Orthopädietechnik Unbekannter Beruf, wachsender Bedarf: Die OT sucht Azubis

Beach-Volleyball am Schladitzer See, Sonnenuntergang, Nachwuchs aus ganz Deutschland – so sah die Jugendakademie im Rahmen der Weltleitmesse OTWorld aus. Viele der Teilnehmer sind durch persönliche Zufälle in die Orthopädietechnik geraten, eine Branche, die kaum jemand kennt. Dabei wächst der Versorgungsbedarf – doch wer in die Branche findet, stößt schnell auf ein strukturelles Problem.

Beach-Volleyball am Schladitzer See – ein entspannter Grillabend im Rahmen der Jugendakademie vernetzte Nachwuchskräfte der Orthopädietechnik aus ganz Deutschland.
Beach-Volleyball am Schladitzer See – ein entspannter Grillabend im Rahmen der Jugendakademie vernetzte Nachwuchskräfte der Orthopädietechnik aus ganz Deutschland. - © Jens Schlueter/BIV-OT

Abitur, duales Studium der Betriebswirtschaft und Logistik, Planung des Schienengüterverkehrs zwischen Asien und Europa, und dann Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker: Steffen Meiners’ Weg ins Handwerk ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, lässt sich aber erklären: "Der Betrieb gehört dem Vater meiner Freundin, ich habe die Perspektive, ihn in den nächsten Jahren zu übernehmen", so der 27-Jährige. "Außerdem hatte ich vor sechs Jahren einen schweren Unfall, durch den mein rechtes Sprunggelenk versteift ist. Ich war also selber Kunde in dem Bereich."

Ohne die privaten Bezugspunkte wäre er wohl nie darauf gekommen, zum Orthopädietechniker umzuschulen. In einer Branche, die viele junge Leute überhaupt nicht kennen, hängt die Nachwuchsakquise mitunter von Zufällen ab.

Kleine, aber wichtige Orthopädietechnik

Trotz der Konjunkturschwäche leiden viele Handwerksbetriebe unter Fachkräftemangel. In absoluten Zahlen fehlt der meiste Nachwuchs in großen Branchen wie dem Bauhaupt- und nebengewerbe oder in den Lebensmittelgewerken.

Einer der größten Ausbilder ist das Kfz-Handwerk, 2025 starteten hier laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung 24.500 Personen ihre Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. 1.000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt.

1.000 Ausbildungsplätze unbesetzt

Angesichts der Kfz-Dimensionen erscheinen die 66 unbesetzten Ausbildungsplätze zum Orthopädietechnik-Mechaniker vernachlässigbar. 567 Auszubildende unterschrieben ihren Vertrag. Prozentual gesehen blieb damit aber mehr als jeder zehnte Ausbildungsplatz unbesetzt. "Die Ausbildungszahlen stagnieren, während die Gesellschaft älter wird und der Versorgungsbedarf steigt. Das passt nicht zusammen", warnt Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädietechnik. "Wenn wir heute nicht mehr junge Menschen für die Orthopädietechnik gewinnen, fehlen morgen die Fachkräfte, die in jahrelanger Aus- und Weiterbildung gelernt haben, ohne Operation und ohne Arzneimittel wirksame Lösungen für nahezu alle Krankheitsbilder des Bewegungsapparates zu entwickeln."

"Wenn wir heute nicht mehr junge Menschen für die Orthopädietechnik gewinnen, fehlen morgen die Fachkräfte, die in jahrelanger Aus- und Weiterbildung gelernt haben, ohne Operation und ohne Arzneimittel wirksame Lösungen für nahezu alle Krankheitsbilder des Bewegungsapparates zu entwickeln."

Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädietechnik
Ausbildung mit Blick auf die Betriebsübernahme: Steffen Meiners plant seinen Weg als Orthopädietechniker sehr bewusst.
Ausbildung mit Blick auf die Betriebsübernahme: Steffen Meiners plant seinen Weg als Orthopädietechniker sehr bewusst. - © Kim Langbein


In den Werkstätten und Sanitätshäusern fehlen schon heute Fachkräfte, um den Bedarf zu decken. Wer Personal braucht, muss es selber ausbilden. "Aber wenn man dann Auszubildende findet, genügen oftmals ihre schulischen Leistungen nicht, um selbst einfache Berechnungen zu schaffen", stellt Thomas Münch fest.

Der Diplom-Orthopädietechnikmeister aus Duisburg setzt sich seit Jahrzehnten für die Ausbildung in seinem Gewerk ein. Als diesjähriger Kongresspräsident der OTWorld – ein Megaevent der Branche mit Weltleitmesse und internationalem Kongress – hat Münch bewusst einen Schwerpunkt auf Nachwuchs und Qualifikation gesetzt. Teilnehmer diskutierten auf Symposien über Ausbildung, digitale Modelle, die Zukunft des Meisters und akademische Perspektiven. Für den Branchennachwuchs gab es außerdem eine eigene Jugendakademie. Auszubildende und Studierende aus Orthopädietechnik, Orthopädieschuhtechnik, Physiotherapie und Medizin kamen dafür nach Leipzig.

Thomas MünchDiplom-Orthopädie-technikmeister
Thomas Münch
Diplom-Orthopädie-technikmeister - © BIV-OT

Blick über Tellerrand der Orthopädietechnik

Auch Steffen Meiners war dort: "Die Workshops, aber auch das große Zusammentreffen am Schladitzer See, waren eine super Möglichkeit, um über den Tellerrand zu schauen und Kontakte zu knüpfen", zieht er ein positives Fazit.

Dass sein neuer Beruf ihm gefällt, musste ihm ohnehin niemand mehr sagen. Die Mischung aus anspruchsvoller Materialkunde, hochmoderner Digitalisierung, handwerklicher Arbeit und dem Umgang mit Kunden, die durch diese Arbeit eine höhere Lebensqualität erfahren, sei überaus sinnstiftend.

Wenn junge Leute die Branche dennoch nicht für sich erwägen oder aber sie kurz nach der Ausbildung wieder verlassen, dann liegt das vor allem am Geld und der bürokratischen Belastung. "Wir haben einen Stundenverrechnungssatz, der mittlerweile an die 70 Euro heranreicht. Eine Autolackiererei dagegen hat Stundenverrechnungssätze von bis zu 180 Euro", spricht Thomas Münch Klartext. Die Betriebe verlieren viel Personal, ironischerweise auch an Krankenkassen, in deren Verwaltung man deutlich besser verdient.

Abhängigkeit von Bezahlung durch Krankenkassen

Orthopädietechniker und Sanitätshäuser können darauf kaum reagieren. Sie rechnen rund 90 Prozent ihrer Leistungen mit genau diesen Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ab. Die Preise werden in langwierigen Vertragsverhandlungen festgelegt und genügen nach Branchenaussagen nicht, um steigende Material-, Personal- und Betriebskosten abzudecken.

Aktuelle Pläne zur GKV-Reform sehen sogar weitere Kürzungen vor. "Wenn dann oben drei Prozent weniger stehen, dann kann das bei mir zu 64 Prozent weniger Ertrag führen", hat Münch ausgerechnet. Schon jetzt müssen die Betriebe ihr Personal weniger gut bezahlen, als sie gerne möchten. Die Reformpläne könnten für viele das Aus bedeuten, fürchtet Münch.

Steffen Meiners lässt sich davon nicht entmutigen. Er will nach der verkürzten Ausbildung den Meister machen und dann den Betrieb übernehmen. "Wir haben nur rund zehn Mitarbeiter, einige werden in den kommenden fünf bis zehn Jahren in Ruhestand gehen", kalkuliert er. Schon heute weiß der Auszubildende im ersten Lehrjahr also, dass die Personalfrage künftig eine seiner zentralen Aufgaben sein wird.