Paralympicssieger und Orthopädietechnikermeister Markus Rehm spricht im Interview über die magische Neun-Meter-Marke im Weitsprung, was zerbrochene Prothesen mit seiner Berufswahl zu tun haben und seine Vision von zukünftigen olympischen Spielen.

Herr Rehm, Sie haben bei einem Wakeboard-Unfall Ihren rechten Unterschenkel verloren. Das war 2003 und Sie waren 14 Jahre alt. Heute kümmern Sie sich um Menschen, die frisch amputiert sind, indem Sie sie etwa im Krankenhaus besuchen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich mache das gerne, weil ich genau dieselbe Situation erlebt habe. Damals hatte ich keine Ahnung von Prothesen und wusste nicht, was auf mich zukommt. Alle haben gesagt: "Das wird schon wieder." Aber sie hatten einfach keine Ahnung, weil sie es ja selbst nicht erlebt haben. Als ich im Krankenhaus lag, stand irgendwann ein junger Mann in der Tür, guckte mich an und meinte: "Bist du der Markus?" Ich habe nur genickt, ich kannte ihn ja nicht. Er kam rein, gab mir die Hand und sagte: "Hi, ich bin der Ronny und ich zeige dir heute, wie eine Prothese funktioniert." Dann hat er einfach seine Hose runtergelassen (lacht). Das fand ich so cool in diesem Moment.
Ein eindrücklicher Moment.
Absolut. Er trug eine lange Hose und mir war gar nicht aufgefallen, dass er eine Prothese hat. Dieser eine Moment der Normalität hat mir gezeigt: Genau da möchte ich wieder hin. Das versuche ich heute zurückzugeben, weil ich weiß, wie viel mir dieser Besuch damals bedeutet hat. Einfach eine Perspektive zu haben und zu sehen: Du bist nicht zwangsläufig behindert. Es geht weiter und Du kannst trotzdem jung, dynamisch, sportlich sein.
Wie sind Sie dann nach Ihrem Unfall zum Leistungssport gekommen?
Ich habe als Kind schon Leichtathletik gemacht und nach meinem Unfall den Weg zurückgefunden. Einfach, weil es mir Spaß gemacht hat. Dann habe ich aber relativ schnell gemerkt, dass da mehr ist, dass da Potenzial zu sein scheint und vielleicht sogar ein gewisses Talent. Nach meiner Ausbildung zum Orthopädietechniker habe ich mich entschieden, nach Leverkusen zu ziehen. Am Anfang war es ein zeitaufwendiges Hobby, doch die Erfolge sind schnell gekommen. Gleich bei meinem ersten großen Wettkampf 2009 habe ich es ganz nach oben geschafft.
Und seit 2010 haben Sie im Weitsprung in Ihrer Klasse alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Wird so eine Siegesserie irgendwann zur Belastung?
Die Erwartungen sind schon brutal, denn eigentlich wird immer vorausgesetzt, dass ich gewinne. Als wäre alles andere als ein Sieg die größte Niederlage. Ein Sieg ist also nichts Besonderes mehr und das ist schon hart. Andererseits ist es auch ein Privileg, das ich mir erarbeitet habe. Denn einmal gewinnen ist leichter, als einen Sieg zu wiederholen. Einmal – das geht mit etwas Glück und gutem Training. Aber das mehrfach zu schaffen, das ist schwierig. Irgendwann reißt jede Serie.
Sie haben einen neuen Trainer, nachdem Sie 16 Jahre lang mit Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius gearbeitet haben.
Ja, meine Trainerin fokussiert sich jetzt voll auf ihre Arbeit als Leiterin des Sportinternats in Leverkusen. Ich habe einen neuen Coach in Amsterdam gefunden und mich einer tollen, sehr erfolgreichen Trainingsgruppe im olympischen wie paralympischen Bereich angeschlossen. Zwar wohne ich weiter in Leverkusen, fahre aber einmal in der Woche nach Amsterdam. Nachdem ich mich Anfang des Jahres verletzt habe und operiert werden musste, läuft es jetzt schon wieder ganz gut. Mein Saisonstart ist nun etwas später, aber Mitte Juli geht es hoffentlich los.
