Ein Aktionstag macht sichtbar, was Lehrpläne oft nur streifen: das Potenzial junger Menschen fürs Handwerk. Zwischen Schere und Teigrolle zeigen Handwerker Grundschulkindern, was hinter ihren Berufen steckt.

Welche Zutaten brauchen wir für unser Brot? Fünf Kinder strecken ihren Finger gleichzeitig in die Luft. Mehl, Eier, Wasser, Salz. "Dazu Hefe, damit das Brot groß wird", sagt Bäckermeister Gerhard Götz aus Schweinfurt. Im Bäckerhemd und Jeans steht der Obermeister vor einer Gruppe von Drittklässlern. Er blickt in ihre neugierigen Gesichter, während er ruhig und langsam den Unterschied zwischen Weizen und Roggen erklärt. "Außerdem alles, was man gern zusätzlich in seinem Brot drin hätte - zum Beispiel Mohn, Sesam, Sonnenblumenkerne." Dann gibt er jedem von ihnen vorbereitete Teiglinge in die Hand.
Kinder werden zu Handwerkern
Pfändhausen, 8 Uhr: Der Bäcker ist heute im Gemeindehaus von Dittelbrunn in der Nähe von Schweinfurt. Hier findet der Projekttag "Ich weiß, was ich will! Und du?" statt, den eine siebte Klasse der Grund- und Mittelschule Dittelbrunn für die Schüler einer dritten Klasse organisiert hat. An mehreren Stationen erlebt die dritte Klasse verschiedene Handwerksberufe hautnah.
Rechts neben der Eingangstür hämmern Schüler Nägel in einen Baumstamm, gegenüber erfühlen sie ungekochte Nudeln und Sägespäne. An zwei Stationen zeigen die Schweinfurter Friseurin und Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt und Gerhard Götz ihre Berufe. Am Morgen, bevor es losgeht, läuft im Hintergrund das Lied "Wer will fleißige Handwerker sehen". Die Füße der Kinder tippen im Takt zur Musik. Bereit, mit echten Handwerkern aktiv zu werden.
Margit Rosentritt hat vor der Bühne mehrere künstliche Köpfe zum Frisieren aufgestellt, Dummies mit schulterlangen, mittelbraunen Haaren. "Wie nehmt ihr die Schere in die Hand?", fragt Rosentritt in die Runde. Die Schüler halten ihre silbernen Frisierscheren in die Luft. Rosentritt dreht ihre Hand nach links, sodass die Handinnenfläche zu ihrem Körper zeigt: "Der Friseur nimmt die Schere so." Dann wird gekämmt, frisiert und Haare geschnitten. Auf einem Tisch nebenan liegt uraltes Friseurwerkzeug aus. Ein rostiges Rasiermesser, ein Föhn aus silbernem Aluminium, ein Lockenstab, dessen U-förmige Metallstäbe an eine Stimmgabel erinnern.
Kindgerecht aufbereitet
Die Siebtklässler haben sich im Vorfeld intensiv mit Handwerksberufen beschäftigt, um sich auf ihren Aktionstag vorzubereiten. Sie haben ein Buch gelesen, geschrieben von Friseurin Margit Rosentritt. Es trägt den gleichen Titel wie das Projekt selbst und handelt von Kindern, die überlegen, was sie einmal werden möchten und so verschiedene Handwerksberufe entdecken.
Die Friseurin ist damit in einer Doppelfunktion vor Ort. Sie ist Autorin und Kreishandwerksmeisterin will die Kinder für Handwerksberufe begeistern. Dabei ist sie sich bewusst: "Ein Buch allein kann Kinder nicht fürs Handwerk begeistern. Aber die Verknüpfung aus Lesen und Werkeln bringt ihnen die Inhalte und damit das Handwerk nah."
Rosentritt selbst hatte nie geplant, ein Buch zu schreiben – ursprünglich wollte Rosentritt nur die Geschichte ihres Vaters niederschreiben, der Bäckermeister war. Dass daraus ein ganzes Buch entsteht, damit habe sie selbst nicht gerechnet. "Dann kamen immer mehr Berufe hinzu, und jetzt ist es der Anstoß für das Projekt hier in Dittelbrunn."
Von der Theorie in die Tätigkeit
Die Siebtklässler haben sich nach ihrer Lektüre eigene Geschichten ausgedacht, zur Vorbereitung der Drittklässler auf den Projekttag. Jetzt lesen die drei Schüler Maja, Laura und Ali zur Einstimmung ihre Erzählung von vier Freunden vor, die sich über ihre Traum-Handwerksberufe unterhalten: Ein Friseur darf Haare schneiden, aber manchmal sind die Kunden schwierig, der Bäcker muss früh raus, aber hat immer frische Brötchen. Ein Schreiner kann auch für zu Hause alles bauen, aber sie glauben, dass man sich hier leichter verletzen kann als in anderen Bereichen.
Im Gang zwischen Turnhalle und Schulküche stehen zwei Tische zu einer langen Tafel aneinandergereiht: Hier werden die Drittklässler zu Konditoren. Mit Smarties und Lebensmittelfarbe verzieren sie die "Amerikaner", die die Siebtklässler am Vortag für sie gebacken haben, mit Spinnennetzen, Blümchen und Clowns.
Die Idee für das Projekt "Ich weiß, was ich will! Und du?" ist aus einer Zusammenarbeit der Grund- und Mittelschule Dittelbrunn mit dem Verein Jugend mit Zukunft e.V. entstanden. Der Verein initiiert Angebote und Aktionen, um Kindern bessere Chancen für ihre Zukunft zu ermöglichen. "An diesem Tag sollen Kinder ihre Talente entdecken. Das passiert am besten mit positiven Erfahrungen", sagt Eva Dümmler, Vorsitzende des Vereins Jugend mit Zukunft. Wenn echte Handwerker vor ihnen stehen, habe das eine besondere Wirkung. Vor allem für Jugendliche mit Schwierigkeiten in der Schule sind echte Erlebnisse und das Tätigwerden bedeutend. Projekttage wie solche bieten die Möglichkeit, beides zu verbinden.
Lücken schließen
Gut lesen zu können, ist für Konrektorin Mareike Seger eine Grundkompetenz, die auch für Handwerksberufe eine wichtige Voraussetzung darstellt: "Wenn mit den Kindern nicht gelesen wird, haben sie in der Schule weniger Erfolg", sagt sie. Viele Mittelschüler gingen später ins Handwerk, und auch für diese Berufe sei es wichtig, Inhalte aus Texten sinnentnehmend erfassen zu können. "Das Lesen ist immer unterschwellig mit dabei", so die Konrektorin.
Zwar gebe es schon viel Engagement in der Leseförderung, etwa freiwillige Lesepaten oder Lesetandem-Projekte. "Aber schon an der Mittelschule ist viel nicht mehr zu kompensieren, was bereits an der Grundschule versäumt wurde." Projekte wie "Ich weiß, was ich will! Und du?" haben für Seger mehrere Vorteile: "Hier spielen mehrere Fächer zusammen, gleichzeitig werden auch Interessen geweckt. Wenn sich das mit beruflicher Bildung verbinden lässt: Genial!"
Viele Jugendliche sind sich der Vielfalt und der Entwicklungsmöglichkeiten im Handwerk nicht bewusst. Daneben haben sie oft Vorurteile oder unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Das findet auch Harald Sperling, Maler und Verputzer aus Gerolzhofen. Er plant für die Zukunft eine ähnliche Aktion, um damit Jugendlichen seinen Beruf näherzubringen. Denn viele wüssten nicht, was es eigentlich heißt zu malen, zu lackieren, zu verputzen: "Maler und Lackierer gestalten Lebensräume!" Sperling will sich ehrenamtlich engagieren und vor allem Jugendliche auch für sein Handwerk begeistern. Er ist hierhergekommen, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie ein solches Projekt aussehen kann.
Lesen stärkt - auch das Handwerk
Lesekompetenz ist ein Schlüssel für Bildungserfolg und damit Voraussetzung für berufliche Perspektiven, auch für Handwerksberufe. Der Verlag Holzmann Medien unterstützt die Stiftung Lesen und ruft zur Teilnahme am bundesweiten Vorlesetag auf.
Bei dieser Initiative der Stiftung Lesen, der Deutschen Bahn Stiftung und der Wochenzeitung Die Zeit können Handwerksbetriebe mit einfachen Aktionen den Nachwuchs fördern, zum Beispiel durch:
- (Vor-)Lese-Box verschenken
- Vorleseaktionen organisieren
- Mitarbeiter einbinden
Weitere Ideen und Informationen zum Vorlesetag am 21. November: www.deutsche-handwerks-zeitung.de/vorlesetag
