"3D-Up!" für die Orthopädietechnik Von der Hand in die Cloud: Orthesen aus dem 3D-Drucker

Das Start-up "3D-Up!" bietet Orthopädietechnikern eine cloudbasierte Lösung zum Entwurf von Hilfsmitteln an – die Gründer wollen damit kleinere Betriebe bei computerbasierter Fertigung unterstützen.

Stephan Morth
Stephan Morth individualisiert eine Handorthese in der Software. - © 3D-Up!/Paavo Blafield

Stephan Morth und Marco Hoffmann wollen Kollegen unter die Arme greifen. Normalerweise tun die beiden Orthopädietechnikermeister das bei Kindern und Jugendlichen, indem sie sie mit orthopädischen Hilfsmitteln versorgen. Doch gerade, wenn es um additive Fertigung von zum Beispiel Orthesen geht, sehen Morth und Hoffmann noch Bedarf bei kleineren Sanitätshäusern.

Deshalb haben sie im vergangenen Jahr mit dem Software-Entwickler Stefan Biller das Start-up "3D-Up!" gegründet. Mit der browserbasierten Software, die "3D-Up!" entwickelt, lassen sich Druckvorlagen zur additiven Fertigung der Hilfsmittel erstellen. Anhand der Dateien von 3D-Scans von zum Beispiel Beinen oder Armen entwirft das Programm Modelle von Orthesen, die wiederum am 3D-Drucker ausgedruckt werden können.

Kleine Sanitätshäuser scheuen die Investition in Software

Diese Technik ist in der Branche seit längerer Zeit erprobt. Additive Fertigung am 3D-Drucker ist keine Neuigkeit. Leisten kann sich das jedoch längst nicht jeder Betrieb. Sowohl Software als auch Drucker sind im Moment noch so teuer, dass gerade kleine Sanitätshäuser die Investitionen dafür scheuen. Rechnerbasierte Software kostet derzeit noch bis zu 20.000 Euro. Morth und Hoffmann wollen hier Abhilfe schaffen. Auf der Orthopädietechnik- Messe "Expolife" in Kassel haben sie ihre Softwarelösung vorgestellt, die cloudbasiert und mit einem Browser genutzt werden kann.

Stephan Morth betont, dass die Technik weder eine aufwendige Hardware noch ein bestimmtes Betriebssystem braucht. Selbst am Smartphone funktioniert sie mit der entsprechenden App. Das Programm muss nicht einmal im Abonnement bezahlt werden. Die Benutzer entlohnen die Anbieter erst, wenn sie die Herstellungsvorlage als entsprechende Datei erhalten. Da die App auch komplexe Konstruktionen ermöglicht, steigt der Preis für einen Download mit der Zahl der Funktionen, die die Kunden nutzen. Eine rechnerbasierte Lösung erfordert im Gegensatz dazu neben den Anschaffungskosten für die Software eine deutlich größere Hardwareleistung. Und die Cloud hat laut Morth noch andere Vorteile. Zukünftig, so schätzt er, können 80 Prozent der Modelle für Orthesen aus einer Bibliothek abgerufen und als Vorlagen auf Patientenmaße angepasst werden.

Stefan Biller, Stephan Morth und Marco Hoffmann
Die Gründer: Stefan Biller, Stephan Morth und Marco Hoffmann (v.li.) in der Werkstatt. - © 3D-Up!/Paavo Blafield

Noch ist "3D-Up!" fast allein mit diesem Angebot am Markt. Bisher gibt es nur ein weiteres Unternehmen, das eine ähnliche Cloudlösung anbietet. Die Qualität der Programme bewege sich auf einem ähnlichen Niveau, so Morth.

Klassische Gründung mit ausgefeiltem Businessplan

Die Idee zum Angebot hatten die beiden Orthopädietechniker selbst. Umgesetzt wurde das Programm mit dem Entwickler Stefan Biller, der gleichberechtigt das Start-up führt. Eigentlich war "3D-Up!" eine klassische Unternehmensgründung mit einem ausgefeilten Businessplan. Das heißt aber nicht, dass die Gründer über die KfW sofort eine Förderung erhalten hätten. "Es war letztlich sehr schwierig, einen Kredit zu bekommen", sagt Stephan Morth. Das Zinsangebot der KfW lag deutlich über dem ihrer Hausbank. Die Anfrage habe sich mit dem Beginn des Ukraine-Krieges geschnitten. Obwohl die Hausbank die Prüfung abgeschlossen hatte, hat es am Ende viel zu lange gedauert. Dabei war die Investitionssumme mit 200.000 Euro recht überschaubar.

So wie das Programm jetzt gestartet ist, soll es nicht bleiben. Es ist auf Weiterentwicklung angelegt. "3D-Up!" arbeitet nach dem Prinzip inkrementeller Entwicklung. Der nutzbare Teil der Software werde, aufeinander aufbauend, erweitert. "Wir arbeiten in schrittweisen Verbesserungen und neuen Funktionen", sagt Morth. Von den Beta-Testern hätten er und seine Kollegen bereits positives Feedback erhalten. Bis jetzt umfasst die Dienstleistung nur die Bereitstellung der Software. Da die Anschaffung eines 3D-Druckers für viele Firmen ebenfalls eine zu kostspielige Investition darstellt, soll das Angebot eventuell um den Druck der Hilfsmittel erweitert werden.

Patient rückt in den Mittelpunkt

Für Morth und Hoffmann ist diese Art der Fertigung bereits alltägliches Business. Zwar erledigen die kleineren Orthopädietechnik-Unternehmen noch einen großen Teil der Arbeit mit der Hand, die additive Fertigung werde jedoch in absehbarer Zeit überall üblich sein. Für das Berufsbild des Orthopädietechnikers bleibt die Digitalisierung nicht ohne Auswirkungen, wie auch Morth zugibt. Doch das müsse nicht schlecht sein. Während früher die technische Umsetzung des Hilfsmittels im Vordergrund stand, rücke damit zunehmend der Patient in den Mittelpunkt. Die Handwerker könnten sich verstärkt mit der Auswahl der Hilfsmittel beschäftigen. Stefan Morth: "Wir werden mehr am Menschen arbeiten."

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