Ihr sportlicher Traum ist die Neun-Meter-Marke im Weitsprung, die offiziell noch nie ein Mensch gesprungen ist.
Genau deshalb habe ich diese Marke so im Kopf. Viele würden sagen, ganz schön unrealistisch, davon zu träumen, weil es einfach noch nie jemand gemacht hat, aber dafür sind Träume doch da: Dass man von etwas träumen darf, was noch nie jemand geschafft hat. Mich motiviert das jeden Tag weiterzumachen und ins Training zu fahren. Der Hintergrund meines Smartphones ist eine große Neun, die mich immer daran erinnert. Der Traum lebt.
Ihr Weltrekord liegt bei 8,72 Metern. Es fehlen also 28 Zentimeter. Ist das viel?
Das ist viel. Offiziell ist die Marke von neun Metern noch nie gemessen worden. Der Weltrekord von Mike Powell liegt bei 8,95 Metern (olympische Disziplin, Weltrekord von 1991 Anm. d. Red.). Er ist einmal 8,99 Meter gesprungen, aber mit deutlich mehr Rückenwind als erlaubt. Meine Bestweite sind 8,72 Meter – dieser Sprung war super, aber nicht perfekt. In der Landung haben wir einen großen Fehler gemacht, der uns messbar Zentimeter gekostet hat. Wenn man die obendrauf rechnen würde, kommen wir der magischen Marke schon deutlich näher. Das war auch der Moment, in dem meine damalige Trainerin und ich angefangen haben zu träumen: Wenn dieser Sprung schon 8,72 Meter weit war – wie weit könnte ein perfekter Sprung gehen? Neun Meter ist eine krasse Weite, aber nicht unmöglich. Irgendjemand wird es irgendwann schaffen. Vielleicht bin ich das.
Wie viele Prothesen brauchen Sie denn so pro Saison?
Eine Prothese verschleißt natürlich. Pro Saison brauche ich etwa zwei Sprungprothesen, dazu eine fürs Sprinttraining. Ich habe relativ viele Prothesen, fünf oder sechs, die ich im Training für viele verschiedene Übungen nutze. Die eine "Superprothese" gibt es nicht, denn eine Prothese kann meistens nur eine Sache. Wenn ich mit meiner Weitsprungprothese joggen ginge, würde mir danach alles weh tun, weil sie viel zu hart abgestimmt ist.
Sie sind ja auch in der Entwicklung von Prothesen tätig.
Ja, ich fliege jetzt auch wieder nach Island zu meinem Sponsor Össur, mit dem ich Alltagsprothesen, aber auch Sportprothesen weiterentwickle – und natürlich auch meine Weitsprungprothese. Wenn ein Athlet besser wird, muss sich die Prothese mitentwickeln. Viele denken, es sei umgekehrt, aber das ist eigentlich nie der Fall. Hätte ich meine heutige Prothese zu Beginn meiner Karriere gehabt, wäre ich keinen Zentimeter weiter gesprungen, weil ich es körperlich gar nicht hätte umsetzen können.
Sie sind nicht nur Spitzenathlet, sondern auch Orthopädietechnikermeister. Stehen Sie noch in der Werkstatt?
Mir würde etwas fehlen, wenn ich nur Sport machen würde. Ich mag das Handwerk sehr und die Arbeit macht mir viel Spaß. Gerade wenn es um Sportprothesen geht, betreue ich immer noch einige Kunden. Und ich fertige meine eigenen Prothesen, das könnte ich niemals abgeben. Die ganze Verbindung zwischen Körper und Prothese ist zu 100 Prozent Handwerk und das baue ich selbst in der Werkstatt. Gewisse Bauteile werden zwar serienmäßig von der Industrie gefertigt – wie die C-förmigen Carbon-Blades –, weil sie für alle gleich sein müssen. Alles andere ist aber ganz individuell.
