Am Mittwoch geht's los: Zimmerer Linus Großhardt startet bei der Weltmeisterschaft der Berufe im französischen Lyon. Für Vater Andreas Großhardt ein ganz besonderer Wettbewerb. Denn er ist auch stellvertretender Teamleiter der Zimmerer-Nationalmannschaft. Im Interview sprechen beide darüber, was der Sohn heute anders macht und was für sie der ideale Trainingsort ist.

Linus, wie war es, in einem Familienunternehmen aufzuwachsen und den Zimmererberuf immer vor Augen zu haben?
Linus Großhardt: Als Kind war ich oft auf Baustellen dabei. Das hat mir schon immer Spaß gemacht. Deswegen war eigentlich früh klar, dass ich diesen Beruf lernen möchte. Bei einem Schulpraktikum habe ich dann noch mal etwas anderes ausprobiert, nach einer Woche in einer Flaschnerei aber festgestellt, dass der Werkstoff Metall nichts für mich ist. So bin ich beim Holz geblieben.
Was war letztendlich ausschlaggebend, den gleichen Beruf wie Ihr Vater zu ergreifen?
Linus Großhardt: Das war während der Corona-Pandemie. Als kein Schulunterricht stattfand, habe ich bei uns im Betrieb ein bisschen mitgearbeitet und es hat mir großen Spaß gemacht.
Wie ist es für den Vater, wenn der Sohn im eigenen Betrieb ausgebildet wird?
Andreas Großhardt: Man muss tolerant miteinander umgehen, denn man hat an den eigenen Sohn sicherlich andere Erwartungen als an einen anderen Lehrling. Da muss man schauen, dass man ein bisschen auf dem Boden bleibt, dass es für beide Seiten passt. Es war aus meiner Sicht eine gute Erfahrung und wir arbeiten immer noch gerne zusammen.
"Irgendwo habe ich natürlich schon im Hinterkopf, dass Linus den Betrieb übernehmen will und das soll er ja auch. Dementsprechend geht man mit anderen Erwartungen ran."
Andreas Großhardt
Warum sind die Erwartungen anders?
Andreas Großhardt: Irgendwo habe ich natürlich schon im Hinterkopf, dass Linus den Betrieb übernehmen will und das soll er ja auch. Dementsprechend geht man mit anderen Erwartungen ran.
Wollen Sie, Linus, die Zimmerei eines Tages übernehmen?
Linus Großhardt: So ist der Plan.
Andreas Großhardt: Wenn er es will.
Lassen Sie uns in die nähere Zukunft schauen. Was ist da geplant?
Linus Großhardt: Im Herbst nächsten Jahres möchte ich in Freiburg auf die Meisterschule gehen und den Meister und Techniker machen. Bis dahin will ich noch in ein paar Betriebe reinschnuppern, sehen, wie andere arbeiten und Erfahrungen sammeln.
Das deckt sich mit Ihrem Werdegang, Herr Großhardt. Auch Sie haben bei Ihrem Vater gelernt und anschließend in verschiedenen Betrieben – mal in der Schweiz, mal im Allgäu – gearbeitet, Ihren Meister gemacht und nach einer Zeit der Selbstständigkeit dann den Betrieb Ihrer Eltern übernommen. Was macht Ihr Sohn anders als Sie in seinem Alter?
Andreas Großhardt: Die Uhr hat sich weitergedreht. Heute gibt es mehr digitale Möglichkeiten, sich im Internet zu informieren und an Wissen zu kommen. Das macht Linus sicherlich anders als ich. Er sucht zum Beispiel am Handy nach irgendeinem Fräser. Aber ansonsten, glaube ich, sind wir uns in der Grundausrichtung sehr ähnlich. Wir teilen viele Leidenschaften, die Liebe zum Detail, die Liebe zum Handwerk.
Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die Zimmerer-Nationalmannschaft, sind stellvertretender Teamleiter und haben Europameister Jonas Lauhoff im vergangenen Jahr bei den EuroSkills in Danzig gecoacht. Linus, bei so viel Engagement Ihres Vaters, wie präsent ist die Zimmerer-Nationalmannschaft in Ihrer Familie?
Linus Großhardt: Ich würde sagen, dass sie fast jeden Tag irgendwie im Gespräch ist. Auch weil meine Mutter sich um die organisatorischen Dinge kümmert. Da gibt es immer wieder etwas zu besprechen.
"Eigentlich war das schon damals mein Traum."
Linus Großhardt
Die Familientradition beruflich fortzusetzen, ist das eine. Eine Karriere in der Zimmerer-Nationalmannschaft anzustreben, das andere. Was hat Sie daran gereizt?
Linus Großhardt: Es gibt ein Foto von mir mit fünf oder sechs Jahren, wo ich bei einem Training der Nationalmannschaft dabei war und mit einem der Zimmerer Sägeübungen gemacht habe. Eigentlich war das schon damals mein Traum. Ich wollte da auch hinkommen: die Begeisterung, präzise zu arbeiten, das Miteinander in der Mannschaft, alle haben das gleiche Interesse und wollen Vollgas geben. Das ist cool.
