Buchbindermeister Matthias Hesse führt seinen Betrieb in der vierten Generation, trotz Digitalisierung und fehlendem Nachwuchs. Obwohl er erst 55 ist, weiß der Handwerksmeister schon, dass er auch über das Rentenalter hinaus weiter tätig sein möchte.

In der Papierkiste ist er aufgewachsen, sagt Matthias Hesse lächelnd und meint damit, dass er schon als Kind viel Zeit in den Räumen der Buchbinderei verbracht hat, die heute seine eigene ist. Schon im Schaufenster des Ladens, gerade einmal einen Steinwurf entfernt von der Bernburger Saale, beginnt die Reise in die Geschichte ebendieser Buchbinderei.
Hinter dem Glas liegen alte Bücher und es sind historische Buchpressen ausgestellt. Betritt man die Räumlichkeiten, kommt man in den Empfangsbereich. An der Wand hängen mehrere Meisterbriefe und weiter hinten alte Werkzeuge. Durch einen Durchgangsraum gelangt man dorthin, wo Matthias Hesse den Großteil seines Tages verbringt: seine Werkstatt. Hier gibt es viele Tische und auch hier liegen natürlich Bücher und es stehen viele, teils viele Jahre alte Geräte herum. Man sieht, dass hier gearbeitet wird, aber es ist auch sehr gemütlich.
Von einem Bild an der Wand überschaut ein Mann das Geschehen in der Werkstatt. "Das ist mein Vater Joachim Hesse", erklärt Matthias Hesse. Von ihm hat er die Buchbinderei im Jahr 1998 übernommen. Doch die Geschichte des Betriebes geht viel weiter zurück als bis zu seinem Vater.
Lange Familientradition
"Gegründet wurde die Buchbinderei im Jahr 1906 von meinem Urgroßvater Max Hesse. Auf ihn folgte mein Opa Hermann Hesse. Er führte die Buchbinderei und meine Oma nebenan einen Schreibwarenladen", berichtet Matthias Hesse. Leider habe er seinen Opa nicht mehr kennengelernt. Sein Vater Joachim habe den Betrieb schon in jungen Jahren übernommen, da der Opa früh verstarb.
Für Matthias Hesse ist früh klar, dass er einmal in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten wird. So beginnt er 1986 seine Buchbinderlehre im Familienbetrieb. Er beendet sie 1988, kurz bevor die politische Wende das Tagesgeschehen in der Buchbinderei sehr verändern wird. Zu DDR-Zeiten lassen die Kunden vorrangig Bücher aufarbeiten. Zudem lassen Betriebe Mappen anfertigen, in die sie Auszeichnungen, Urkunden oder ähnliche Dokumente einlegen. Mit dem Ende der DDR verändert sich vieles. "Es war nicht so einfach. Es gab nur noch wenige Menschen, die Bücher binden lassen wollten. Andere Dinge waren wichtiger", berichtet Matthias Hesse. Für seine Eltern reichten die Aufträge noch, er selbst habe damals eine Zeit lang im Bauhaus-Archiv in Dessau gearbeitet.

Neue Kunden nach der Wende
Als sich die Lage nach ein paar Jahren stabilisiert, kehrt Matthias Hesse zurück in die Buchbinderei. Sein Vater hat neue Kunden akquiriert, unter anderem die Bücherhallen Hamburg, eine Stiftung, die öffentliche Bibliotheken in der Hansestadt betreibt. Von 1995 bis 1997 absolviert Matthias Hesse seine Meisterausbildung und übernimmt nur ein Jahr später die Buchbinderei. "Mein Vater wollte lieber ins Angestelltenverhältnis wechseln. Er blieb aber im Betrieb und kam selbst später als Rentner immer vorbei", berichtet Matthias Hesse.
Nachwuchs fehlt
Sieben Buchbindereien gibt es heute noch im Kammergebiet Halle, das den südlichen Teil Sachsen-Anhalts abdeckt. Auch wenn das Buchbindergewerk schon immer selten war, sieht es für ein Fortbestehen der noch existierenden Betriebe schwierig aus. So gibt es im Kammergebiet derzeit keinen einzigen Auszubildenden. Zudem fallen durch die Digitalisierung immer mehr Aufträge weg. Matthias Hesse hat einige Stammkunden, wie etwa eine Frau, die alte Bücher in schlechtem Zustand bringt, die der Buchbindermeister dann wieder repariert. Zu den Kunden gehören aber auch Behörden, die Unterlagen und Fachzeitschriften binden lassen, Krankenhäuser, die noch Archive führen, sowie Studenten, die ihre Abschlussarbeiten binden lassen. Hin und wieder geben auch große Druckhäuser Einzelstück-Aufträge an Matthias Hesse weiter.
Aufträge trotz Digitalisierung
In der Werkstatt des Bernburger Betriebes gibt es also trotz Digitalisierung noch Arbeit. Und die wird teilweise noch mit den alten Geräten erledigt: Pappschere, Schlagpresse und Schneidemaschine haben schon einige Jahre auf dem Buckel, aber funktionieren noch einwandfrei. Den Gründer Max Hesse würde das sicher freuen. Bis heute steht sein Name in großen altdeutschen Lettern über dem Schaufenster der Buchbinderei. Mit seinem Urenkel Matthias wird die Geschichte seines Familienbetriebes wohl einmal zu Ende gehen. Dessen Kinder haben sich beide für andere Berufe entschieden.
Aber ein Aus für den Betrieb ist noch für lange Zeit kein Thema. Zum einen ist Matthias Hesse erst 55, zum anderen weiß er jetzt schon, dass er auch über das Rentenalter hinaus tätig bleiben möchte, wenn auch nicht mehr in Vollzeit: "Die Buchbinderei ist mein Leben, ich möchte auf jeden Fall weitermachen."