Hatte Ihr Unfall im Alter von 14 Jahren etwas mit Ihrer späteren Berufswahl zu tun?
Absolut. Ich war nach meiner Amputation schnell wieder sportlich aktiv und habe meine Prothese ständig zerbrochen. Irgendwann hat mein Techniker halb genervt, halb mit einem Grinsen gesagt: "Wenn du noch einmal eine Prothese kaputt machst, dann machst du deinen Sch… selber." Beim nächsten Bruch hat er mich mit in die Werkstatt genommen, wir haben sie zusammen repariert und das hat mir so viel Spaß gemacht.
Hilft es in der Beratung, dass Sie eine Prothese tragen?
Das hilft sehr. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich zu Beginn meiner Ausbildung. Mein Meister – ein großartiger Handwerker mit 20 Jahren Berufserfahrung – beriet einen frisch amputierten Kunden. Als er kurz den Raum verließ, schaute mich der Kunde an und fragte: "Hat er recht?" Da habe ich gemerkt, dass ich einen gewissen Vertrauensvorschuss habe, weil ich jeden Tag mit Prothese lebe und genau weiß, wovon ich spreche. Druckstellen, Hitze im Sommer und Kälte im Winter, Treppen, Unebenheiten – ich musste das nie lernen. Das ist mein Alltag.
Sehen Sie für sich eine Zukunft im Handwerk?
Ich werde dem Handwerk immer treu bleiben. Unser Beruf ist ein schöner Beruf und schafft echten Mehrwert. Im besten Fall kommt der Mensch im Rollstuhl oder auf Gehstützen zu uns und geht auf einer Prothese nach Hause. Gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, glaube ich, wird Handwerk mehr wert sein. Es ist faszinierend, was im Handwerk alles entsteht. So schnell macht das keine KI nach.
Sie engagieren sich für eine deutsche Olympia-Bewerbung – und haben da eine Vision?
Da habe ich auch einen großen Traum, dass sich nämlich die beiden Veranstaltungen, Olympische und Paralympische Spiele, annähern. Es wird wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen nicht möglich sein, dass beide zusammen stattfinden. Aber wie wäre es, wenn die Abschlussfeier der Olympischen Spiele die Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele ist. Zeitgleich an einem Ort, um alle Athleten zusammenzubringen. Und dann wäre es doch schön, wenn wir das mit einem sportlichen Wettkampf verbinden bei dieser Veranstaltung in der Mitte der Spiele: Acht Bahnen im Stadion, acht Nationen, ein Staffellauf über 4x100 Meter. Pro Nation zwei olympische und zwei paralympische Athleten. Die Sieger haben die Ehre, das paralympische Feuer zu entzünden.
Das wäre mehr als nur Symbolik.
Genau, weil olympische und paralympische Athleten gemeinsam für dasselbe Ziel trainieren. So können wir Inklusion richtig leben. Ich bin Mitglied im Mannschaftsrat für die Bewerbung der Region Köln-Rhein-Ruhr für Olympische und Paralympische Spiele. Im September entscheidet der DOSB, wer für Deutschland ins Rennen gehen wird. Vielleicht haben wir die Chance, der erste Ausrichter zu sein, der das vielleicht ein bisschen verändert und ein neues Zeitalter einläutet.
Die Karriere von Markus Rehm (Auszug)
- 4 x Gold im Weitsprung (T 64) bei den Paralympics in Folge (London, Rio, Tokio, Paris) sowie Gold (2016) und Bronze (2012) mit der 4 x 100 Meter-Staffel
- Weltrekordhalter mit 8,72 Meter
- Zehnfacher Weltmeister (davon achtmal im Weitsprung)
- Achtfacher Europameister (davon fünfmal im Weitsprung)