Beschreiben Sie Ihren Weg zu den WorldSkills.
Linus Großhardt: Ich bin über den Contest in die Nationalmannschaft gekommen. Das ist eine Art Auswahltraining, für das man sich bewerben kann. Im April war dann in Kassel das Auswahltraining für die WorldSkills und da wurde entschieden, dass ich nach Lyon fahre.
Wer entscheidet das?
Andreas Großhardt: Normalerweise entscheiden die Trainer und Teamleiter zusammen. In diesem und im vergangenen Jahr habe ich mich aber beim Contest für die Zimmerer-Nationalmannschaft, bei der Deutschen Meisterschaft und auch bei der Entscheidung für die WorldSkills rausgenommen. Bei letzterer war ich auch gar nicht dabei. Einerseits wollte ich Linus nicht im Weg stehen, andererseits sollte es auch nicht so aussehen, als hätte er einen Vorteil.
Die Zimmerer sind bei Europa- und Weltmeisterschaften traditionell sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Andreas Großhardt: Wir arbeiten schon etliche Jahre an der Mannschaft. Wir versuchen, uns regelmäßig zu verbessern, Probleme auszumerzen, dass die Neuen von den Erfahrenen lernen. Unsere Trainer probieren auch immer wieder neue Techniken aus, versuchen, sie zu optimieren und auf neue Aufgaben anzupassen. Normalerweise sind in der Mannschaft immer mehrere Jahrgänge vertreten. Momentan haben wir da leider eine kleine Lücke, weil einige abgesprungen sind und wir in den Jahrgängen davor die Lücken nicht ganz so füllen konnten, wie wir es gerne gehabt hätten.
Woran liegt das? Gibt es nicht mehr genug Lehrlinge?
Andreas Großhardt: Nein, im Zimmererhandwerk gibt es genug Nachwuchs. Aber zum einen spielt das Alter eine Rolle (bei World- und EuroSkills gibt es eine Altersgrenze, Anm. d. Red.) und zum anderen müssen sie Talent für das Handwerkliche haben, wie etwa räumliches Vorstellungsvermögen. Und dann müssen sie auch noch motiviert sein. Bei den vielen Möglichkeiten, die es heute gibt, seine Freizeit zu verbringen, müssen Sie erst einmal jemanden finden, der das alles ist und darüber hinaus bereit ist, alles hinten anzustellen.
Was sind Ihre Aufgaben in der deutschen Zimmerer-Nationalmannschaft?
Andreas Großhardt: Als einer der Teamleiter ist es meine Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Trainings stattfinden, dafür zu sorgen, wer in die Mannschaft kommt. Und wir stellen die Experten für die Deutsche Meisterschaft, die Euro- und WorldSkills.
Linus, wie trainieren Sie für die WorldSkills?
Linus Großhardt: Seit Juli trainiere ich in Vollzeit. Zu Hause in der Garage habe ich mir einen Trainingsbereich eingerichtet, mit allem, was ich dann auch im Wettbewerb zur Verfügung habe.
Wissen Sie schon, welche Aufgabe Sie in Lyon erwartet?
Linus Großhardt: In diesem Jahr gibt es drei Vorschläge, aus denen dann das eine Wettbewerbsmodell gemacht wird. Vor den WorldSkills werde ich jedes Modell einmal gebaut haben.
"Es wird ein Pavillon, ähnlich wie bei den EuroSkills. Nur ein bisschen größer und mit mehr Holz, weil der Wettbewerb bei den WorldSkills länger dauert als bei den EuroSkills: 22 Stunden und vier Tage statt 18 Stunden und drei Tage."
Linus Großhardt
Wie wird das Modell denn aussehen?
Linus Großhardt: Es wird ein Pavillon, ähnlich wie bei den EuroSkills. Nur ein bisschen größer und mit mehr Holz, weil der Wettbewerb bei den WorldSkills länger dauert als bei den EuroSkills: 22 Stunden und vier Tage statt 18 Stunden und drei Tage.
Nun sind die WorldSkills ja noch internationaler als die EuroSkills. Wer sind Ihre größten Konkurrenten?
Linus Großhardt: In Europa sind viele gut. Starke Nationen kommen aber auch aus Asien. Dort trainieren die Teilnehmer oft drei oder vier Jahre für einen Wettbewerb. Auf Instagram habe ich gesehen, dass der koreanische Teilnehmer schon vor vier Jahren Modelle gebaut hat. Das ist ganz anders als bei uns. Gegen diese Leute anzutreten, die um ein Vielfaches mehr trainiert haben als man selbst, macht es aber auch so spannend.
Und Ihr "Trainingszentrum" ist also die heimische Garage?
