Zwischen Glühweinduft und Lichterglanz verkauft Helena Stempfel auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt handgemachtes Holzspielzeug. Reich wird Sie davon nicht, aber reich an Begegnungen, Sinn und echter Handwerksfreude. Ein Porträt über Herzblut, Holz und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.

Es ist noch gar nicht lange her, da sprach das Christkind von der Frauenkirche zu Abertausenden Besuchern des Nürnberger Christkindlesmarktes: "Ihr Herrn und Frau’n, die ihr einst Kinder wart, ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt, ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt: Hört alle zu, was euch das Christkind sagt!" Und alle hörten ergriffen zu.
Auch Helena Stempfel, die Spielzeugmacherin. Sie stand in ihrer Weihnachtsbude voller Puzzle-Raupen, Häuser-Schnecken, Weihnachtswichtel und Stacheligel und lauschte den Worten des Christkindes, auf die sie sehnsüchtig gewartet hatte.
Bereits seit vielen Monaten hatte sie in ihrer kleinen Werkstatt in der Rollnerstraße gearbeitet, um genug Holzspielzeug für ihre Weihnachtsbude zu produzieren – jedes einzelne handgemacht. Schon im Vorjahr hatte sie zu "Stille Nacht, heilige Nacht", bei Glühweindämpfen und Bratwurstrauch im Glitzerschein des Tannenschmucks im Dockn Gässla 40 gestanden. Über zwei Millionen Besucher drängten sich in der Budenstadt. Heuer sollen es noch mehr werden.
Teilnahme ist Herzenswunsch
Für Helena Stempfel ist die Teilnahme am Nürnberger Christkindlesmarkt ein Herzenswunsch. "Reich wird man hier als Spielzeugmacherin nicht. Da treibt einen schon mehr die Leidenschaft", gibt sie lächelnd zu. Aber ums Geld geht es ihr auch nicht. "Für mich ist der Christkindlesmarkt etwas Besonderes. Er hat so etwas Heimeliges, Friedvolles. Man blickt in viele strahlende Gesichter. Heutzutage ist doch alles digital. Da tut es einfach gut, eine solch’ analoge Veranstaltung im besten Sinne zu erleben."
Der 31-jährigen Designerin und Illustratorin ist durchaus bewusst, dass ihre Holzpuzzletiere nur eine ausgewählte Zielgruppe ansprechen. Aber sie stellt ja auch in ihrer kleinen Werkstatt keine Massen her. 500 bis 1.000 sind es im Jahr. Am beliebtesten sind die Schnecken mit den bunten Häusern. "Deren Häuser sehen aus wie kleine Kackhaufen. Man bemerkt es erst auf den zweiten Blick, aber die Kinder lieben das", erzählt sie lachend.
Wie sie auf die Idee kam? "Ich habe meinen Sohn Samuel noch während des Studiums bekommen“, berichtet sie. "Da hatte ich nicht viel Geld, aber ich wollte meinem Kind trotzdem nachhaltiges, sinnvolles und lustiges Spielzeug schenken. Also habe ich es selbst gemacht." So entstand die Schlene, wie die Schnecke dank Samuel heißt. Und Rosalinde, die Schildkröte, und all die anderen lustigen Holzpuzzles. Praktisch war das übrigens auch noch, denn als gestresste junge Mutter konnte sie die Projekte auch in ihr Design-Studium einfließen lassen: Win-win.

