekenntnis ein echtes Signal sein.

Der Truck: Wenn Gewerke gemeinsam anpacken

Für Kogge war der Christopher Street Day (CSD) in Frankfurt eine Premiere: "Für mich ist es heute wirklich eine Premiere, weil wir zum ersten Mal in meiner Heimat sind, in Frankfurt am Main. Und das mit einem Doppeldecker." Zuvor war der Verein bereits in München und Köln unterwegs; in zwei Wochen folgt Hamburg.

Der Wagenbau selbst ist jedes Mal gelebte Handwerkskultur – und ein seltenes Erlebnis: "Wann arbeitet man schon mal mit anderen Gewerken zusammen?" Kogge schwärmt: "Ich schaue nach links – eine Elektrikerin, nach rechts eine Zimmerin, und dazu habe ich einen Konditor, eine Zweiradmechanikerin und eine Metallblasinstrumentenmacherin. Wir alle bauen an diesem Wagen." Von A wie Anlagenmechanikerin bis Z wie Zweiradmechanikerin – im Truck stecke "sehr, sehr viel Liebe zum Handwerk". Ihr Urteil: "Es ist einfach der schönste Truck von allen."

Oder wie Maren Kogge das Motto des Vereins auf den Punkt bringt: "Alle Hände gehören ins Handwerk."