"So jemanden wie Sie findet man nicht mehr häufig" – mit diesen Worten bedankt sich eine Kundin bei Schuhmacher Rainer Viehmann, als sie ihre Stiefel abholt. Und sie hat recht: Handwerksmeister in diesem Gewerk gibt es nicht mehr viele.

In seiner Schuhmacherei in Wittenberg repariert Rainer Viehmann nicht nur Schuhe, sondern fertigt orthopädische Einlagen an, nimmt orthopädische Schuhzurichtungen vor und erledigt Reparaturen jeder Art – von Taschen- und Lederarbeiten bis hin zu Sattlerarbeiten. Ein Kunde freut sich über den neuen Reißverschluss in seiner Motorradjacke. Nun sei seine Welt wieder in Ordnung. Eine andere Kundin holt ihre genähte Pferdedecke ab. "Alles, was kaputt ist, wird repariert", sagt Rainer Viehmann.
Berufswunsch Archivar
Heute ist der 57-Jährige ein versierter Handwerker, der nicht nur sein erlerntes Gewerk beherrscht, sondern alle Arbeiten an Haus und Hof selbst übernimmt. Als Jugendlicher hat er jedoch einen ganz anderen Berufswunsch. "Meine Eltern waren Vertriebene aus Böhmen. Deshalb habe ich mich von Kind auf für Heimatgeschichte interessiert und wollte damals Archivar werden", berichtet Rainer Viehmann. Sein Vater, Tischler und Zimmermann und laut Rainer Viehmann ein Mann mit goldenen Händen, rät ihm damals jedoch dazu, einen "ordentlichen Beruf" zu erlernen. So beginnt der Sohn im Jahr 1985 eine Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher. "Gelernt habe ich im Betrieb Hoffrichter in Wittenberg und an der Berufsschule in Ohrdruf bei Gotha. Einer meiner Lehrer war Werner Mackrodt, eine Koryphäe auf seinem Gebiet", erinnert sich Rainer Viehmann.
Selbständig in der DDR
Nach der dreijährigen Lehre bietet sich ihm die Gelegenheit, eine Schuhmacherwerkstatt zu erwerben – ein geschichtsträchtiges Gebäude in der Dessauer Straße in Wittenberg. Die Erlaubnis zur Selbstständigkeit – in der DDR keine Selbstverständlichkeit – erhält er von den Behörden, denn schon damals ist sein Handwerk überaltert. Die Bedingung: Erst muss der Wehrdienst abgeleistet werden. Rainer Viehmann trifft es jedoch gut. "Ich wurde Kammerschuhmacher im Kommando der Landstreitkräfte der NVA in Potsdam. Das war eine spannende Zeit, die auch genau in die Wende hineinging. Ich habe ganz allein gearbeitet und so viel Erfahrung für meine Selbstständigkeit gesammelt. Außerdem habe ich mich handwerklich weiterqualifiziert zum Hausschuh- und Pantoffelmacher und 1990 meinen Meister im Schuhmacherhandwerk gemacht", erzählt er.
Inventar aus dem Jahr 1870

Nebenbei richtet er mit seinem Vater seine eigene Schuhmacherei ein. An Maschinen zu kommen, ist damals nicht leicht. Kaufen kann er nur gebrauchte Dinge, wie etwa eine Ausputzmaschine aus den 1920er-Jahren oder eine Nähmaschine aus dem Jahr 1870. "Die Nähmaschine stand auf einem Dachboden. Ein vertriebener Schuhmacher hatte sie auf einem Wagen von Böhmen bis nach Deutschland gebracht. Es stellte sich heraus, dass dieser Mann in der Heimat nur zehn Kilometer vom Geburtsort meines Vaters gelebt hatte", berichtet Rainer Viehmann, der bis heute mit alten, traditionellen Maschinen arbeitet und es auch nicht anders möchte.
Schwerer Start nach der Wende
Am 3. Juni 1990 eröffnet Rainer Viehmann seine Schuhmacherei. Kurz darauf verstirbt sein Vater. So erlebt er nicht mehr, wie sein Sohn mit gerade einmal Anfang 20 in die Selbstständigkeit startet. Und die ersten Jahre sind nicht leicht. Die Kunden sind weniger geworden und die, die weiterhin kommen, sind aus DDR-Zeiten niedrige Preise gewöhnt und machen es Rainer Viehmann nicht leicht. Viele seiner Kollegen hören damals aus diesem Grund auf. Doch er sei ein Mann, der durchzieht, sagt der Wittenberger. Weil er bodenständig lebt, keine Miete zahlen muss und die Kosten für Material, Energie und Lebenshaltung damals noch niedriger sind als heute, kann er trotzdem weiterarbeiten.
Kunden aus dem ganzen Landkreis
Heute hat sich das Blatt gewendet. Die Kunden schätzen das Handwerk wieder und gehen bei Rainer Viehmann ein und aus. Sie kommen sogar aus anderen Städten zu ihm, weil er der einzige verbliebene Schuhmacher im Landkreis ist. So sind seine Tage arbeitsreich und lang, oft geht er selbst nach dem Abendessen noch einmal in die Werkstatt. Reich wird er trotz der vielen Aufträge nicht. Im Gegenteil. Die Preise hält Rainer Viehmann bis heute niedrig, gleichzeitig sind die Kosten für Material und Energie immens gestiegen. "Der Gewinn schmilzt weg, aber ich bin so geprägt, dass man für seinen Lebensunterhalt selbst arbeitet", sagt er. Man spürt, dass viele Erlebnisse, wie etwa die harte Coronazeit und der Umgang der Politik mit Betrieben wie seinem, an ihm genagt haben. Trotzdem sieht er die Selbstständigkeit weiterhin positiv, schätzt seine Freiheit und freut sich darüber, dass so viele Kunden zu ihm kommen.
Inzwischen gönnt sich Rainer Viehmann auch Auszeiten, nimmt sich hin und wieder eine Woche frei, um – wie in Kindheitstagen – der Heimatforschung nachzugehen oder auf Trödelmärkten alte Liebhaberstücke aufzuspüren und sie zu restaurieren. Die meiste Zeit verbringt Rainer Viehmann jedoch in seiner Werkstatt, und das auch nach 35 Jahren noch mit der gleichen Einstellung: "Ich übe mein Handwerk mit Herzblut aus."