Kolumne Sprechen Ihre Leute von "wir" – oder von "die Firma"?

Ob ein Team wirklich loyal ist, zeigt sich nicht im Mitarbeitergespräch, sondern im Alltag – zum Beispiel daran, ob Probleme früh angesprochen werden oder zuerst in der WhatsApp-Gruppe landen. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg nennt in ihrer DHZ-Kolumne konkrete Signale, an denen Betriebe die Bindekraft ihres Teams ablesen können.

Loyalität zeigt sich nicht im Imagefilm, sondern im Alltag: ob Mitarbeiter Probleme früh ansprechen – oder schweigen, bis es zu spät ist. - © Jelena – stock.adobe.com

Erdmännchen sind nicht die stärksten Tiere der Savanne. Aber sie haben etwas verstanden, woran viele Betriebe scheitern: Eine Gruppe bleibt nur stark, wenn jemand auf sie achtet. 

Während die einen graben, fressen oder die Jungen versorgen, steht eines wachsam da. Es schaut. Es lauscht. Kommt Gefahr, wird gewarnt. Nicht nach Aufforderung, nicht nach einem Teammeeting, nicht, weil irgendwo eine Aufgabe im Organigramm steht, sondern weil diese Gruppe Schutz verdient. 

Der Fachkräftemangel als Schutzplane

Genau hier beginnt ein Gedanke, der im Handwerk unbequem ist. Wer mit Betrieben über Fachkräftemangel spricht, hört fast immer dieselben Sätze. Man findet niemanden mehr. Die jungen Leute wollen nicht mehr arbeiten. Der Markt ist leergefegt. 

Ja, der Fachkräftemangel ist real. Wer das bestreitet, hat die Lage in vielen Gewerken nicht verstanden. Aber er wird manchmal als große Plane über Themen geworfen, die eigentlich im eigenen Betrieb liegen. Über Führung, über Kultur, über Kommunikation und über die Frage, ob Menschen sich so verbunden fühlen, dass sie bleiben, mitdenken, warnen und Verantwortung übernehmen. 

Dann reden wir nicht nur über Fachkräftemangel. Dann reden wir über Loyalität. 

Loyalität entsteht nicht durch Obstkorb und Hoodie

Loyalität entsteht nicht durch den Satz: Bei uns ist alles familiär. Sie entsteht nicht durch Obstkorb, Hoodie oder den nächsten Post mit Baustellenfoto. Loyalität entsteht, wenn Menschen erleben, dass sie dazugehören, dass ihre Arbeit gesehen wird, dass Klartext erlaubt ist und dass der Betrieb ihnen etwas zurückgibt. 

Woran erkennt ein Betrieb echte Loyalität?

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Woran merkt ein Betrieb, wie loyal sein Team wirklich ist? Nicht im Mitarbeitergespräch, wenn alle wissen, welche Antwort erwartet wird. Nicht im Imagefilm. Nicht auf der Karriereseite. Sondern im Alltag. 

Sprechen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von "wir", auch wenn Sie nicht im Raum sind? Oder reden sie von "die Firma", als wäre der Betrieb eine fremde Baustelle? Sprechen sie Probleme früh aus, oder landen sie zuerst in der WhatsApp-Gruppe? Halten sie schwierige Phasen gemeinsam aus, oder wird jede Reibung sofort zur inneren Kündigung? Warnen sie, wenn etwas kippt? 

Das sind keine weichen Faktoren. Das sind Hinweise auf die Bindekraft eines Betriebs. 

Der Unterschied zwischen Beschäftigung und Zugehörigkeit

Denn loyale Mitarbeiter sind nicht einfach nur Menschen, die bleiben. Sie denken mit. Sie sehen, wenn ein neuer Kollege nicht gut ankommt. Sie merken, wenn Abläufe knirschen. Sie sagen etwas, bevor aus kleinem Ärger ein großer Konflikt wird. Sie sprechen nicht, weil sie müssen. Sie sprechen, weil ihnen der Betrieb nicht egal ist. 

Genau das macht den Unterschied zwischen Beschäftigung und Zugehörigkeit. 

Das Erdmännchen steht nicht Wache, weil es dazu verdonnert wurde. Es tut es, weil die Gruppe ihm Schutz, Nähe und Zugehörigkeit gibt. Es schützt, was ihm selbst Halt gibt. 

Was geben Sie Ihren Leuten zurück?

Übertragen auf Betriebe heißt das: Mitarbeiter werden nicht loyal, weil auf der Homepage Werte stehen. Sie werden loyal, wenn diese Werte im Alltag spürbar sind. Wenn Führung hält, was sie verspricht. Wenn Fehler besprochen werden dürfen. Wenn Leistung gesehen wird. Wenn Menschen nicht nur als Hände, sondern als Teil des Betriebs behandelt werden. 

Bevor also der nächste Satz fällt: Wir finden einfach niemanden mehr, lohnt eine andere Frage. Was geben wir unseren Leuten zurück, das sie freiwillig beschützen würden? 

Diese Frage führt weiter als jede Klage über den Arbeitsmarkt. Denn den Fachkräftemangel kann ein Betrieb nicht allein lösen. Für Loyalität kann er aber selbst sorgen. Vielleicht braucht ein starker Betrieb am Ende nicht nur neue Leute. Vielleicht braucht er mehr Erdmännchen. Menschen, die wachsam sind, mitdenken, warnen und bleiben, weil sie wissen: Diese Gruppe lohnt sich. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.