Die Liebe zum Holz liegt in der Familie
Eigentlich wollte Helena Stempfel ja vor allem Buchillustratorin werden. "Ich möchte Kinder glücklich machen und sie inspirieren", schwärmt sie. Deshalb verfolgt sie auch heute noch neben ihrer Tätigkeit als Spielzeugmacherin einige Illustratorenprojekte. Aber die Liebe zum Holz lag einfach in der Familie: Schon Opa Johann hatte als Schriftsetzer, als er in Rente ging, begonnen, Sinnsprüche aus Holz zu schneiden, und Mama Anja hatte Puzzles aus Holz hergestellt und auf Märkten verkauft.
Heute fährt sie gemeinsam mit ihrem Opa regelmäßig selbst zum Holzhändler, um Nachschub zu besorgen. "Nach vielen Tests benutze ich Ahornholz. Es ist hart genug, um nicht sofort kaputtzugehen, aber auch leicht genug, damit es nicht unhandlich wird", erklärt sie. Gekauft wird es in großen Brettern bis zu drei Metern – die Breite wird durch die Dicke des Baumes bestimmt. Vom Händler kommt es zum Schreiner, der es hobelt und in handlichere Stücke à einen Meter sägt.
In ihrer Werkstatt werden die Bretter dann möglichst effizient mit den von ihr im Design-Studium entwickelten Mustern der Tiere bezeichnet – "Ein kleines Igelchen passt eigentlich immer noch in einen Zwischenraum", ist Helena Stempfel überzeugt. So vermeidet sie überflüssigen Holzabfall. Mit der Dekupiersäge werden die Formen dann zugesägt, von Hand mehrfach geschmirgelt, bis sie ganz weich sind, und einzeln bemalt.
Ruhe, Frieden und Fantasie
Viel Arbeit, aber es lohnt sich. "Ich stehe hinter meinen Produkten", sagt sie fest. Zwei Eigenschaften mag sie besonders: "Holzspielzeug ist nachhaltig. Sowohl in der Herstellung als auch in der Nutzung." Und: "Ich mag Puzzles. Sie fördern die Entwicklung eines Kindes", ist Helena Stempfel überzeugt. "Unsere Welt ist laut. Kinder sind permanent von Gedudel und Reizen umgeben. Manchmal ist weniger aber mehr. Das ist Holz für mich – Ruhe und Frieden und Fantasie", sagt die Spielzeugmacherin.

Und auch sie braucht manchmal Ruhe: Ruhe vor dem kreativen Druck, aber auch Ruhe vor den ökonomischen Zwängen. Deswegen hat sie sich einen Ausgleich geschaffen. "Ich bin jetzt Designerin, Illustratorin, Holzspielzeugmacherin – und Postbotin", sagt sie augenzwinkernd. Circa 20 Stunden trägt sie in der Woche Briefe und Pakete aus. Was sie am meisten freut – und auch ein bisschen überrascht: "Die Kunden sind unglaublich freundlich. Alle sind nett zu Postboten", berichtet sie.
Extra Urlaub vom Post-Job
Die anderen Stunden der Arbeitswoche aber steht sie weiter in ihrer Werkstatt und sägt, schmirgelt und malt an ihren Raupen, Schnecken und Igeln. Zwischendrin überkommt sie dann die Mal-Lust oder sie illustriert eines ihrer anderen Projekte. Jetzt, so kurz vor Weihnachten, hat sie sich Post-Urlaub genommen, um sich ganz dem Christkindlesmarkt widmen zu können. Unterstützung bekommt sie dabei von einer Freundin und ihrem Bruder, die auch mal die ein oder andere Schicht in der Bude übernehmen.
Am 28. November um 17.35 Uhr aber lauschte sie selbst in der kerzenerleuchteten Dunkelheit den verheißungsvollen Worten des Christkindes. Auf diesen Moment hat sie all die Monate hingearbeitet. Dann seufzt sie glücklich, rückt die letzte Schnecke mit buntem Kackhaufenhaus zurecht und wendet sich zu Tannengrün und Glühweinduft den strahlenden Gesichtern ihrer Kunden aus aller Welt zu. In ihr klingen noch die Worte nach: "Die Kinder der Welt und die armen Leut’, die wissen am besten, was Schenken bedeut’. Ihr Herrn und Frau’n, die ihr einst Kinder wart, seid es heut’ wieder, freut euch in ihrer Art. Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein."