Neues Jahr, neues Erscheinungsbild: Moderator Louis Klamroth hat der Talkshow "hart aber fair" ein neues Konzept verpasst, das Politiker stärker mit Bürgern und der Realität konfrontieren soll. Das klappte in der ersten Sendung noch nicht ganz – obwohl eine Friseurmeisterin den phrasendreschenden Politikern beharrlich Paroli bot und dabei deutlich machte: Der Mittelstand ist derzeit aus den unterschiedlichsten Gründen frustriert.

Die ganze Enttäuschung, die die arbeitende Mitte derzeit in Deutschland erfährt, fasste Zuhra Visnjic direkt zu Beginn dieser "hart aber fair"-Ausgabe in klare Worte – die aus dem Munde einer Handwerkerin, die selbst eine Migrationsgeschichte hat, umso eindringlicher wirkten: "Mein Vater hat immer gearbeitet und gesagt, in Deutschland wird der Arbeiter verehrt. Das ist jetzt nicht mehr so." Das saß. Denn wenn auch bei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die sich hier mit Fleiß und viel Arbeit eine Existenz aufgebaut haben, so langsam aber sicher der Stolz auf dieses Land verloren geht, muss es wirklich fünf vor Zwölf sein.
Visnjic dominierte die ersten 40 Minuten der ersten Ausgabe von "hart aber fair" im Jahr 2024. Sie wurde direkt zu Beginn auf das Panel gebeten, nachdem Klamroth zuvor die anwesenden Politiker begrüßt hatte. Ihr oblag sozusagen die Rolle, Carsten Schneider (SPD), Carsten Linnemann (CDU) und Sahra Wagenknecht (BSW) als Vertreterin von Handwerk und Mittelstand aus der gewohnten Phrasendrescherei herauszuzwingen. Das gelang nur zum Teil, denn alle drei Politiker zeigten sich nicht gerade in der Laune, aus ihren Stanzen auszubrechen, auch wenn Visnjic sich ins Zeug legte: Sie habe große Sorgen, Existenzängste, könne nachts nicht schlafen. Alles werde teurer, sie habe Sorge, wie es weitergehen soll, sagte sie.
Drei Politiker, drei Phrasen
Das war deutlich, führte aber nicht zu einer inhaltlichen Diskussion mit den Politikern, sondern unter anderem zu folgenden Phrasen: "Die Lage ist besser als die Stimmung." (Schneider), "Wir haben uns jahrelang zu wenig damit beschäftigt, dass Wohlstand erst erarbeitet werden muss." (Linnemann), "Im Mittelstand müssen viele kämpfen." (Wagenknecht). Alles oft gehört, manches auch durchaus richtig, aber auch zu oft ohne Konsequenzen geblieben, dürfte sich so mancher Zuschauer gedacht haben. Zumal Visnjic der Diskussion einen interessanten Aspekt hinzufügte, nämlich zu der Frage, ob in Deutschland nur auf hohem Niveau gejammert werde. Das sei nicht falsch, sagte Visnjic, "aber dieses Niveau haben wir uns erarbeitet". Da sprach die Unternehmerin, der dieses Land vieles ermöglicht hatte, und die nun begründete Angst hat, dass sie sich auf die Unterstützung jenes Landes nicht mehr verlassen kann. Und sie setzte mit Blick auf eine Partei sogar noch einen drauf: "Ich habe immer SPD gewählt, aber ich habe das Gefühl, sie kümmern sich nicht mehr um die Arbeiter", sagte sie in Richtung Schneider, der in seiner Antwort erneut auswich.
Klamroths Konzept funktionierte noch nicht ganz
So blieb das neue Konzept von Klamroth, selbst wenn er die Friseurmeisterin oft unterstützte, noch Stückwerk. Die Politik mit der Realität zu konfrontieren, funktioniert eben nur, wenn sich die Politik auch darauf einlässt. Und da stand erneut viel zu oft der parteipolitische Zank im Mittelpunkt, anstatt konkret auf die Probleme einzugehen. Und so sehr die Friseurmeisterin Visnjic der Sendung aus Sicht des Handwerks gutgetan hat, Kritik muss sich die Redaktion von "hart aber fair" allerdings auch für diese Besetzung gefallen lassen. Zwar ist es verständlich und legitim, dass der Sender bevorzugt auf fernseherprobte Gäste setzt. Es hätte aber nicht die Friseurin sein müssen, die schon in der "ZDF Reportage" und bei "Stern TV" zu sehen war und dort ihre Situation jeweils etwas anders geschildert hat.
Nachdem die mittlerweile auf das Panel gerufene Unternehmerin und Autorin Tijen Onaran die Politiker ebenfalls daran erinnert hatte, dass sie es seien, auf die die Menschen bauen würden, und sie nicht umgekehrt ständig betonen sollten, sie bauten auf die Menschen, kam Visnjic noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das viele im Mittelstand beschäftigt. Es ist die Frage, für wen die Politik derzeit eigentlich primär arbeitet. "Man hört viel, da und da muss geholfen werden", sagte die Friseurin. "Bei mir ist es so: Ich kümmere mich erst mal um meine Kinder. Wenn etwas übrig ist, kann ich mich vielleicht auch um andere kümmern." Solche Aussagen gründen auf dem Umstand, dass der Mittelstand stets die Auswirkungen von Politik bezahlen darf, andere gesellschaftliche Bereiche aber oft geschont werden – und das, ohne die arbeitende Mitte unterm Strich zu entlasten.
Handwerker und Bauern mit ähnlichen Motiven
Genau dieses Gefühl haben die Bauern bei ihren Protesten artikuliert. Klamroth hatte dort ein Video gedreht, auf dem Landwirte zu Wort kamen. Sie betonten, dass sie weder rechts seien noch gegen die Demokratie arbeiten würden, das Volk aber von der Politik schon gehört werden müsse. Einer sprach explizit auch die vielen Selbstständigen und Handwerker bei den Protesten an. Da schloss sich thematisch der Kreis, ehe Visnjic wieder ins Publikum zurückging und sich die Sendung in der Folge neben den Bauernprotesten noch um die weiteren Demonstrationen der vergangenen Wochen sowie um die Frage des Klimagelds drehte. Und es wurde deutlich, dass es Unzufriedenheit derzeit in weiten Teilen der Gesellschaft gibt, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen heraus.
Die Mitte hadert gut begründet mit der Politik
Im Gedächtnis blieb, dass gerade auch Menschen mit Migrationshintergrund, die es in Deutschland zu etwas gebracht haben und meilenweit weg von rechtsextremen Ideen sind (Visnjic: "Die Demokratie-Proteste der vergangenen Wochen haben mich berührt."), es derzeit sehr schwer haben in Deutschland und mit der Politik nicht aus irgendeinem Gefühl heraus, sondern gut begründet hadern. Eigentlich müssten gerade sie zurückgewonnen werden, anstatt ihre Probleme mit Phrasen abzutun oder sie gar in Ecken zu stellen, in die sie nicht gehören. Aber bis sich diese Sichtweise durchsetzt, dürfte es gerade in der Ampel-Regierung leider noch dauern.
>>> Die vollständige Sendung können Sie sich hier ansehen: "Hart aber fair mit dem Thema: "Wut, Proteste, neue Parteien: Wer hält unser Land noch zusammen?"