Weiterbildung, Strategie, KI: All das rutscht im Betriebsalltag schnell nach hinten. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erklärt in ihrer DHZ-Kolumne, warum dieser eine Satz mehr über die Verfassung eines Betriebs aussagt, als vielen Inhabern lieb sein dürfte – und was nach ihrem Besuch der HeroCon hängenbleibt.

Es gibt einen Satz, der im Handwerk oft sehr vernünftig klingt. "Dafür haben wir gerade keine Zeit." Gemeint sind dann meistens Weiterbildung, Strategie, Führung, Digitalisierung, KI, Mitarbeitergewinnung oder Arbeitgebermarke. Also genau die Bereiche, von denen viele Betriebe längst wissen, dass sie wichtig sind.
Aber der Alltag ist voll. Kunden warten, Baustellen laufen, Angebote müssen raus, das Team hat Fragen, Material fehlt und schon rutscht alles nach hinten, was nicht sofort brennt.
Nach meinem Besuch des Handwerk-Events "HeroCon" bleibt für mich genau deshalb ein Gedanke besonders hängen: Wer am Betrieb arbeiten will, braucht Orte außerhalb des Betriebs.
Was Dachdecker und Bäcker gemeinsam haben
Denn die großen Fragen im Handwerk hören nicht an der Grenze eines Gewerkes auf. Ein Dachdeckerbetrieb denkt über Mitarbeitergewinnung nach, eine Bäckerei über Führung, ein SHK-Betrieb über Prozesse, ein Elektrobetrieb über Nachfolge und ein Steinmetzbetrieb über Sichtbarkeit. Im Alltag sehen sie unterschiedlich aus, aber viele Grundfragen ähneln sich.
Wie bleiben wir als Arbeitgeber attraktiv? Wie gewinnen wir gute Leute? Wie führen wir klarer? Wie nutzen wir KI sinnvoll? Und wie schaffen wir es, nicht nur im Betrieb zu funktionieren, sondern am Betrieb zu arbeiten?
Auf der HeroCon trafen vor allem Menschen aufeinander, die genau diesen Blick zulassen. Nicht die Haltung "Das haben wir immer so gemacht" prägte die Gespräche, sondern die Bereitschaft, sich mit Veränderung zu beschäftigen. Manche standen noch am Anfang, andere waren längst unterwegs. Aber alle hatten eines gemeinsam: Sie hatten sich bewusst Zeit genommen.
Und genau darin liegt der Punkt. Weiterentwicklung passiert nicht, wenn zufällig noch Platz im Kalender ist. Sie passiert, wenn man ihr Platz gibt.
KI muss in den Alltag übersetzt werden
Besonders sichtbar wurde das beim Thema KI. Ja, KI ist überall im Gespräch. Aber im Betriebsalltag ist sie noch längst nicht angekommen. Für viele Handwerksbetriebe geht es nicht sofort um große Automatisierung oder komplexe Systeme. Es geht zuerst um praktische Grundlagen: Welche KI kann mir wobei helfen? Wie stelle ich gute Fragen? Wie nutze ich sie für Texte, Prozesse, Stellenanzeigen, Kommunikation oder Qualität?
Das zeigt: Das Handwerk braucht nicht nur große Zukunftsbegriffe. Es braucht Übersetzung in den Alltag. Konkrete Anleitungen, verständliche Beispiele und Impulse, aus denen Betriebe selbst etwas machen können.
Auch das war auf der HeroCon spürbar. Nicht jede Antwort lag fertig auf dem Tisch. Aber es gab viele Gelegenheiten, die eigenen Fragen mitzunehmen – in Vorträge, in Workshops, in Diskussionen oder in ein Gespräch bei einem Kaffee. Manchmal entsteht der stärkste Gedanke nicht auf der Bühne, sondern in einer Pause, wenn jemand sagt: "Das kenne ich. Fang doch genau dort an."
Am Betrieb arbeiten – nicht nur im Betrieb
Wer sich solche Gelegenheiten nicht nimmt, verpasst nicht einfach ein Event. Sondern einen Raum, in dem man Abstand zum eigenen Betrieb gewinnt. Und dieser Abstand ist kein Luxus. Er ist Teil moderner Unternehmensführung. Natürlich kann man weiter sagen: "Dafür haben wir gerade keine Zeit." Aber vielleicht zeigt genau dieser Satz, wo ein Betrieb gerade steht. Wer keine Zeit hat, sich weiterzuentwickeln, wird vom Tagesgeschäft geführt. Nicht vom eigenen unternehmerischen Anspruch.
Am Ende bleibt für mich dieser Satz: Wer am Betrieb arbeiten will, muss manchmal raus aus dem Betrieb. Nicht für immer. Nicht aus Flucht vor dem Alltag. Sondern um mit mehr Klarheit zurückzukommen.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.