Louis Baureis hat eine Nische entdeckt: Er schreibt auf LinkedIn über Themen, die ihn während der Arbeit in der elterlichen Schreinerei beschäftigen. Bald wird er den Betrieb als Quereinsteiger übernehmen und digital umstrukturieren. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung verrät er, was ihn auf dem Karrierenetzwerk so erfolgreich macht – und welche Themen einen Nerv treffen.

Herr Baureis, eine Schreinerei auf LinkedIn. Das ist schon eher ungewöhnlich. Warum haben Sie sich auf dem Karrierenetzwerk angemeldet?
Louis Baureis: Ende letzten Jahres habe ich mich mit meinem Vater und meiner Mutter zusammengesetzt und über meine berufliche Zukunft gesprochen. Der Weg, den ich vorher eingeschlagen hatte, beim Großhandel, war doch nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Ich habe meine Eltern gefragt, ob ich als Quereinsteiger in ihre Schreinerei in Viernheim einsteigen könnte. Bei meinem Vater war schon absehbar, dass er den Job nicht mehr so lange machen wollte. Jetzt gehen wir noch die nächsten Jahre zusammen und er wird sich langsam zurückziehen.
Als ich dann in unserem Betrieb angefangen habe, habe ich den krassen Gegensatz zwischen Konzern und Handwerksbetrieb gesehen. Man kommt ins Büro und überall liegen Papierstapel. Ich musste mir erst einmal einen Überblick verschaffen.
In einem Gespräch fragte mich ein guter Freund, der in einer Marketingagentur arbeitet: "Louis, was hast du eigentlich genau vor?" Sein Tipp war: "Fang doch mal auf LinkedIn an, da hast du eine geile Nische".
Und dann haben Sie direkt losgelegt?
Nein, nicht direkt. Das Ganze hat etwa drei Monate Vorbereitungszeit in Anspruch genommen. Ich musste mich erst einmal informieren. Ich bin nicht viel auf Social Media unterwegs. Ich musste zum Beispiel erst lernen, wie man einen guten Post für LinkedIn schreibt, wie er aufgebaut sein muss und wie der Algorithmus funktioniert. Ich habe Testposts geschrieben und dann Feedback von der Agentur bekommen, wie ich es noch authentischer machen kann. Die Experten dort haben mir sehr geholfen.
Worauf kommt es denn an, bei einem Post auf LinkedIn?
Da gibt es mehrere Aspekte, die man berücksichtigen sollte. Wer mit dem Posten beginnt, sollte den Algorithmus nicht überfordern. Das bedeutet, man sollte mit ein bis zwei Posts pro Woche beginnen und diese Frequenz nach und nach steigern – sofern die Follower Interesse zeigen. Direkte Links in Beiträgen wirken sich negativ auf die Performance aus. Effektiver ist es, sie über persönliche Nachrichten zu versenden. Dies kann zum Beispiel so formuliert werden: "Bei Interesse schreibe mir gerne eine DM, dann kann ich dir mehr dazu erzählen/weitere Informationen zukommen lassen". Die beste Zeit, um einen Post abzusetzen, ist zwischen 7 und 10 Uhr oder zwischen 16 und 19 Uhr. Wenn der Post in der ersten Stunde nach Veröffentlichung intensiv betreut wird, führt dies zu erhöhter Interaktion und mehr Reichweite. Das heißt: Kommentare liken und beantworten.
Die gute Vorbereitung scheint sich ausgezahlt zu haben. Ihr erster Post war ja direkt ein Erfolg...
Ja, vor etwa drei Monaten habe ich meinen ersten Post veröffentlicht. Er ist mega viral gegangen und hat bis heute etwa 600.000 Impressionen. Ich habe darüber geschrieben, dass nicht alle Menschen mit ihrem Computer am Strand liegen können. Es braucht auch Menschen für die "Realwirtschaft", nämlich Handwerker. Es hat mich sehr gefreut, dass der Post so erfolgreich war. Daher habe ich direkt gesagt, wir machen weiter und wollen über unseren Betriebsalltag im Handwerk berichten.
"Ich sehe LinkedIn als Investition in die Zukunft."
Wie viel Zeit investieren Sie?
Ich mache etwa ein bis zwei Posts pro Woche. Wenn ich viel zu tun habe, fällt der Post auch mal aus. Wenn ich einen Text schreibe, dann lasse ich ihn oft über Nacht ruhen, lese nochmals drüber und gebe ihn auch noch an die Agentur von meinem Freund. Irgendwann wird man blind für seinen eigenen Text und vier Augen sehen mehr als zwei. Ich schaue oft auch erst nach Feierabend meine Kommentare durch. Das muss man sich auch klarmachen: dafür fehlt während der Arbeit oft die Zeit bzw. gibt es Wichtigeres zu tun.
Was sagt denn ihr Vater dazu?