Andreas Großhardt: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, das räumlich zu trennen. Der Alltag läuft in der Werkstatt ab. Wenn Linus da zwischendrin trainieren müsste, wäre das für beide Seiten nicht gut.
Linus Großhardt: Das Garagentor ist meistens offen. Wenn mein Vater nach Hause kommt, läuft er durch und guckt, was ich gerade mache. Und wenn ich eine Frage habe, frage ich ihn.
Andreas Großhardt: Wir haben da beide unseren Spaß und unsere Freude daran. Aber ich trage ihm kein Wissen hinterher. Wenn er Fragen hat, bin ich da und beantworte sie selbstverständlich. Ich schaue auch mal drüber und gebe Tipps oder Hinweise wie "probier es doch mal so rum aus".
Wie ist das bei anderen Teilnehmern?
Andreas Großhardt: Bei anderen Teilnehmern versuche ich das auch. Nur sind sie nicht vor Ort, sondern irgendwo in Deutschland. Dann telefonieren wir ab und zu und fragen, wie es läuft. Jetzt ist es natürlich einfacher, weil wir beim Mittagessen darüber sprechen können.
Ist Ihr Vater Ihr Vorbild?
Linus Großhardt: Ja, schon. Vom Alter her sind aber auch Philipp Kaiser, der amtierende Vize-Weltmeister und Europameister Jonas Lauhoff meine Vorbilder. Ich konnte bei einigen Trainings zuschauen, wie sie trainieren, was sie machen und wie sie es machen. Das war spannend.
Motivation und Glückwünsche vor dem Wettkampf

Jonas Lauhoff, Europameister 2023
"Die EuroSkills waren für mich eine megacoole Zeit und eine sehr schöne Erfahrung. Linus, gib niemals auf, schau immer nach vorn. Erst zum Schluss wird abgerechnet. Du rockst das. Viel Erfolg."

"Linus, alles Gute und viel Erfolg. Vor allem aber vergiss im Wettbewerbsstress nicht,
Philipp Kaiser, Vize-Weltmeister 2022
dass Du es liebst, was Du hier tust. Somit genieß die Tage, die im Rückblick definitiv
zu schnell vergangen sein werden. Es werden einmalige Tage mit Erinnerungen fürs Leben. Ich denke immer wieder gern an die Zeit zurück."
Hat Jonas Lauhoff als amtierender Europameister Tipps für die Weltmeisterschaft geben können?
Linus Großhardt: Beim Auswahltraining in Kassel hat er uns viele Tipps gegeben und uns gut unterstützt, auch mit einer kleinen Fräser-Schulung.
Sind Sie insgesamt mit Ihrer Vorbereitung zufrieden?
Linus Großhardt: Klar gibt es immer mal etwas, das nicht klappt. Bei dem Modell, an dem ich gerade arbeite, baue ich eine Sache jetzt zum zweiten Mal, weil sie einfach nicht gepasst hat. Letztendlich geht es aber darum, dass ich selbst am Ende des Wettbewerbs mit meiner Leistung zufrieden bin. Darauf trainiere ich hin.
Unterstützen Sie Ihren Sohn in Lyon bei den WorldSkills?
Andreas Großhardt: Natürlich bin ich dabei. Allerdings glaube ich, dass es wichtiger ist, im Vorfeld ein offenes Ohr zu haben. Manchmal sind es die verschiedenen technischen Lösungsmöglichkeiten, die wir beim Abendessen auf einem Schmierzettel diskutieren. Manchmal sind es kleine Hinweise, die hoffentlich weiterhelfen und manchmal ist es die mentale Unterstützung, dass man sagt, mach mal ein bisschen weniger oder konzentriere dich nur auf eine Sache.
"Das Ganze ist ein Riesen-Erlebnis, eine Atmosphäre wie bei den Olympischen Spielen."
Andreas Großhardt
Welche Erfahrungen können junge Handwerker bei Wettbewerben wie den WorldSkills sammeln?
Andreas Großhardt: Es ist für sie die einmalige Möglichkeit, sich mit Spitzenleuten aus der ganzen Welt in ihrem Beruf zu messen und ihr Fachwissen zu erweitern. Das Ganze ist ein Riesen-Erlebnis, eine Atmosphäre wie bei den Olympischen Spielen. Das muss man selbst erlebt haben und das werden die jungen Menschen wahrscheinlich ihr Leben lang im Herzen tragen und viel für ihr weiteres Leben mitnehmen.
Was erhoffen Sie sich von den WorldSkills in Lyon?
Linus Großhardt: Ich möchte mit meiner eigenen Leistung zufrieden sein. Natürlich wäre das Ziel das Podium, aber das hat auch mit Glück zu tun. Es sind ja alle gut. Ein Punkt hin oder her kann über zwei, drei Platzierungen entscheiden.
Andreas Großhardt: Ich rate ihm, was ich allen Teilnehmern sage: Gebt euer Bestes und habt Spaß.