Mein Vater hält sich bei LinkedIn heraus. Er kann mit den sozialen Medien nicht viel anfangen. Schließlich verkaufen wir ja keine Tische oder Fenster über die sozialen Netzwerke, sagt er. Ich sehe das etwas anders. Für mich ist das eine Investition in die Zukunft. Die jüngeren Menschen sind alle in den sozialen Netzwerken unterwegs. Natürlich haben wir aktuell noch genug andere Kunden und Geschäftspartner. Doch in ein paar Jahren könnte sich das ändern. Die Jüngeren schauen eher mal, was in den Google-Bewertungen steht oder was auf Instagram gepostet wird. Wer da als Handwerker schlecht aufgestellt ist, hat es schwer.
Hatten Sie denn schon Anfragen über das LinkedIn-Profil?
Tatsächlich ja. Ein Kunde hat sich über LinkedIn gemeldet und einen höhenverstellbaren Schreibtisch bestellt. Er ist extra dafür eineinhalb Stunden nach Viernheim gefahren. Den Tisch haben wir mittlerweile fertig hergestellt und er wird bald abgeholt. Vielleicht bestellt er auch noch einen Couchtisch bei uns. Man darf natürlich nicht die Illusion haben, dass man als Handwerker dort andauernd Aufträge erhält. Es ist keinesfalls so, dass ich nur noch Kunden über LinkedIn gewinne, wie es vielleicht bei anderen Berufsgruppen der Fall ist.
Nach den ersten Monaten haben Sie ja schon ein gewisses Gespür für die Themen. Welche Inhalte werden besonders stark diskutiert?
Wenn ich zurückblicke, waren es vor allem die stark polarisierenden Themen, die gut angekommen sind. Ein Thema, das viel diskutiert wurde, war zum Beispiel der Post darüber, wie man in der Gesellschaft angesehen wird, wenn man in der Arbeitskleidung eines Handwerkers herumläuft. Das habe ich selbst gemerkt, als ich im Supermarkt in Arbeitskleidung an der Kasse stand. Letztes Jahr bin ich im Gegensatz dazu mit schönen Haaren, Brille und Anzug oder Hemd herumgelaufen. Man wird in der Gesellschaft ganz anders behandelt. Ich habe dann geschrieben: "Du bist nicht besser, nur weil du einen Anzug trägst!"
"Dass ich abends auf der Couch liegen und sage "Ich bin ein geiler Typ", davon kann ich mir am Ende des Tages auch nichts kaufen. Ich will einfach da dranbleiben, authentisch bleiben, über Sachen sprechen, die im Handwerk passieren."
Wer folgt Ihnen?
Meine Follower sind bunt durchmischt. Es sind jüngere und ältere Menschen dabei. Je nach Thema erhalte ich dann eher mal von Azubis oder von älteren Geschäftsführern einen Kommentar. Und auch geografisch ist das nicht auf eine Region festgelegt. Ich habe es erst letztens mit meiner Agentur ausgewertet und wir haben festgestellt, dass ich nicht nur Follower aus der Rhein-Neckar-Region habe, sondern die zweitgrößte Gruppe aus München und Hamburg kommt.
Was empfehlen Sie Handwerkern, die auf LinkedIn starten möchten?
Auf jeden Fall ist eine gute Vorbereitung wichtig. Drei Monate würde ich dafür schon einplanen. In dieser Zeit muss man das Netzwerk erst einmal kennenlernen, schauen, was ist bei LinkedIn anders als bei anderen Netzwerken. Und man muss sich überlegen, für welche Themen sich die Leute dort interessieren, was ankommt, worüber diskutiert wird. Dafür gibt es auch spezielle Agenturen, deren Hilfe man in Anspruch nehmen sollte. Es kann ja keiner erwarten, dass sich ein Handwerker mit all diesen Fragen auskennt.
Für die Posts kann ich noch folgende Tipps mit auf den Weg geben:
- Posts mit einer interessanten Headline beginnen, die den Leser packt.
- Auf das Thema der Headline im Post zügig eingehen. Wenn dies zu spät passiert, wird der Post uninteressant und wirkt ohne Zusammenhang.
- Den Post offen mit einer Frage beenden. Das erhöht die Interaktion und schafft frische Blickwinkel wie auch andere Denkansätze.
- Immer mit Bild posten, Menschen möchten ein Bild/ein Gesicht zur Story.
Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre? Haben Sie ein bestimmtes Ziel für LinkedIn festgelegt?
Ich habe LinkedIn nicht mit dem Ziel angefangen, innerhalb von X Monaten X-1.000 Follower zu haben. Dass ich abends auf der Couch liegen und sage "Ich bin ein geiler Typ", davon kann ich mir am Ende des Tages auch nichts kaufen. Ich will einfach da dranbleiben, authentisch bleiben, über Sachen sprechen, die im Alltag passieren, die im Handwerk passieren. Und dann bin ich der Meinung, kommt der Rest auch ganz von alleine, ob Aufträge oder der zukünftige Mitarbeiter.
>>> Hier geht's zum LinkedIn-Profil von Louis Baureis.